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1935

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Ereignisse

  • 8.2.1935: Brief Alfred Döblins an Nathan Birnbaum (Original im Zionistischen Zentralarchiv Jerusalem, ohne Datum, vermutlich 8.2.1935), der (Birnbaum) ihm (Döblin) als Mitarbeiter am "Ruf" (Birnbaums Zeitschrift) Unkenntnis und mangelnde Anerkennung des "wahren Judentums" vorwirft: ... ich danke Ihnen für Ihren ausführlichen und aktuellen Brief; wie üblich bin ich mit Ihren Vorschlägen einverstanden, denn Sie haben selbstverständlich den Charakter Ihrer Zeitschrift zu wahren. Interessanter freilich für mich ist die Frage, wie Ihr Standpunkt und meiner sich nähern kann. Ihre Position ist an sich (soweit ich orientiert bin) aufgeschlossener und lebensnäher als die der Durchschnittsorthodoxen. Sie entziehen sich aber (wie das auch andere auf ganz anderen Gebieten tun, z. B. die Nazis gegenüber den Juden) einer Diskussion mit dem Hinweis auf einen Defekt des Gegners. Nun sind zweifellos bestimmte Debatten gänzlich überflüssig und sinnlos ... Sie haben völlig recht. Ich habe "das wahre Judentum", von dem Sie schreiben, nie erlebt und hoffe es nie zu erleben. Wenn es einen Leiter unserer persönlichen Geschicke gibt, so hat er es mir erspart, diese Sackgasse zu passieren, die schon so furchtbares Unglück über das jüdische Volk gebracht. Das dogmatische Wort vom "wahren Judentum" – Sie wissen selbst, Herr Dr. Birnbaum, dass einmal dieses wahre Judentum das ganze jüdische Volk [?] repräsentierte, - jetzt aber, wo Sie durch Ihre Schuld in die tötliche [sic] Absplitterung und Isolation gestossen sind, wieviel Juden sind denn heute noch "wahre Juden", und wieviele werden es noch morgen sein, und die glauben Sie alle als falsche (oder sagen wir doch offen als Nichtjuden) bezeichnen zu können? Mit welcher Legitimität? Kennen Sie wirklich das wahre Judentum? Haben Sie einmal ruhig und aufmerksam, wie ich es vor zehn Jahren tat, die Stätten durchwandert, in Polen, wo jüdisches Volk noch in Massen wohnt und sich einmal, ruhig und aufmerksam, das Volk angesehen? Ich glaube, Sie kennen das wahre Judentum garnicht [sic], denn Sie verwechseln ein geistig-religiöses einzelnes Produkt jüdischer Herkunft (und es kann noch so hochwertig sein) mit dem lebendigen Volk. Ich habe die Orthodoxie, die für Sie Trägerin des wahren Judentums, gesehen, aber ich habe ihr nicht den Gefallen getan, bloss auf ihre Gebetsfertigkeit und hervorragende Exaktheit in Erfüllung der Vorschriften zu blicken, sondern ich habe die ganzen Menschen angesehen, und geprüft, warum sie sich so verhalten, was es ihnen bedeutet, ich habe ihre Gesichter und Gesten gesehen, habe Äusserungen ihres – ausserreligiösen – Fühlens und Denkens gesehen, und da weiss ich schon allerhand, jedenfalls mehr, als sie selbst von sich (schlauerweise) wissen. Beiseite eine kleine Anzahl wunderbarer feiner Einzelfiguren, die ich traf und sprach; es waren sehr Fromme, sie wurden von anderen ausgehalten. Von der grossen Mehrzahl, (die in Bezug auf "wahres Judentum" genau so denken wie Sie) ist etwas anderes zu sagen. Sie haben zum grössten Teil keine Berührung mit dem Abendland gehabt, ihre Schulbildung in unseren Elementarfächern war auf dem Niveau eines primitiven afrikanischen Stammes (in Lublin fragten mich zwei beliebige grosse Burschen ..., ob "Belgien" in Asien liege und brachten ungeheuerliche Phantasmen astronomischer Art vor, Rudimente mittelalterlichen Denkens, Hitler hätte seine Freude daran gehabt). Dies Volk lebt unter den grausigsten ja schändlichsten wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, es gibt eine kleine Zahl Reicher, ja sehr Reicher, die ständig eine Art Wohltätigkeit üben, dieses Volk ist grösstenteils (aber schon nicht die recht [? unlesbar] Jugend) "orthodox", es ist die Gläubigkeit der Verzweiflung, wahrhaftig, ihnen muss die Religion, wie sie ist, erhalten werden. Das ist "wahres Judentum?" Massen, die am Verrecken sind und sich an die Religion, die ihnen überliefert wird (etwas anderes erfahren sie nicht, können sie nicht erfahren) klammern als an ihren einzigen Besitz? – Ich habe auf die Orthodoxie der wohlhabenden Leute, auch gebildeter Stände, gesehen. Das mag ich noch viel weniger ... Einen Glauben als Besitztum wie ein Bankguthaben, das ist ja dieselbe primitive mechanistische Vorstellung, mit der der arme Katholik sich im Jenseits einen Gnadenschatz (entsprechend so und so viel Rosenkränzen) erwirbt oder sich schon jetzt daraus auszahlen lässt, vom Priester. Das Wort vom "wahren Judentum" ist nicht nur ein bequemes Bankierwort ..., sondern ein verdammt destruktives, - und nur darum interessiert es mich. Wir brauchen ein lebendiges kräftiges jüdisches Volk – so sage ich; aber Sie sagen: ich brauche mein Bankguthaben, sonst habe ich keine Sicherheit. Wir müssen die jüdischen Massen, die mit den hunderttausend "Zäunen" umgeben waren, darum von diesen Zäunen befreien, weil diese Zäune angefangen haben sich für das wahre Judentum auszugeben, wider das Wort der Bibel, wider jedes Wort der Propheten, das Volk beseitigt jetzt mit Kraft diese Zäune – aber was geschieht? Weil jetzt niemand, oder nur wenige, dasind [sic], die ein "Nein" der schrankenlosen Säkularisation entgegensetzen, weil sich überall die Herrschaften in ihre so bequemen Gebetsmäntel einhüllen und der mit der, jener mit einer anderen Nummer "seinen" Gott anbetet ..., darum kommen wir auch jetzt in der Zeit, wo wir uns mal bewegen und erheben sollen, zu keiner Einheit und zu keiner Aktion. Dann hüben die säkularisierten Massen, die sich von der Umwelt verschlingen lassen und nur Wohlstand wollen, und drüben die Orthodoxie, die wie der Ibis auf einem Bein im Sumpf steht und kontempliert. – Entschliessen Sie sich ehrlicher als bis jetzt zu einer realen Bewegung, legen Sie den dogmatischen volksfeindlichen [?] ab, haben Sie Mut und vertrauen Sie mehr auf Gott und die Wahrhaftigkeit als auf Raschi, wir brauchen jetzt alles, was lebendig ist und jüdisch ist – und werden Sie nicht kommen und weiter Ihre stolzen Jeschiwen errichten, während das Volk äusserlich und innerlich zu Grunde geht, so werden Sie sich nicht wundern, wenn alles, was bei uns jung und zukunftskräftig ist, uns im Stich lässt, aber die Verdorrung wird Sie dann bis in die Wurzeln ergreifen, worüber Sie kein frommer Selbstbetrug wegtäuschen wird. Wir müssen wieder ein jüdisches Volk werden, - was leisten Sie dazu (abgesehen von der alten Cabotage, dass Sie es ja sind?) – Nun habe ich genug für heute vom "wahren Judentum" geschrieben; gebe die wenige Vernunft, an die auch ich glaube, dass ich ein solch vermessenes Wort spreche ..."
  • 1.12.1935: Woody Allen in Brooklyn, New York, geboren, eigentlich Allen Stewart Konigsberg, US-amerikanischer Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller; zunächst Gagschreiber und Komiker in Nachtclubs und TV-Shows; seine Filmkomödien zeichnen sich durch subtilen Humor aus; drehte u. a.: „Mach’s noch einmal, Sam“, 1971; „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“, 1975; „Der Stadtneurotiker“, 1977; „Manhattan“, 1978; „Stardust Memories“, 1980; „Zelig“, 1982; „Broadway Danny Rose“, 1984; „The Purple Rose of Cairo“, 1985; „Hannah und ihre Schwestern“, 1986; „Schatten und Nebel“, 1991; „Manhattan Murder Mistery“, 1993; „Bullets over Broadway“, 1994; „Celebrity“, 1998; „Schmalspurganoven“, 2000; „Im Bann des Jade Skorpions“, 2001; „Hollywood Ending“, 2002; schrieb auch Theaterstücke; Woody Allen ist Komiker, Filmregisseur, Autor, Schauspieler und Musiker in einer Person; neben über 40 Filmen als Drehbuchschreiber und Regisseur hat Woody Allen unzählige Erzählungen, Theaterstücke und Kolumnen geschrieben und ist nebenbei begeisterter Jazzmusiker; den Oscar erhielt er dreimal: 1978 für „Der Stadtneurotiker“ in den Sparten bester Regisseur und bestes Drehbuch, 1986 mit „Hannah und ihre Schwestern“ ebenfalls für das beste Drehbuch; Allen nahm die Auszeichnungen allerdings nie persönlich entgegen; insgesamt wurde er einundzwanzigmal für den Oscar nominiert; er gilt als einer der bedeutendsten Regisseure unserer Zeit; Allen Stewart Konigsberg wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, sein Vater Martin Konigsberg, ein arbeitsloser Diamantenschleifer (geboren am 25. Dezember 1900 in New York; gestorben am 13. Januar 2001), seine Mutter Nettie Cherry Konigsberg (geboren im Jahre 1908; gestorben im Januar 2002) und seine Schwester Letty (geboren im Jahre 1943) lebten in Flatbush, einem stark jüdisch geprägten Viertel; obwohl die Eltern keine orthodoxen Juden waren, schickten sie ihren Sohn acht Jahre lang auf eine hebräische Schule; über die Public School 99 führte seine Schullaufbahn zur Midwood High, wo „Red“, so der Spitzname des schmächtigen Rotschopfs, zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte, und zwar durch sein aussergewöhnliches Talent für Kartenspiele (ein geflügeltes Wort in der Midwood High war: Never play cards with Konigsberg); er entwickelte ein gewisses Interesse für das Theater, vor allem aber für das Kino und die Radioshows der Vierziger, wie „Duffy’s Tavern“ oder „The Great Gildersleeve“; und er spielte täglich bis zu zwei Stunden Klarinette; um sein Taschengeld etwas aufzubessern, begann er Gags für die Agentur David O. Alber zu schreiben, die an Kolumnisten grosser Tageszeitungen verkauft wurden; durch sein Talent und Beziehungen durfte er bald Entertainment-Stars wie Sid Caesar zuarbeiten; sechzehn Jahre alt und frisch im Showbusiness, beschloss Konigsberg, fortan den Künstlernamen „Woody Allen“ zu tragen; trotz seines einträglichen Jobs belegte er – seinen Eltern zuliebe – einen Communications Arts Course an der New York University, wo er allerdings kaum zu sehen war; ein prägendes Ereignis seiner Studienzeit war vermutlich der Rat seines Dekans, einen Psychoanalytiker aufzusuchen; Allen, dessen gesammelte Bildung aus Comics, Hörfunksendungen und Marx-Brothers-Filmen stammte, zog es immer wieder zu intellektuellen Frauen; müssig zu erwähnen, dass seine Chancen miserabel waren; also nahm er Privatstunden, um seine kulturellen Defizite aufzuholen; die Taktik ging auf: Prompt landete er bei der Philosophiestudentin Harlene Rosen, sie war sechzehn, er neunzehn, sie beschlossen zu heiraten; das junge Paar zog nach Manhattan, und Woody stieg vom Gagzulieferer zum Drehbuchautor auf; die Ed Sullivan Show, die Tonight Show und einige andere gehörten zu seinen Abnehmern; 1957 trat er, nominiert für den Emmy, das erste Mal aus dem Schatten seiner Auftraggeber und vor die Linse einer Kamera; ungefähr zur gleichen Zeit ging seine Ehe mit Harlene in die Brüche; bis sie ihn 1969 auf zwei Millionen Dollar verklagte, war sie der Hauptgegenstand seiner Gags, die er mittlerweile auch als Prosa veröffentlichte; er begann, Theaterstücke zu schreiben und aufzuführen, aber sein neuer Ehrgeiz war es, Stand-up-Comedian zu werden, eine Gattung von Alleinunterhaltern, die Mitte der Fünfziger in Mode kam; sein erster Auftritt 1960 im Greenwicher Nachtclub Duplex geriet zum Fiasko; seine Manager hielten ihn für den schlechtesten Komiker, der je zu sehen war; aber gemeinsam gelang es ihnen, aus diesem schüchternen und linkischen Auftreten eine Masche zu machen und so einen unverwechselbaren Stil zu kreieren, der Allen zum Geheimtipp avancieren liess; es brauchte seine Zeit und sicher auch einige Überwindung, aber Konigsberg machte aus sich im Laufe der Jahre die Kunstfigur Woody, die bis heute nahezu unverändert in all seinen Filmen vorkommt; vor seiner ersten Filmproduktion 1965 („What’s new, Pussycat“) schrieb Woody Allen bereits 14 Jahre lang Witze, die er grösstenteils als Stand-up-Comedian benutzte oder verkaufte; er war auf dem besten Wege, mit seinem intellektuellen – und somit ungewöhnlichen – Stil und den erfundenen Geschichten aus seinem Privatleben zur nationalen Berühmtheit aufzusteigen; seine ersten Schritte im neuen Medium tat er nach demselben Rezept, das ihm auf der Bühne so grossen Erfolg beschert hatte; so zeichnen sich Woody-Allen-Filme zwischen 1965 und 1975 vor allem durch ihre Kombination von absurdem Sprach- und Bildwitz aus (etwa bei „Der Schläfer“, wo der Erzschurke mit einer riesigen Erdbeere niedergeschlagen wird); wie im Nummern-Kabarett dient die skurrile Handlung oft bloss dazu, eine Abfolge von Gags zu inszenieren; mangels einer eigenen erzählerischen Form bedient sich Allen bereits vorhandener Erzählkonzepte, die er bei dieser Gelegenheit satirisch neu beleuchtet, etwa bei „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“, einer Travestie der Aufklärungsfilme der 1960er; charakteristisch für sein Frühwerk ist ausserdem, dass, seiner eigenen Aussage zufolge, bis zu fünfzig Prozent des jeweiligen Films erst auf dem Set improvisiert wurden, was sicherlich für seine Genialität spricht; viele der eingesetzten Stilmittel, vor allem die Travestie und die teilweise arg surrealen Inhalte, sind auch in seinen 1971, 1973 und 1980 in Buchform veröffentlichten Kurzgeschichten zu finden; in „Husbands and Wives“ („Ehemänner und Ehefrauen“) schliesst Allen 1992 die Reihe seiner Filme mit Mia Farrow ab; der Film handelt von der Liebe und der Beziehungsfähigkeit, wobei der Treue eine eindeutige Absage erteilt wird; der Film „Husbands and Wives“ markiert auch das Ende der Zusammenarbeit von Allen und Mia Farrow, welche seit vermutlich Anfang der 80er Jahre privat ein Paar waren; ihre Beziehung endete, als Mia Farrow Nacktfotos der jungen Adoptivtochter Soon-Yi Previn entdeckte, die Allen geschossen hatte, und Allen ein Verhältnis mit Soon-Yi eingestand; die nun folgende gerichtliche Auseinandersetzung um das Sorgerecht für die übrigen Kinder stellt einen grossen Bruch in seinem Leben dar; Mia Farrow hatte Soon-Yi Previn zusammen mit ihrem damaligen Mann André Previn adoptiert, weswegen Allen Soon-Yi nicht adoptieren durfte im Gegensatz zu Mia Farrows anderen Adoptivkindern Dylan und Moses; Mia Farrow und Woody Allen hatten ausserdem seit 1988 einen gemeinsamen Sohn Satchel Farrow; im Prozess um das Sorgerecht gewann Mia Farrow und bekam am 7. Juni 1993 das alleinige Sorgerecht für Dylan und Satchel zugesprochen; Allens Adoptivsohn Moses durfte selbst entscheiden und lehnte den weiteren Kontakt zu Allen ab; zwar wurde Allen vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs an Dylan, damals sieben Jahre alt, freigesprochen, aber Allen blieb es ausdrücklich verboten, Dylan zu sehen; "Das Gericht stellte in so gut wie allen Punkten seine elterliche Eignung in Frage und nannte Allens Verhalten den Kindern gegenüber ‚missbrauchend und gefühllos’", hiess es dazu am 8. Juni 1993 in der New York Times; obwohl Allen Soon-Yi mit ca. 11 Jahren kennengelernt hatte und ca. 13 Jahre mit Mia Farrow zusammen war, bestritt Allen später, eine vaterähnliche Figur für Soon-Yi gewesen zu sein; im Dezember 1997 heirateten Woody Allen und Soon-Yi Previn; auch mit Soon-Yi adoptierte Allen zwei Kinder; Woody Allen wollte nicht wie einst Charlie Chaplin für den Rest seines Lebens auf die Rolle des Tolpatsches und Filmclowns festgelegt werden; schon zu Zeiten von „Die letzte Nacht des Boris Gruschenko“ bekommen seine bisher recht belanglosen Klamaukfilme einen dunkleren Unterton; 1976 spielt er seine erste ernste Rolle in „Der Strohmann“; im selben Jahr beginnt er auch mit den Dreharbeiten zu „Annie Hall“ („Der Stadtneurotiker“), der in jeder Beziehung einen Bruch zu seinen bisherigen Filmen darstellt, wobei er zum ersten Mal mit dem Kameramann Gordon Willis zusammenarbeitet, einem der führenden Directors of Photography der 1970er Jahre;"Annie Hall" hat weder in Form noch Inhalt einen anderen Film oder irgendein Genre zum Vorbild; auch kann Allen jetzt auf einige filmische Erfahrung zurückgreifen und nutzt verschiedene Aufnahme- und Erzähltechniken wesentlich stärker als zuvor; gleichzeitig setzt er Stilmittel viel bewusster ein, die häufigen Zitate aus anderen Filmen z. B. sind kein Selbstzweck mehr, sondern haben ihrerseits eine eigene Funktion; zusammen mit Kameramann Willis schuf Allen mit ungewöhnlichen Methoden und Stilbrüchen einen ganz andersartigen Film; vor allem aber ändern sich die Inhalte; Woody Allen, mittlerweile 40 und frisch getrennt von Diane Keaton, zieht erstmals Bilanz über sein bisheriges Leben; persönliche Erfahrungen hatte er schon immer in seine Arbeit einfliessen lassen, ein famoses Beispiel hierfür sind Allens Witze über seine Ex-Frau Harlene Rosen („Quasimodo, ich will die Scheidung.“), aber in „Annie Hall“ wird das Publikum erstmals wirklich einbezogen und hat das Gefühl, am Auf und Ab Woodys teilzuhaben; 1978 stellte Allen seinen ersten ernsten Film vor: „Interiors“ („Innenleben“); Allen – der hier nur als Regisseur fungiert – erzählt in präzisen Bildern (Willis) vom Zerfall einer bürgerlichen Grossfamilie; die Leere und Anonymität der Innenräume – daher auch der Originaltitel – kontrastiert die emotionalen Verwirrungen der in ihnen wohnenden Protagonisten; „Interiors“ gilt als Allens deutliche Hommage an den schwedischen Regisseur Ingmar Bergman, ist jedoch auch im Kontext der Beziehungsfilme der späten 1970er und längst schon als Werk mit eigener Berechtigung zu sehen; in „Manhattan“ bezog Allen 1979 wieder stärker komödiantische Elemente ein; anders als bei „Der Stadtneurotiker“ versuchte er, dennoch einen relativ ernsthaften Film zu drehen; der typische Allen-Vorspann – Schwarzbild mit weissen Anfangstiteln, unterlegt mit Jazzmusik – fällt hier weg; stattdessen sieht man eine Abfolge von New-York-Ansichten in Schwarz-Weiss, wobei Allen hier zum ersten und bisher einzigen Mal als Regisseur auf Breitwandbilder in Panavision setzt; man hört Allens Stimme, der mehrmals versucht, ein erstes Kapitel zu texten, abbricht und wieder neu beginnt; schliesslich meint er: „New York was his town, and it always will be“; dann brandet grosse symphonische Musik von George Gershwin auf; Allen ist hier als krisengeplagter TV-Autor Isaac Davis zu sehen, der zwischen verschiedenen Frauen steht und sich erst am Ende zu entscheiden vermag; „Der Stadtneurotiker“ und „Manhattan“ gelten inzwischen unbestritten als Allens grösste Erfolge; diese Filme verbanden seinen Namen auch untrennbar mit dem Big Apple; den letzten Teil der so genannten New-York-Trilogie bildet „Stardust Memories“, das stark an Federico Fellinis „8½“ orientiert ist; wie die beiden Vorgänger ist „Stardust Memories“ deutlich autobiografisch angehaucht, spielt also in New York und handelt von einem Filmschaffenden; allerdings handelt er auch von dessen übergrosser Verachtung für sein Publikum, was Allen in den USA lange Zeit nicht verziehen wurde; es schien fast, als wollte er ein für allemal das Clownsimage ablegen, obwohl er, nach einem Sturm der Entrüstung, darauf bestand, dass es zwischen dem Protagonisten seines Films und ihm selbst keinerlei Parallelen gebe; in den 80er Jahren lassen sich in Woody Allens Produkten zwei Linien unterscheiden: Auf der einen Seite entwickelt er seine Komödien weiter, die nun zu Tragikomödien werden; die Story wird aufwändiger, sie spielt oft in mehreren Handlungs- und Realitätsebenen; die Filme sind auch einiges aussagekräftiger als seine frühen Komödien, ihre Aussage wird zumindest nicht mit plumpen Gags kaschiert, fast alle haben ein Sad Ending, wie zum Beispiel „The Purple Rose of Cairo“, wo die Protagonistin am Ende noch unglücklicher und einsamer ist als zu Anfang; bei „A Midsummernight’s Sex Comedy“ zeigt sich Allen 1982 von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ und dessen amourösen Verwicklungen beeinflusst; mit „Zelig“ präsentiert Allen 1983 eine Satire über einen Menschen, der sich chamäleonartig ständig an seine Umwelt anpasst, der unter chassidischen Juden zum chassidischen Juden und unter Nazis zu einem Nazi wird; Allen porträtiert in diesem Film, der wie ein Dokumentarfilm mit scheinbaren Ausschnitten aus Wochenschauen inszeniert ist, einen Menschen, dessen Unpersönlichkeit ihn durch die Zeiten treiben lässt; 1984 erzählt Allen in „Broadway Danny Rose“ von einem New Yorker Künstleragenten, der sich in mafiöse Kreise verirrt, und porträtiert das Milieu von Standup-Komikern, das die Basis für seine eigene Karriere war; mit seiner Komödie „Hannah and Her Sisters“ erzielte Allen noch einmal einen grossen Erfolg, sowohl in kommerzieller Hinsicht, aber auch bei den Kritikern; der Film erhielt drei Oscars, einer, für das beste Drehbuch, ging direkt an Woody Allen; andererseits experimentiert Allen mit alternativen Formaten: So dreht er beispielsweise mit „September“ oder „Eine andere Frau“ Dramen, die ohne jede Komik auskommen; Kritiker warfen ihm allerdings vor, mit solchen Filmen nur den von ihm verehrten Bergman kopieren zu wollen; auch ein Film über seine Kindheit, „Radio Days“, am einfachsten zu beschreiben als Kostümfilm, entsteht, im Gegensatz zum ebenfalls autobiografischen Theaterstück „The Floating Lightbulb“ durfte dieser sogar nach seiner Uraufführung weiter gezeigt werden, das Stück zog Allen nämlich wieder zurück; bei „Crimes And Misdemeanors“ („Verbrechen und andere Kleinigkeiten“) schilderte Allen eine tödliche Mordintrige, vermied jedoch nicht gelegentliche komödiantische Elemente; bei diesem Film arbeitete Allen zum ersten Mal mit dem Bergman-Kameramann Sven Nykvist zusammen; in den 90er Jahren findet Allen allmählich zu einem neuen Stil; an die Stelle seiner schwarzseherischen Tragikomödien treten nun andere, die wieder leichter und beschwingter anmuten; in Filmen wie „Alice“ hat er zwar, nach der Meinung vieler Kritiker, Schwierigkeiten, zu einem überzeugenden Ende zu kommen, aber diese neueren Filme stehen dennoch für eine im Gegensatz zu den frühen Komödien dramatisch fundierte Entwicklung mit einem im Gegensatz zu den Filmen der Achtzigern positiven Grundtenor; in „Husbands and Wives“ schliesst Allen 1992 die Reihe seiner Filme mit Mia Farrow ab; 1995 beglückt Allen seine Fans mit der – auf den ersten Blick – tumb komischen Satire „Mighty Aphrodite“ (Geliebte Aphrodite); formal sehr streng, in oft langen Plansequenzen, erzählt der Regisseur (und Hauptdarsteller) vom langweiligen Leben mit seiner Frau (Helena Bonham Carter) und vom Seitensprung mit einem süssen, aber drall-doofen Callgirl (Mira Sorvino), die, ohne es zu wissen, die Mutter seines Adoptivsohnes ist; der Film brilliert mit einem sporadisch auftretenden griechischen Chor, der in einem Original-Amphitheater in Südeuropa gedreht wurde; der Chor übernimmt dabei – skandierend und tanzend – das Erzählen der Rahmenhandlung, wird aber zusehends in das Geschehen, das sich in New York abspielt, involviert; irgendwann sitzt der in Lumpen gekleidete griechische Chorführer in Allens Upper-East-Side Luxus-Appartment und hilft ihm beim Ehebruch, indem er den Zettel mit einer Hand vor dem Verrutschen sichert, auf dem Allen, verdeckt vor seiner Frau telefonierend, die Telefon-Nummer des Callgirls notiert, mit der er später ein Verhältnis haben wird; eine geradezu typische Allen-Szene, in der banale Realität mit Kunstfiguren anderer Epochen gemischt wird; etwas Ähnliches hatte er auch in „Play it again, Sam“ mit Humphrey Bogart konstruiert, dabei setzt er dort wie hier das umstrittene, oft ernste Image dieser Figuren zur Steigerung seiner eigenen Komik ein; mit Julia Roberts, Goldie Hawn, Drew Barrymore und anderen dreht er 1996 in New York, Venedig und Paris das auf bekannte Jazz-Standard-Songs aufgebaute Musical „Everyone Says I Love You“; bei „Deconstructing Harry“ („Harry ausser sich“) wird Allen 1997 in der Bildsprache dem Originaltitel – der nicht zufällig auf den Dekonstruktivismus anspielt – gerecht; er dekonstruiert die physische Umgebung, verwendet kurze Jump Cuts und erzählt von einem Mann, der von anderen Menschen nur noch unscharf („out of focus“) gesehen wird; 1998 drehte Allen „Celebrity“, eine Gesellschaftskomödie, in der er selber nicht auftritt, dafür jedoch einen selbstironischen Leonardo DiCaprio vorführt, der einen abgehobenen Hollywoodstar spielt und damit seine eigene reale Existenz satirisch bricht; im selben Jahr lieh er der Ameise „Z“ in dem Warner Brothers-Streifen „Antz“ seine Stimme; Z-4195 – so die genaue Bezeichnung – weist dabei viele Facetten der von Woody Allen bekannten von ihm konzipierten und verkörperten Charaktere auf: Zu Beginn des Films liegt Z auf der Couch eines Psychiaters; Allen dreht weiterhin pro Jahr einen Film, so dass auch sein Spätwerk einen beachtlichen Umfang annimmt; beispielsweise erscheint 1999 „Sweet and lowdown“, des Weiteren 2000 „Schmalspurganoven“ mit Hugh Grant, 2001 „Im Bann des Jade Skorpions“, 2002 „Hollywood Ending“, 2003 „Anything Else“ und 2004 „Melinda und Melinda“; in einigen deutschen Kinos werden diese Filme meist verzögert im Original mit Untertiteln gezeigt; im September 2004 wurde „Anything Else“ dem deutschen Publikum vorgestellt; Ende 2005 kam „Match Point“ in die Kinos, der auf Festivals bejubelt wurde und viele Kritiker von einem neuen, wieder erstarkten Allen sprechen liess; „Match Point“ war Allens erster Film, der ausschliesslich in London spielt und produziert wurde; auch sein nächstes Projekt „Scoop – Der Knüller“ wurde in London gedreht wie ein noch nicht veröffentliches Drama 2007 „Cassandras Traum“, dessen Dreharbeiten 2006 abgeschlossen wurden; in dem Film, der im Mai 2007 bei den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere erlebte, verkörpern Colin Farrell und Ewan McGregor zwei Brüder aus dem Londoner Arbeitermilieu, die in die Kriminalität abdriften; für die weibliche Hauptrolle konnte die noch unbekannte Britin Hayley Atwell gewonnen werden; Allens Film (Vicky Cristina Barcelona) mit Penélope Cruz in der Hauptrolle wurde im Sommer 2007 in Barcelona gedreht ...

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