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13 Führerscheine – dreizehn jüdische Schicksale

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Der Titel 13 Führerscheine – Dreizehn jüdische Schicksale bezeichnet ein Geschichtsprojekt des Meranier-Gymnasiums in Lichtenfels (Oberfranken),[1] das international mediale Beachtung gefunden hat. Denselben Titel trägt eine aus diesem Projekt hervorgegangene Ausstellung bzw. Wanderausstellung, die gebucht werden kann.

Historischer Hintergrund

Dreizehn deutschen Mitbürgern jüdischer Abstammung wurden nach der zynisch so bezeichneten „Reichskristallnacht“ Ende 1938 durch das Bezirksamt Lichtenfels (heute: Landratsamt) die gültigen Führerscheine entzogen, etwa zeitgleich auch die Kraftfahrzeuge, die sich in deren Privatbesitz befanden. Dazu wurden entsprechende Vollzugslisten ausgefertigt und sukzessive ausgefüllt.

Amtlich erfasst, jedoch nicht (mehr) konfisziert werden konnten die Führerscheine solcher jüdischer Mitbürger, die zu diesem Zeitpunkt bereits emigriert waren, so beispielsweise die Fahrerlaubnis der ersten Führerscheininhaberin und Autofahrerin der Stadt Lichtenfels,[2] Henriette „Jetta“ Bamberger (1891–1978), Witwe des Lichtenfelser Unternehmers, Kunstsammlers und -mäzens Otto Bamberger und Mitbesitzerin des in Lichtenfels und Coburg ansässigen Unternehmens D. Bamberger.

Insgesamt standen 22 jüdische Führerscheinhaber auf der abzuarbeitenden Liste.[3] Diese reichsweit erstellten Listen gingen auf einen Erlass des Chefs der deutschen Polizei und Reichsführers SS, Heinrich Himmler, vom 3. Dezember 1938 zurück. Juden seien „unzuverlässig und ungeeignet zum Halten und Führen von Kraftfahrzeugen“. Führerscheine und Kraftfahrzeugscheine der in Deutschland wohnenden Juden deutscher Staatsangehörigkeit seien unverzüglich, spätestens bis zum 31. Dezember 1938, bei den Zulassungsstellen bzw. Polizeirevieren abzugeben. Die Fahrerlaubnis werde ihnen mit sofortiger Wirkung entzogen, das Halten von Personenkraftwagen und Krafträdern verboten.[4]

„[…] Auch mit dieser Abwehrmaßnahme gegen jüdische Anmaßung hat der nationalsozialistische Staat dem gesunden Rechtsempfinden des deutschen Volkes Ausdruck gegeben. Der deutsche Mensch hat es schon lange als eine Provokation und als eine Gefährdung des öffentlichen Lebens empfunden, wenn Juden sich am Steuer eines Kraftwagens im deutschen Straßenbild bewegten oder gar Mitbenützer der von deutschen Arbeiterfäusten geschaffenen Straßen Adolf Hitlers waren. Auch dieser vom deutschen Volke bisher mit unerhörter Langmut ertragene Zustand hat jetzt sein Ende erreicht. Juden haben in Deutschland am Steuer eines Kraftwagens nichts mehr zu suchen. […] In diese nationalsozialistische Verkehrsgemeinschaft g e h ö r t d e r J u d e n i c h t h i n e i n. […]“

Heinrich Himmler[4]

Vom Archivfund zum schulischen Seminarprojekt

Im Verlauf der Digitalisierung des Archivs des Landratsamts Lichtenfels wurde im Februar 2017 ein alter Briefumschlag aufgefunden. In diesem befanden sich dreizehn Führerscheine mit den Insignien des Deutschen Reiches. Wie sich bei deren Sichtung schnell herausstellte, handelte es sich um die Ende 1938 konfiszierten Führerscheine jüdischstämmiger Deutscher, zwei Frauen und elf Männer, aus dem damaligen Bezirk und heutigen Landkreis. Der amtierende Landrat Christian Meißner entschloss sich, diese Archivalien zugänglich zu machen, um deren Hintergrund transparent werden zu lassen.[5]

Dazu übergab er diese zeitgenössischen Belege an das örtliche Meranier-Gymnasium, in dem Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht gemeinsam mit einem Projektseminar zur Studien- und Berufsorientierung (P-Seminar) im Schuljahr 2017/18 die anspruchsvolle Aufgabe übernahm, zu den Biographien der Führerscheininhaber zu recherchieren und diese so weit wie möglich zu rekonstruieren. Diese Arbeit nahm rund neun Monate in Anspruch, vierzehn Schüler waren beteiligt.[6]

Verwandte bzw. Nachkommen von elf der dreizehn Führerscheininhaber konnten international ausfindig gemacht werden, in Argentinien, Israel und den Vereinigten Staaten.

Das Projekt der deutschen Schüler wurde im weiteren Verlauf durch internationale Medien aufgegriffen, natürlich auch in Deutschland selbst.[7][8][9][10]

Ausstellung

Um die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können, wurde nach Abschluss der Recherche und der Ausarbeitung eines digital und gedruckt vorliegenden Scrapbooks eine Ausstellung konzipiert.[11] Die Ausstellung wurde durch das Landratsamt Lichtenfels und die KOINOR Horst-Müller-Stiftung unterstützt. Zehn Nachfahren der Führerscheininhaber reisten zur Ausstellungseröffnung am 5. November 2018 an. Zum Abschluss händigte ihnen der Landrat in einem symbolischen Akt die Originale der Führerscheine ihrer Vorfahren aus.[12][13]

Die Ausstellung wandert zu weiteren Veranstaltungsorten, insbesondere in der fränkischen Region.[14][15]

Vorbildhafter Bezirksamtsinspektor

Wilhelm Aumer (1883–1958) ist als derjenige zu nennen,[16] dessen aktive Mithilfe dazu beigetragen hat, dass viele der ehemaligen jüdischen Mitbürger des damaligen Bezirks und heutigen Landkreises Lichtenfels rechtzeitig aus dem NS-Staat emigrieren konnten.[17] Aumer war im Bezirksamt Lichtenfels dafür zuständig, deren Reisepässe auszustellen. Dabei wich er großzügig und sehr bewusst von den dafür geltenden NS-Dienstanweisungen und Verordnungen ab, um die Chancen seiner jüdischen Mitbürger zu verbessern, einen ihnen Zuflucht gewährenden Staat finden zu können, denn das war zumeist nicht einfach. Er stellte deren Reisepässe so aus, dass sie für mehrere Staaten gültig waren. Die geltenden NS-Vorschriften sahen lediglich die Angabe eines konkreten Staates vor, so dass die Chancen einer Emigration erheblich eingeschränkt wurden.

Wilhelm Aumer besuchte Henriette „Jetta“ Bamberger konspirativ nachts über den östlichen Seiteneingang (Wintergarten) von deren Villa „Sonnenhaus“ in der Lichtenfelser Adolf-Hitler-Straße 21 (heute: Kronacher Straße 21), um sie vor einer anstehenden Konfiskation aller Reisepässe jüdischer Mitbürger zu warnen. Diese aus der Reichshauptstadt übermittelte Anordnung lag bereits auf Aumers Schreibtisch im Bezirksamt. Er hielt diese Anordnung jedoch ein paar Tage zurück,[18] um „Jetta“ Bamberger die vorherige Flucht aus dem Deutschen Reich zu ermöglichen.[19][20] „Jetta“ Bamberger erreichte im September 1938 mit einem in Stuttgart ausgestellten Besuchervisum des dortigen US-Konsulats die Vereinigten Staaten und konnte dort aufgrund der weiteren politischen Entwicklung bleiben.[21][22]

Auszeichnungen

Für das Projekt wurde das Meranier-Gymnasium durch den Bayerischen Kultusminister Michael Piazolo in Anwesenheit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, und des Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, Kultusminister a. D. Ludwig Spaenle, mit dem Bayerischen P-Seminar-Preis und dem Studienpreis des bcj.Bayern ausgezeichnet.[23]

Video

Weblinks

  • 13 Führerscheine – dreizehn jüdische Schicksale, Scrapbook zur gleichnamigen Ausstellung. Projekt des P-Seminars Geschichte des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels unter Leitung von Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht auf Initiative des Landrats Christian Meißner, Schuljahr 2017/18, 2., korr. und erw. Auflage (PDF-Datei; 11,8 MB), Lichtenfels 2019.

Einzelnachweise und Fußnoten

  1. 13 Führerscheine - Dreizehn jüdische Schicksale, auf: meranier-gymnasium.de
  2. Claude P. Bamberger: Breaking the Mold – A Memoir. C. Bamberger Molding Compounds Corp., Carlstadt, New Jersey, USA, 1996, ISBN 0-9653827-0-2, S. 64.
  3. Verzeichnis der Juden, die einen Führerschein besitzen (ausgestellt vom Bezirksamt Lichtenfels), Bezirksamt Lichtenfels, 30. Dezember 1938. In: 13 Führerscheine – dreizehn jüdische Schicksale, Scrapbook zur gleichnamigen Ausstellung. Projekt des P-Seminars 2-pg Geschichte des Meranier-Gymnasiums Lichtenfels unter Leitung von Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht, Schuljahr 2017/18, 2., korr. und erw. Auflage, Lichtenfels 2019, PDF-Datei, S. 99.
  4. 4,0 4,1 Allgemeines Kraftfahrverbot für die Juden – Eine weitere Abwehrmaßnahme des deutschen Volkes. In: Völkischer Beobachter, Nr. 262, 4. Dezember 1938, S. 2. In: Österreichische Nationalbibliothek, auf: anno.onb.ac.at
  5. 13 Führerscheine – Dreizehn jüdische Schicksale, auf: lkr-lif.de
  6. SONDERTHEMA Zufriedenheit – 13 Führerscheine 13 Schicksale #30, auf: coburger-magazin.de
  7. Herbert Mackert (dpa): 13 Leben in 13 Führerscheinen. In: Bayerische Staatszeitung, 6. November 2018, auf: bayerische-staatszeitung.de
  8. Johanna R. Ginsberg: Research on 13 Driver’s Licenses’ in Germany leads to New Jersey. In: New Jersey Jewish News, 23. Januar 2019
  9. Betina Kraus. 13 Registros de conducir. 13 Destinos Judios, auf: puntoseguido.com
  10. Marc Shapiro: 13 Driver’s Licenses. In: Baltimore Jewish Times, 19. Dezember 2018
  11. 13 Führerscheine, dreizehn jüdische Schicksale : historische Ausstellung zu den Biographien von dreizehn Menschen, denen 1938 im Bezirksamt Lichtenfels der Führerschein entzogen wurde, weil sie Juden waren : Scrap book. In: United States Holocaust Memorial Museum, auf: ushmm.org
  12. Schüler zeichnen jüdische Schicksale mit Führerscheinen nach. In: Süddeutsche Zeitung, 3. November 2018, auf: sueddeutsche.de
  13. Schüler zeichnen jüdische Schicksale mit Führerscheinen nach. In: Die Welt, 3. November 2018, auf: welt.de
  14. Ausstellung „13 Führerscheine“ in der Rathaushalle Burgkunstadt (PDF-Datei; 178 kB), auf: burgkunstadt.eu
  15. Wanderausstellung „13 jüdische Führerscheine – 13 jüdische Schicksale“, auf: frankenwald-gymnasium.de
  16. Der Bezirksamtsinspektor Wilhelm Aumer (* 22. Januar 1883 in Regensburg; † 22. August 1958 in Lichtenfels) war im Bezirksamt Lichtenfels für das Pass- und Meldewesen zuständig. Er erkannte früh die Unrechtmäßigkeit der NS-Dienstanweisungen aus der Reichshauptstadt und handelte in der Weise, dass er diversen jüdischen Lichtenfelser Mitbürgern Ausweispapiere ausstellte, die diesen eine Emigration in verschiedene Länder ermöglichten. Er wirkte damit nach humanen Gesichtspunkten gegen die geltenden NS-Dienstanweisungen und ging dabei auch ein erhebliches berufliches Risiko ein. Der zuletzt im Dienstrang eines Regierungsoberinspektors wirkende Aumer war mit Margarete (* 19. Mai 1892; † 30. August 1968), geborene Frank, verheiratet. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor: Hubert (* 1921), Walter (* 3. August 1923; † 27. April 2015) und Hans-Werner (* 15. Mai 1926; † 30. Januar 1995). Zitiert nach: Schriftliche Auskunft des Enkels Reinhard Aumer, München, vom 20. September 2019, mit fotografischem Einzelbeleg des familiären Grabmals auf dem Friedhof Lichtenfels; Zitiert nach: Susanne Troche: Widerstand gegen Hitler – Einzelbeispiele aus dem Raum Lichtenfels, Kapitel 6.4.3 – Wilhelm Aumer.
  17. Susanne Troche: Widerstand gegen Hitler – Einzelbeispiele aus dem Raum Lichtenfels, auf: mgl-obermaingeschichte.de, Kapitel 6.4.3 – Wilhelm Aumer.
  18. Dr. Siegfried Rudolph: Ein Mitwitzer Kunstsammler. In: Mitteilungsblatt – Amtsblatt für die Verwaltungsgemeinschaft Mitwitz, Nr. 25 (1992), 19. Juni 1992.
  19. Klaus Bamberger: Aus der Geschichte der Familie Bamberger. Kindheitserinnerungen an Lichtenfels (= Kleine CHW-Schriften, Colloquium Historicum Wirsbergense, Heft 2; Lichtenfelser Hefte zur Heimatgeschichte, Sonderheft 3), hrsg. v. Stadtarchiv Lichtenfels, H. O. Schulze, Lichtenfels 2005, ISBN 3-87735-177-8, S. 44–46.
  20. Ramona Popp: Geschichtsträchtiges Haus wird Hort, 29. März 2019, auf: infranken.de [Der Artikel erwähnt die Profiteure und Nachnutzer des Anwesens ab 1939 nicht, Striwa-Mitinhaber Conrad Wagner († 1959) mit Ehefrau Grete (1892–1986) und Sohn Siegfried († 2013), enthält trotz zugrunde liegender Zuarbeit des Stadtarchivs Lichtenfels sachliche Ungenauigkeiten und Unschärfen sowie hinsichtlich des Verbleibs der Kunstsammlung Otto Bambergers eine gravierende Falschaussage.]
  21. Brief der Henriette „Jetta“ Bamberger an ihren Sohn Klaus nach Neuchâtel vom 21. August 1937, maschinenschriftlich, unveröffentlicht, enthält u. a. einen Hinweis auf Wilhelm Aumer, der im Bezirksamt Lichtenfels den Reisepass von Klaus Bamberger bearbeitete.
  22. Claude P. Bamberger: History of a Family – The Bambergers of Mitwitz and Lichtenfels 1770–1992. Selbstverlag, Tenafly, New Jersey, USA, 1993, S. 9–11.
  23. MGL gewinnt Bayerischen P-Seminar-Preis und den Studienpreis des bcj.Bayern, auf: meranier-gymnasium.de


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