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Zigeunerlager Auschwitz

Aus Jewiki
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Das "Zigeunerlager" (gelb hervorgehoben) im KZ Auschwitz-Birkenau, Gundlage: Luftbild der Royal Air Force von 1944

Das "Zigeunerlager Auschwitz", auch "Zigeunerfamilienlager Auschwitz", bezeichnet den von Februar 1943 bis August 1944 bestehenden Abschnitt B II e des KZ Auschwitz-Birkenau. In ihm wurden vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ eingewiesene Familien, Männer, Frauen und Kinder in Baracken des Pferdestalltypes untergebracht. Der Großteil der Häftlinge stammte aus dem Altreich und der Ostmark. Aufgrund von Mangelernährung und Seuchen starben zahlreiche Häftlinge, weitere wurden nach Selektionen in den Gaskammern ermordet, als Strafmaßnahme erschossen oder bei Medizinverbrechen u.a. durch den KZ-Arzt Josef Mengele getötet.

Das Hauptbuch des „Zigeunerlagers“ verzeichnet 20.982 Personen, darunter 10.094 Männer und und 10.888 Frauen.[1] Etwa 2000 nichtregistrierte Häftlinge sind im Hauptbuch nicht aufgeführt.[2] Laut Hauptbuch wurden 1943: 18736 Häftlinge und 1944: 2207 Häftlinge eingewiesen, 11843 (=57%) Häftlinge starben oder wurden ermordet. Im Lager wurden 371 Kinder geboren, von denen keines überlebte.[3]

„Das Zigeunerlager“

Gründung und Nutzungsbeginn

Auschwitz Birkenau Baracke, Typ Pferdestall, Außenansicht (Foto von 2008)
Auschwitz Birkenau Baracke, Typ Pferdestall, Innenansicht mit dreistöckigen Pritschen (Foto von 2008)
Blick vom Eingangsgebäude entlang der Gleisanlage zum südlichen Ende des „Zigeunerlager“ (Foto vom Juni 2006). Das „Zigeunerlager“ befindet sich am hinteren Bildrand, rechts der Gleise vor den Bäumen.

In Heinrich Himmlers Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942 wurde nicht nur die Deportation der im Reichsgebiet lebenden „Zigeuner“, sondern auch die Anlage des „Zigeunerlager“ in Auschwitz verfügt. [4] Der Anfang des Betriebs des „Zigeunerlager“, der Abschnitt B IIe des KZ Auschwitz Birkenau lässt sich durch zwei Ereignisse bestimmen. Am 1. Februar 1943 wurde der SS-Oberscharfüherer Bruno Pfütze zum Schutzhaftlagerführer des „Zigeunerlagers“ ernannt.[5] Und am 26. Februar 1943 traf der erste, vom RSHA am 29. Januar 1943 angeordnete Transport, im „Zigeunerlager“ ein. Die Häftlinge wurden in einem eigenen „Hauptbuch“ verzeichnet und mit eigenen Nummern, an deren Anfang ein Z steht tätowiert.[6] Das „Zigeunerlager“ war zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt.[7] Schon vorher, am 29. September 1942, waren „Zigeuner“ erstmalig nach Auschwitz deportiert worden, nicht aber in das noch nicht bestehende Zigeunerlager.[8]

Der fertige Abschnitt war etwa 80 m breit sowie ca. 1000 m lang und umfasste 40 Pferdestallbaracken, wovon 32 als Wohnbaracken angelegt wurden. Diese Baracken wurden Block genannt. Die restlichen acht Blöcke wurden als Nahrungsmittellager und Bekleidungskammer, vier Baracken als Häftlingskrankenbau und zwei Baracken für Säuglinge und Kinder genutzt. Am Eingang, dem Nordende, stand ein eigenes Gebäude die „Blockführerstube“ sowie je ein Küchengebäude für Männer und Frauen.[9] Der Abschnitt war von Stacheldraht umzäunt, mit Wachtürmen versehen und grenzte an der Ostseite - getrennt durch einen Stacheldrahtzaun - an den gleich gestalteten Abschnitt B II d, das Männerlager des Konzenzentrationslagers, an der Westseite grenzte er an das Häftlingskrankenhaus B II f.[10] Vom Südende des Blockes waren es 200 bis 300 m zu den Krematorien von Auschwitz, deren Geruch über dem Lager hing.

In den Wohnbaracken standen dreistöckige Pritschen, die von denen jede für eine Familie, unabhängig ihrer Größe bestimmt war. [11] Die Pritschen waren so überbelegt, dass sie immer wieder einbrachen.

Ankunft im Lager

In der Schreibstube mussten die Neuankömmlinge ihre Papiere, das grüne „Zigeunerpapier“, sowie ein weißes Halbblatt, das den Einweisungsbefehl der Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens sowie Personendaten enthielt, vorweisen.[12]

Herkunft der Häftlinge

Die meisten Häftlinge stammten aus Deutschland und Österreich (62,75% zuzüglich 4,46% Staatenlose die vermutlich mehrheitlich Deutsche waren), aus dem Protektorat Böhmen und Mähren kamen 22% und dem besetzten Polen 6% der Häftlinge.[13] Diese Herkunft ist nicht repräsentativ für die Opfer des Porajmos. Insbesonders Roma, die nicht in Deutschland und Österreich lebten, wurden nur in Ausnahmefällen nach Auschwitz deportiert, selbst unter den polnischen Roma, wurde trotz der Lage des Konzentrationslagers im deutsch besetzten Polen, nur eine Minderheit in das „Zigeunerlager“ eingewiesen.

Guppenselektionen und Verbleib weiterer Häftlingsgruppen

Aufgrund der Lebensbedingungen starben zahlreiche Häftlinge. Daneben wurden die Häftlingszahl durch größere Mordaktionen und Transporte in andere Konzentrationslager verringert.

  • Am 23. März 1943 wurden etwa 1700 Männer, Frauen und Kinder aus den Baracken 20 und 22, die aus Bialystok eingeliefert waren und bei denen Verdacht auf Typhus bestand in den Gaskammern getötet. Diese Häftlinge sind nicht im Hauptbuch verzeichnet.[14]
  • Am 25. Mai 1943 wurden 507 Männer und 528 Frauen als typhuskrank oder typhusverdächtig in den Gaskammern ermordet, die Todesdaten wurden im Hauptbuch verschleiert.[15]
  • Am 9. November 1943 wurden mehrere hundert arbeitsfähige Häftlinge ins KZ Natzweiler-Struthof verlegt.[16]
  • Am 27. November 1943 wurden 35 Häftlinge in die Strafkompanie überwiesen.[17]
  • Am 15. April 1944 wurden 884 Männer ins KZ Buchenwald und 473 Frauen ins KZ Ravensbrück überstellt.[18]

Mitte Mai 1944 begann die Auflösung des Lagers.

Das Ende des Lagers

Am 16. Mai 1944 scheiterte nach einer Lagersperre am Widerstand der Häftlinge der erste Versuch das Lager zu räumen.[19] Erst Tage später, am 23. Mai 1944 konnten etwa 1500 Häftlinge selektiert und nach KZ Auschwitz I verlegt werden um sie in andere KZs zu überstellen, 82 Männer wurden ins KZ Flossenbürg und 144 Frauen ins KZ Ravensbrück überstellt.[20] Die endgültige „Liquidierung“ des „Zigeunerlagers“ erfolgte am 2. und 3. August 1944. 1408 Häftlinge wurden mit dem Güterzug ins KZ Buchenwald verlegt, die verbliebenen 2897 Frauen, Männer und Kinder in den Gaskammern getötet.[21]

Die Schutzhaftlagerführer des "Zigeunerlagers"

Die Schutzhaftlagerführer des „Zigeunerlagers“ wechselten sehr häufig. In den 17 Monaten in denen das Lager betrieben wurde, waren fünf SS-Führer nacheinander mit der Leitung beauftragt. Sie waren dem Lagerkommandanten unterstellt, hatten in der Praxis jedoch weitreichende Befugnisse, ihnen oblag neben der Organisation auch die Überwachung und Einhaltung der Lagerordnung durch die Gefangenen.

Siehe auch:

Hermann Diamanski, Hugo Höllenreiner


Literatur

  • Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz., Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 1999, 5 Bände: I. Aufbau und Struktur des Lagers. II. Die Häftlinge - Existentzbedingungen, Arbeit und Tod. III. Vernichtung. IV. Widerstand. V. Epilog., ISBN 83-85047-76-X.
  • Franciszek Piper: Die Zahl der Opfer von Auschwitz . Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1993, ISBN83-85047-17-4.

Nachweise und Anmerkungen

  1. Franciszek Piper: Die Zahl der Opfer von Auschwitz . Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1993, S. 102
  2. Franciszek Piper: Die Zahl der Opfer von Auschwitz . Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1993, S. 151
  3. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg: Gedenkbuch die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz Birkenau. München, London, New York, Paris 1993 (Dreisprachig: Polnisch, Englisch, Deutsch), S. 14. Im Folgenden zitiert als Gedenkbuch.
  4. Gedenkbuch S. 1554
  5. Gedenkbuch S. 1554, 1660
  6. Gedenkbuch S. 1554
  7. Bernhard Streck: Zigeuner in Auschwitz. Chronik des Lager B IIe. In: Mark Münzel, Bernhard Streck (Hg). Kompania und Kontrolle. Giessen, 1981 S.76. Im Folgenden zitiert als Chronik
  8. Buchenwaldtagebuch nach Chronik S. 76
  9. Gedenkbuch S.1576f.
  10. Gedenkbuch S.1561f.
  11. Gedenkbuch S.14
  12. Chronik S. 77
  13. Gedenkbuch S. 14
  14. Czech 1961 S. 85 nach Chronik S. 77 Gedenkbuch S. 1554
  15. Czech 1961, S. 101f. nach Chronik S.87, Gedenkbuch S. 1555
  16. Gedenkbuch S. 1556
  17. Gedenkbuch S. 1556
  18. Gedenkbuch S. 1556
  19. Gedenkbuch S. 1556
  20. Gedenkbuch S. 1556
  21. Till Bastian: Auschwitz und die "Auschwitz-Lüge": Massenmord und Geschichtsfälschung. S.47, Deutsches Historisches Museum: Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, „Liquidierung“ des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz August 1944 (Suchdienst Arolsen), Gedenkbuch S. 1556
  22. Gedenkbuch S. 1660
  23. Gedenkbuch S. 1554, 1657
  24. Gedenkbuch S. 1555, 1660
  25. Gedenkbuch S. 1656
  26. Gedenkbuch S. 1655