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Walter Marx

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Ludwig und Johanna Marx geborene Isaac, mit Sohn Walter Marx (links) und Neffe Werner Isaac (rechts).
Walter Marx und Werner Isaac.

Walter Marx (geboren am 27. Februar 1926 in Heilbronn; gestorben am 13. August 2013 in New York City[1]) war ein ehemaliger jüdischer Partisan und Überlebender des Holocaust. Seine Erinnerungen an die Flucht seiner Familie aus Heilbronn über Luxemburg und Frankreich nach Italien dienten Historikern als wichtiges Material für ihre Forschung.[2]

Auch in dem 2009 von André Waksman gedrehten Dokumentarfim A Pause in the Holocaust. 1943 Le temps d’un répit, der das Leben der jüdischen Flüchtlinge in Saint-Martin-Vésubie schildert, ist Walter Marx als Zeitzeuge zu sehen.

Geschichte

Familiärer Hintergrund

Walter Marx war der Sohn von Ludwig (geboren am 8. Februar 1897; gestorben vermutlich am 4. März 1943 in Majdanek) und Johanna Marx (geboren am 29. April 1900 in Fremersdorf als Tochter von Isaac und Rosa Isaac, geborene Reiss; gestorben am 10. Dezember 1943 in Auschwitz, aus Heilbronn). Ludwigs Vater hieß Berthold Marx (geboren am 1. Juni 1866 in Oberdorf am Ipf; gestorben am 15. Januar 1943 im Ghetto Theresienstadt) und hatte nach einer Kürschnerlehre und dem Militärdienst in Heilbronn eine Papiergroßhandlung gegründet,[3] die sich vor ihrer Arisierung in einem Wohn- und Geschäftshaus in der Wilhelmstraße 54 befand, das ihm gehörte.

Berthold Marx war mit Emma Jaraczewsky (geboren am 24. März 1870; gestorben am 25. Februar 1926 in Heilbronn)[4] verheiratet. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Berta (1895), Ludwig (1897) und Hanna (1899). Während die Töchter heirateten und jeweils aus Heilbronn wegzogen, blieb Ludwig dort und war später Mitinhaber im Geschäft seines Vaters.

Die Historikerin Susan Zuccotti, die sich im Rahmen ihrer Forschung über die Geschichte der Juden in Saint-Martin-Vésubie während des Zweiten Weltkriegs auch intensiv mit der Familie Ludwig Marx aus Heilbronn befasst hat, merkt an, dass die Familie durch und durch Deutsch war: "Walter's family (...) was German through and through. All four of Walter's grandparents were born in Germany and he has traced his paternel grandfather's German anchestry back to the seventeenth century."[5]

Selbst 1938, als bereits viele jüdische Freunde und Bekannte der Familie Deutschland verlassen hatten, ging Walters Vater Ludwig, der im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden war, immer noch davon aus, dass die Nazis ihm nichts anhaben werden.[6]

Die Vertreibung der Familie aus Deutschland

Nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 verstärkte sich Ausgrenzung der jüdischen Bürger in Deutschland. Lehrer und Mitschüler begannen, den neunjährigen Walter mit Demütigungen, Beleidigungen und Schlägen zu drangsalieren[7], und seine Eltern schicken daher ihren einzigen Sohn zusammen mit seinem gleichaltrigen Cousin Werner, der bei ihnen lebte, zu einer Tante und einem Onkel nach Luxemburg.[8]

Werner Isaac (geboren am 30. Juni 1926 in Fremersdorf) war der Sohn von Hanna (Hansi) Isaac, geborene Marx, die nach dem Tod ihres Mannes 1926 von Merzig wieder nach Heilbronn gezogen war[9] und im Haus ihres Vaters in der Wilhelmstraße 54 wohnte.[10] Sie hatte in England Arbeit gefunden und daher ihren Sohn bei ihrer Familie gelassen. Die beiden Jungen verbrachten jeweils ihre Schulferien in Heilbronn bei Walters Eltern, das letzte Mal im Sommer 1938.[11]

In der so genannten "Reichskristallnacht" 1938 stürmten Nazischergen das Haus der Familie, verwüsteten das Geschäft und verschleppten Ludwig Marx zusammen mit anderen Heilbronner Juden nach Dachau, wo er vom 11. November 1938 bis zum 25. Januar 1939 inhaftiert war[12] Infolge der dort erlittenen Misshandlung musste ihm anschließend ein Finger amputiert werden.<Zuccotti, S. 30</ref> Ludwig Marx kam vermutlich aus der Haft frei, weil er seine Zustimmung zur Auswanderung gab.

Durch die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1939 waren Ludwig Marx und sein Vater gezwungen, ihre Papiergroßhandlung aufzugeben. Auch das Haus in der Wilhelmstraße, das Berthold Marx gehörte, musste veräußert werden und gelangte so in den Besitz der Stadt Heilbronn.[13]

Im Sommer 1939 waren diese Vorgänge vermutlich abgeschlossen und die Familie brach auseinander: Ludwig und seine Frau Johanna emigrierten nach Luxemburg zu ihrem Sohn Walter und ihrem Neffen Werner. Dessen Mutter blieb vermutlich in England – Franke gibt als Emigrationsziel für sie England mit dem Datum 1939 an[14] – und der verwitwete Berthold Marx wurde in ein Zwangsaltenheim für jüdische Senioren in Herrlingen gebracht. Als letzte Heilbronner Adresse für Ludwig und Johanna Marx ist nicht mehr das Haus in der Wilhelmstraße 54, wo sie laut der Israelitischen Gemeindeliste vom 1. April 1937 noch wohnten[15], sondern die Moltkestraße 27[16] angegeben.

Luxemburg

Fast ein Jahr lebte die Familie unbehelligt in Luxemburg.

Nachdem der Westfeldzug der Deutschen Armee im Mai 1940 mit dem Überfall Deutscher Truppen auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg begonnen hatte, versuchte Ludwig Marx nach Frankreich zu gelangen um sich der französischen Armee anzuschließen. Allerdings wurde er lediglich als Freiwilliger einer der nach dem 12. April 1939 gegründeten Compagnie de travailleurs étrangers (CTE deutsch: Arbeitseinsatzgruppen für Ausländer) als prestataire voluntaire (freiwillige Arbeitskraft) zugewiesen wurde. Diese Einheiten waren unbewaffnet und dienten als Arbeitskräfte der Unterstützung der französischen Armee, viele ihrer Mitglieder wurden ab Frühjahr 1940 in französischen Internierungslagern für Ausländer rekrutiert.[17]

Die Einheit von Ludwig Marx wurde in der Nähe der Front eingesetzt und wurde von der Wehrmacht überrannt. Ludwig Marx flüchtete nach Luxemburg zurück.[18]

Frankreich

Montpellier

Am 7. November 1940 wurde die Familie Marx im Rahmen einer größeren Aktion, deren Ziel es war, Luxemburg judenfrei zu machen, und die von der deutschen Zivilverwaltung unter Gustav Simon ausging, ausgewiesen und zusammen mit den anderen Juden hinter der Demarkationslinie bei Mâcon im Département Saône-et-Loire ausgesetzt.

Von hier aus flüchteten sie zusammen mit Werner Isaac weiter durch den vom Vichy-Regime regierten, noch nicht von den Deutschen besetzen Teil Frankreichs nach Montpellier im Departement Hérault, wo sie entfernte Verwandte hatten. Sie hofften, von Montpellier aus in die USA ausreisen zu können. Bis zum Sommer 1943 fand die Familie hier ihr Auskommen: Ludwig Marx hatte eine inoffizielle Stelle beim Präsidenten der örtlichen jüdischen Gemeinde und Walter besserte das Familieneinkommen als Laufbursche und Botenjunge bei einem Blumenhändler auf. [19]

Ohne dass es eine konkrete Bedrohung gab - die Landung der Alliierten in Nordafrika begann erst am 8. November und die Deutschen errichten Montpellier nicht vor dem 12. November - flüchtete die Familie am 2. November 1942 weiter ins Landesinnere. Walter Marx, der damals 15 Jahr als war vermutete später, dass Gerüchte über eine bevorstehende Besetzung der Mittelmeerküste durch deutsche Truppen den Ausschlag gegeben haben könnten.[20] Die Familie Marx fand Unterschlupf in Lamalou-les-Bains und meldete sich dort ordnungsgemäß an.

Barackenrekonstruktion in Gurs als Teil der Gedenkstsätte

Im Rahmen des so genannten Unternehmens Anton teilten Italien und Deutschland als Reaktion auf die Alliierte Landung in Nordafrika den bis dahin unbesetzt gebliebenen Teil Frankreichs unter sich auf, wodurch sich die Familie von Walter Marx Familie nunmehr im von Deutschen besetzten Teil Frankreichs befand.

Mit Beginn des Jahres nahmen Razzien der Deutschen auf der Suche nach Juden und die Verhaftungen in der ehemals nichtbesetzten Französischen Zone zu. Auch stieg die Anzahl von jüdischen Geiseln, die die Deutschen im Rahmen von Vergeltungsaktionen für Aktionen der Résistance fordern. Am 20. Februar 1943 wurde Ludwig Marx festgenommen, da aus dem Departement Hérault 70 jüdische Männer im Rahmen einer derartigen Aktion von den Behörden auszuheben waren. Der Versuch seiner Familie unmittelbar nach seiner Verhaftung ihn mit der Unterstützung des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde in Nizza freizugbekommen scheiterte, da er bereits in das Internierungslager Gurs überstellt worden war. Von dort aus wurde er entweder am 26. Februar oder am 2. März in das Internierungslager Drancy überstellt und vermutlich am 4. oder 6. März nach Polen verschleppt und dort im Lager Majdanek ermordet.[21]

Nach der Verhaftung von Ludwig Marx machte der Rest der Familie sich in den von Italienischen Truppen besetzten Teil Südostfrankreichs auf, da sie erfahren hatten, dass die Italiener Juden besser behandelten als die Deutschen. Auch wenn es Juden nicht erlaubt war, ohne behördliche Genehmigung ihren Aufenthaltsort zu verlassen, bereitete die Reise ihnen kaum Probleme, und sie kamen über Nizza nach Saint-Martin-Vésubie.

Saint-Martin-Vésubie
Der Ort Saint-Martin-Vésubie

Durch die Flüchtlingshilfe der jüdische Gemeinde in Nizza (Comité d'Assistance aux Réfugiés, auch als Comité Dubouchage nach der Adresse der Synagoge am 24, boulevard Dubouchage benannt[22]) fanden Walter, seine Mutter und sein Cousin Unterkunft im ungefähr 69 Kilometer nördlich von Nizza gelegenen Saint-Martin-Vésubie, das seit dem 11. November 1942 von Italien okkupiert war, und in dem sich über 1000 jüdische Flüchtlinge aufhielten.

Obwohl auch Italien sich seit 1938 mit dem Erlass eigener Rassegesetze (leggi razziali) offiziell zum Antisemitismus bekannt hatte, mussten sich Juden - anders als beispielsweise im Frankreich unter dem Vichy-Regime - nicht als solche kennzeichnen lassen. Da die Familie Marx sich lediglich täglich bei der Polizei melden musste, hatten sich ihre Lebensumstände deutlich verbessert. Im Nachhinein beschrieb Walter Marx das Leben in Saint-Martin-Vésubie so: "The time in St. Martin was probably one oft he best times of my life. It was like a paradise. After Years of persecution by the German und the French, we could speak any language we wanted, publicy. In Montpellier, we had never been able to speak any foreign language at all. There was such an elated feeling of freedom."[23]

Italien

Borgo San Dalmazzo

Der relative Schutz, den die Juden in dem von Italien besetzen Teil Frankreichs hatten, endete mit dem zwischen den Alliierten und dem Königreich Italiens am 8. September 1943 vereinbarten Waffenstillstand. Das Ausscheren des bisherigen Verbündeten Italien veranlasste die deutsche Wehrmacht mit der so genannten Operation Fall Achse zu beginnen, die unter anderem den Einmarsch der Deutschen in die bis dato von der Italienischen Armee besetzten Gebiete vorsah, der am 9. September 1943 begann.

Ab dem 8. September 1943 begannen daher viele Juden aus Saint-Martin-Vésubie über die Alpen in Richtung Italien zu fliehen, auch auf Anraten der italienischen Armee, die ankündigte, die Flüchtlinge entkommen zu lassen.[24] In den kommenden Tagen überquerten mehrere hundert Menschen auf schwierigen Alpenpfaden die Grenze in der Hoffnung, sich im nunmehr nicht mehr am Krieg beteiligten Italien unter den Schutz Alliierter Truppen flüchten zu können. Walter Marx erinnerte sich, dass die Überquerung drei bis drei Tage dauerte, und der stetige Strom von schlecht ausgerüsteten Männern, Frauen und Kindern, beladen mit dem Nötigsten, erinnerte ihn an den Auszug aus Ägypten.[25]

Ihre Ankunft in Italien fiel in eine Phase relativen Chaos: Teile der italienischen Streitkräfte befanden sich in Auflösung, die Alllierten Truppen waren in Italien gelandet - allerdings weit entfernt von der Provinz Cuneo, wo sich die Flüchtlinge nun befanden. Stattdessen rückten deutsche Truppen, unter ihnen auch die Leibstandarte SS Adolf Hitler über die Grenzen vor.

Ungefähr am 12. September 1943 erreichte Johanna Marx mit den beiden Jungen Borgo San Dalmazzo und fand in einem Gasthof, Cavallo Rosso, Unterkunft. Zum selben Zeitpunkt erreichten Truppen der SS, deren Befehlshabender Offizier Joachim Peiper war, die Region um Cuneo. Peiper ordnete am 16. September an, für gefangene jüdische Flüchtlinge ein Sammellager in einer aufgegebenen Kaserne der italienischen Gebirgsjäger in Borgo San Dalmazzo einzurichten.[26]

Am 18. September erfolgte ein Aufruf der SS für die gesamte Region Cuneo - unterzeichnet von einem "Hauptsturmführer Müller", der bis heute nicht identifiziert ist[27] - an alle Ausländer, sich unverzüglich bei Androhung der Todesstrafe sowohl für die Flüchtigen als auch eventuelle Helfer bis 18 Uhr vor dem Sammellager einzufinden.

Für wenige Stunden verstecken Walter Marx, seine Mutter und sein Cousin sich in einer kleinen Scheune, dann beschlossen sie, sich zu stellen. Zum einen sahen sie sich in ohne Papiere einer aussichtslosen Lage und wollten niemanden in Gefahr bringen[28], zum anderen hatten Walter noch in Saint-Martin-Vésubie die Nachricht von Tod seine Großvaters Berthold Marx, unhinterfragt als für einen 77jährigen natürlich hingenommen und Gerüchte über das Verbrennen von Menschen als verrückt abgetan.[29]

Deportation und Flucht
Mahnmal in Borgo San Dalmazzo

Im KZ von Borgo San Dalmazzo wurden die drei unter den Häftlingsnummern 225, 226 und 227 registriert und interniert, und Walter und Werner, wie die meisten Männer, zu Zwangsarbeiten eingesetzt.

Bei einem dieser Einsätze verletzte sich Walter am 16. Oktober 1943[30] schwer: beim Verlagen von Waffen in der Nacht in völliger Dunkelheit wurde er zwischen einem liegen gebliebenen LKW, den die Zwangsarbeiter scheiben mussten, und einem Schützenpanzerwagen eingeklemmt und brach sich dabei einen Rückenwirbel. Durch die Verletzung war sein rechtes Bein vorübergehend gelähmt, und Walter wurde zuerst in das kleine Hospital von Borgo eingeliefert und später in das Krankenhaus in Cuneo verlegt.[31]

Anfangs konnte seine Mutter ihn unter polizeilicher Aufsicht besuchen, doch Mitte November hörten ihre Besuche abrupt auf. Am 21. November 1943 mussten 349 Juden aus dem Lager zum Bahnhof marschieren, wurden dort in vier wartenden Viehwaggons gezwungen und nach Nizza deportiert. Von aus ging es weiter ins Internierungslager Drancy. Unter ihnen waren auch Werner Isaac und Johanna Marx.

Über das Schicksal seiner Mutter und seines Cousins konnte Walter erst die Tochter der Gastwirtsfamilie aus dem Cavallo Rosso in Borgo San Dalmazzo, wo die Familie zu Anfang gewohnt hatten Auskunft geben. Magdalena (Nella) Giraudo, die ihn ebenfalls gelegentlich im Krankenhaus besuchte, hatte die Deportation mit eigenen Augen gesehen.

Als sich im Januar 1944 die SS beim Direktor des Krankenhauses, Guiseppe Meinardi, nach dem Gesundheitszustand Walter erkundigte, verschaffte dieser ihm zusammen mit zwei weiteren Patienten, Hertzek Gerszt und Isidor Grunfeld, eine Fluchtmöglichkeit am 30. Januar, die allerdings scheiterte. Die drei sollten mit dem Taxi zum Bahnhof und von Cuneo per Zug nach Genua reisen. Dann sollten sie mit dem Sekretär von Kardinal Pietro Boetto, Don Francesco Repetto, im Bischofssitz von Genua Kontakt aufnehmen. Dort angekommen schien allerdings niemand davon zu wissen und sie wurden abgewiesen. Als die drei in einer nahegelegenen Gaststätte beratschlagten, was nun zu tun sei, sprach ein ihnen Unbekannter sie mit Shalom an. Die drei reagierten nicht, weil sie eine Falle vermuteten. Jahre später stellt sich heraus, dass wiederum der Sekretär des Bischofs bei ihrem Erscheinen eine Falle vermutet hatte und danach ihnen den Mann hinterhergeschickt hatte, um herauszufinden, ob es sich bei ihnen doch um bedrohte Juden handelte.[32]

Im Widerstand

Nach diesem gescheiterten Rettungsversuch wusste sich Walter nicht anders zu helfen, als sich an Nella Giraudo zu wenden. Diese versteckte ihn einige Zeit im Gasthof ihrer Eltern, in dem gleichzeitig Deutsche stationiert waren.[33] Aus dem Gefühl heraus, etwas tun zu müssen. beschloss der 17jährige, sich den Partisanen anzuschließen, und Nella Giraudo konnte ihn ein einer Gruppe ihr bekannter Widerstandkämpfer in den rund 15 Kilometer entfernten Bergen in der Nähe von Demonte an der Stura lagen, unterbringen.

Hier erhielt Walter Marx gefälschte Papiere, die ihn als Giuseppe Barale aus Frankreich, gebürtig in einer kleinen Stadt an der Grenze zu Deutschland, auswiesen. Dies sollte seinen deutlichen Akzent erklären.

Zu Anfang konnte er auf Grund seiner verletzungsbedingten Einschränkung lediglich Schreibarbeiten wie das Austeilen von Urlaubsscheinen oder Bescheinigungen für die Requirierung von Lebensmitteln bei den örtlichen Bauern ausfertigen. Mit zunehmender Besserung seines Gesundheitszustandes erhielt er auch eine militärische Ausbildung. Unter seiner neuen Identität wurde er im Frühjahr 1944 über einen Doppelagenten für einige Wochen als Übersetzer bei den Deutschen eingeschleust und konnte so Informationen über bevorstehende Razzia weitergeben und mithelfen, diese zu verhindern.[34]

Nachdem seine Einheit in den Kämpfen um das strategisch wichtige Stura-Tal im August 1944 aufgerieben worden war, versuchte Walter mit einigen anderen nach Frankreich zu gelangen, wurde aber zusammen mit einem Freund, Walter Burger, von ihnen getrennt. Auch weil Walter Burger der Gedanke. seine Mutter zurückzulassen beunruhigte, blieben sie im Tal der Stura und versteckten sich weiter bis zum Ende des Krieges mal bei untergetauchten jüdischen Familien, mal bei anderen Partisanengruppen.[35]

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Walter Marx, der sich gerade auf einem Bauernhof bei Demonte aufhielt, als ihn die Nachricht von der Kapitulation der Deutschen erreichte, begab sich nach seiner offiziellen Entlassung aus dem Widerstand nach Nizza, um Gewissheit über das Schicksal seiner Familie zu bekommen.

Er musste erfahren, dass sein Vater über die Internierungslager in Gurs und Drancy nach Polen verschleppt und im KZ Majdanek ermordet worden war. Seine Mutter war über Nizza und Drancy ins KZ Auschwitz transportiert und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet worden.

Festgenommene Juden im Internierungslager Drancy

Sein Cousin Werner Isaac war bereits in Borgo als Übersetzer für die Deutschen herangezogen worden, weshalb er zwar ebenfalls nach Drancy deportiert wurde, aber in einem gesonderten Abteil und immer noch mit Übersetzungsarbeiten befasst reiste. In Nizza wurde er vom Rest der Deportierten getrennt und blieb mehrere Wochen dort, bevor er ebenfalls nach Drancy weitertransportiert wurde. Als im Lager ankam, waren die meisten Juden aus dem KZ Borgo San Dalmazzo bereits nach Auschwitz weiterverschleppt worden.

Im Lager wurde er erneut zu Zwangsarbeiten eingesetzt, was ihm bis zur Mitte des Augusts 1944 das Leben rettete. Als die alliierten Truppen Paris einnahmen, sollte der Rest der in Drancy Inhaftierten per Eisenbahnüber Bobigny nach Auschwitz verschickt werden. Aus ihm unbekannten Gründen jedoch wurde die Gruppe, in der Werner Isaac sich befand, zwar zum Bahnhof gebracht, blieb dort aber nur einige Stunden und kehrte dann zum Lager zurück, wo er am 18. August 1944 vom Roten Kreuz befreit wurde.[36]

Von Paris ging Walter Marx im Oktober 1946, nachdem ein Onkel in den USA für ihn eine eidesstattliche Unterstützungserklärung als Bürge abgegeben hatte, nach New York, wo er sich einige Jahre mit seinem Cousin Werner und einem weiteren Überlebenden aus, William Blye, eine Wohnung teilte.

1950 heiratete er Ellen Appell, die aus Düsseldorf stammte und als Kind den Holocaust versteckt in einem Belgischen Konvent überlebt hatte.

Rückübertragungsantrag gegen die Stadt Heilbronn

Wilhelmstraße 54 mit der heute noch bestehenden Rosenapotheke

Seine Tante Hanna Isaac, die jüngere Schwester seines Vaters und Mutter von Werner Isaac, hatte nach dem Tod ihres Mannes 1926 eine Stelle in England gefunden und war 1939 dorthin emigriert. Von hier aus ging sie ebenfalls nach New York, von wo aus sie zusammen mit Walter als Erbe seines Vaters Ludwig Marx die Rückübertragung des von der Stadt Heilbronn erworbenen Gebäudes in der Wilhelmstraße 54 beantragte.

In dem Gebäude war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zwischenzeitig die Geschäftsstelle der Kaufmännische Krankenkasse Halle (KKH), deren Geschäftsstelle in der Klarastraße 15 zerstört worden war, untergebracht gewesen. Danach diente es der Rosenapotheke von Apotheker Karl Koch als Geschäftsgebäude. Diese war ursprünglich in der Rathausgasse 1 gewesen. Nachdem das Haus am 10. September 1944 bei einem Luftangriff zerstört worden war, hatte Koch Rosenapotheke in der Wilhelmstraße 54 eröffnet.

Das Verfahren endete mit einem Vergleich zwischen den Erben Berthold Marx und dem neuen Besitzer des Gebäudes.

Walters' Verwandte

Walters Großvater väterlicherseits, Berthold Marx war von den Nazis von Heilbronn am 26. Juli 1939 nach Herrlingen in ein so genanntes Altenheim gebracht, kam von dort aus am 10. Juli 1942 nach Oberstotzingen, wo im dortigen Schloss eine ähnliche Einrichtung war, und wurde von hier aus am 22. August nach Theresienstadt deportiert, wo er im darauffolgenden Januar starb.

Walters ältere Tante väterlicherseits, Berta Eskeles (geboren am 18. März 1895 in Heilbronn als Berta Marx; gestorben am 25. November 1941in Kowno (dt.: Kauen) im Fort IX) war mit Hugo Eskeles (geboren am 6. Februar 1888 in Offenbach; gestorben am 25. November 1941, in Kowno im Fort IX) verheiratete und lebte mit ihn in Zweibrücken, wo auch ihre Tochter Senta Lore Eskeles (geboren am 4. Oktober 1925 in Zweibrücken; gestorben am 25. November 1941 in Kowno im Fort IX). Auch Hugo Eskeles war nach den Novemberpogromen 1938 vom 12. November 1938 bis zum 16. Dezember 1938 in Dachau inhaftiert gewesen. Im September 1939 flüchtete die Familie aus Zweibrücken nach München und hielt sich dabei zwei Wochen in Herrlingen bei Bertas Vater Berthold Marx im Judenaltenheim auf (vgl. Seemüller, S. 29). Von München aus wurden die drei am 20. November 1941 nach Kaunas in das im Fort IX eingerichtete Vernichtungslager deportiert und dort nach der Ankunft am 25. November ermordet.

Literatur

  • Danielle Baudot Laksine: La pierre des Juifs. 3 Bände. Éd. de Bergier, Châteauneuf 2003–2008 (Band 1: La pierre des Juifs. Châteauneuf 2003, ISBN 2-9516778-4-7; Band 2: Les grands visiteurs. Châteauneuf 2005. ISBN 2-9516778-7-1; Band 3: La vallée des justes. Châteauneuf 2008. ISBN 978-2-916584-02-7.
  • Alberto Cavaglion: Nella notte straniera: gli ebrei di St.-Martin-Vésubie. Aragno, Savigliano 2012. ISBN 978-88-8419-546-3
  • Christian Eggers: Unerwünschte Ausländer. Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940 - 1942. Metropol, Berlin 2002. ISBN 3-932482-62-X
  • Ulrich Seemüller: Das jüdische Altersheim Herrlingen und die Schicksale seiner Bewohner. 2. Auflage, Süddeutsche Verlagsgesellschaft, Ulm 2009. ISBN 978-3-88294-403-7. Kurzbiographie von Berthold Marx: S. 165–166
  • Jens Westemeier: Himmlers Krieger. Joachim Peiper und die Waffen-SS in Krieg und Nachkriegszeit. 2. Auflage, Schöningh, Paderborn 2014ISBN 978-3-506-77241-1
  • Juliane Wetzel: Italien In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager Beck, München 2009. ISBN 978-3-406-57238-8. S. 292–311
  • Susan Zuccotti: Holocaust Odysseys. The Jews of Saint-Martin_Vésibie and their Flight through France and Italy. Yale University Press, New Haven, London, 2007. ISBN 987-0-300-12294-7

Dokumentarfilm

A Pause in the Holocaust. 1943 Le temps d’un répit. Frankreich, 2009, 52 Minuten. Französisch/Italienisch mit englischen Untertiteln. Regie: André Waksman

Weblinks

Datensätze aus dem Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)

Einzelnachweise

  1. Nachruf in der Air Cargo News vom 14. August 2013 (abgerufen am 30.April 2015)
  2. „Auf die Geschichte der Familie Marx wird besonders eingegangen, da ihr Schicksal maßgeblich von Entscheidungen, an denen Peiper direkt oder indirekt beteiligt war, beeinflusst wurde - bis hin zur Verhaftung Walters und seiner Mutter Johann durch Peipers Männer im Jahr 1943.“ (Westemeier, S. 46) Darüber hinaus gelingt es Westemeier mit Hilfe der Erinnerungen von Walter Marx, die nach dem Krieg gemachte Behauptung Peipers, er und seine Einheit seien an Judendeportationen in Italien nicht beteiligt gewesen, als Schutzbehauptung zu entlarven. So erinnert sich Walter Marx namentlich an einen SS-Mann namens Israel, den Westemeier auch mit Hilfe anderer Quellen nachweisen kann. (Westemeier, S. 271)
  3. Seemüller, S. 165
  4. Grabsteininschrift aus der Datenbank epidat - Datenbank zur jüdischen Grabsteinepigraphik vom Steinheim-Institut
  5. Zuccotti, S. 29; übersetzt: Walters Familie (...) war Deutsch durch und durch. Alle vier Großeltern Walters waren in Deutschland geboren, und er hatte die deutschen Vorfahren seines Großvaters väterlicherseits bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt.
  6. Zuccotti, S. 30
  7. Westemeier, S. 46
  8. Zuccotti, S. 29
  9. Westemeier, S. 268, mit Verweis auf die Anmerkung 489 auf Seite 711 [dort wird die gesamte Lebensgeschichte von Werner Isaac beschrieben]
  10. Franke, S. 380
  11. Zuccotti, S. 29/30
  12. Daten aus dem Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945)
  13. vgl. das Anschreiben zum Rückübertragungsverfahren durch den Anwalt von Hanna Issac und Walter Marx im Stadtarchiv Heilbronn Signatur B033-460
  14. Franke, S. 380
  15. Franke, S. 312
  16. Franke, S. 387
  17. Eggers, S. 44/45
  18. Zucchotti, S. 38
  19. Zuccotti, S. 79
  20. Zuccotti, S. 79
  21. Zuccotti, S. 80/81
  22. Zuccotti, S. 89
  23. Zuccotti, S. 93; übersetzt: Die Zeit in St. Martin war vermutlich eine der besten Zeiten meines Lebens. Es war wie ein Paradies. Nach Jahren der Verfolgung durch die Deutschen und die Franzosen, konnten wird jede Sprache sprechen, die wir wollten, öffentlich. In Montpellier konnten wir überhaupt keine Fremdsprache sprechen. Das war so ein ermutigendes Gefühl der Freiheit.
  24. Zuccotti, S. 106
  25. Westemeier, S. 268
  26. Wetzel, S. 307
  27. Westemeier, S. 711, Anm. 491
  28. Westemeier, S. 169
  29. Zuccotti, S. 97
  30. Zuccotti, S. 136
  31. Westemeier, S. 176
  32. Zuccotti, S. 147/148
  33. Nach dem Krieg konnte Walter Marx, der sich bei ihr für seine Rettung bedanken wollte, Magdalena Giraudo nicht wiederfinden. Erst anlässlich einer Gedenkfeier in Borgo San Dalmazzo im Jahr 2000, bei der er sich noch einmal öffentlich bei seiner Retterin bedankte, trafen sich die beiden wieder. Der Gegenbesuch von Magdalena Giraudo in New York führte zu einem Artikel in der New York Times über Walter Marx und sein Schicksal. Vgl. dieNew York Times vom 7. Mai 2000
  34. Zuccotti, S. 153
  35. Zuccotti, S. 153/154
  36. Zuccotti, S. 141
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