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Ruth Wertheim
Bertel Ruth Wertheim (geb. 27. März 1927 in Londorf; gest. 1994 in Florida, USA) war eine deutsche Jüdin und Holocaust-Überlebende. Sie gilt als die einzige Überlebende der deportierten Juden aus Londorf.[1] Sie ist die Mutter des Hochschullehrers und Universitätspräsidenten (Tufts University, Harvard) Lawrence S. Bacow.[2]
Lebensweg
Geburt und Kindheit
Ruth Wertheim wurde am 27. März 1927 als zweites Kind von Leopold Wertheim und Emma Wertheim, geb. Stern, in Gießen geboren und wuchs im mittelhessischen Londorf auf. Ihre größere Schwester Ingeborg war 5 Jahre älter als sie. Das Leben in Londorf vor der Machtübernahme Hitlers von 1933 war friedlich und Ruth fühlte sich in ihrem Dorf wohl.[1]
Bildung
- Volksschule Londorf
Ruth Wertheim wurde im Jahr 1933 eingeschult. In einem Brief erläuterte sie Jahrzehnte später, wie sehr sie sich als Kind auf die Schule gefreut habe. Das erste Schuljahr verlief für Ruth sehr positiv. Im Jahr 1934, als Ruth die zweite Klasse besuchte, war ihr schulischer Alltag von Ausgrenzung geprägt. Als sie blutend und mit blauen Flecken nach Hause kam, nahmen sie ihre Eltern von der Schule. [3]
- Bezirksschule Offenbach am Main
Ab dem Januar 1938 besuchte Ruth die Jüdische Bezirksschule in Offenbach am Main. Sie wohnte bei einer jüdischen Witwe und lief täglich zur Schule. Als sie eines Morgens zur Schule lief, wurde sie zur Zeugin der Novemberpogrome 1938. Das verängstigte Mädchen rannte nach Hause und fuhr bald wieder nach Londorf zurück.
- Jüdische Bezirksschule Bad Nauheim
Mithilfe einer Jüdischen Organisation besuchte Ruth ab dem Februar 1939 die Jüdische Bezirksschule in Bad Nauheim. Dort lernte sie Hannelore Militzer-Noe kennen. Hannelore musste ebenfalls ihr Zuhause nach den Novemberpogromen verlassen. Die Zeit in Bad Nauheim war die besten ihres jungen Lebens, so berichtete es Ruth Wertheim in einem Brief. Auf Anweisung der Stadt Bad Nauheim schloss die Schule im Juni 1939.
- Volksschule Philantropin in Frankfurt am Main
Die Volksschule Philantropin wurde von Ruth und ihrer Schwester Hannelore ab dem Dezember 1939 besucht. Während sie das Philantropin besuchten, mussten sie ständig ihren Aufenthaltsort wechseln. Bei einem Ort kämpften die Kinder mit massiven Hygieneproblemen, die anderen musste aufgrund des Krieges und aus anderen Gründen schließen.
Ab dem Jahr 1941 besuchte Ruth keine Schule mehr. Sie blieb mit ihren Eltern in Londorf, wo sie unter Lebensmittelknappheit und Antisemitismus litten.
Deportation
1941 gab es 15 jüdische Einwohner in Londorf. Die letzten elf jüdischen Bewohner wurden 1942 deportiert.[4] Darunter waren Ruth Wertheim und ihre Eltern sowie ihr Großvater David Stern, die am 27. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert wurden .[3] Im Oktober 1944 wurde sie mit ihren Eltern in das KZ Auschwitz deportiert. Dort wurden ihre Eltern, Leopold und Emma Wertheim, ermordet. Wertheim überlebte unter schwierigsten Bedingungen weitere vier Wochen, bis sie nach Merzdorf in ein Arbeitslager deportiert wurde. Dort stellte sie Fallschirme für den Krieg her.
Ruth Wertheim war die einzige Überlebende aus ihrer Familie.[5] In einer Erhebung von Basisdaten zur Verlegung von Stolpersteinen im Bereich Gießen werden unter den Deportierten aus Londorf acht Personen aufgeführt. Als einzige Überlebende wird Ruth Wertheim genannt.[6]
Befreiung
Am 5. Mai 1945 wurde Ruth Wertheim von den russischen Truppen befreit. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Lazarett ging sie zu Fuß 500 Kilometer[7] quer durch Deutschland zu ihrem Heimatort Londorf zurück. Dort erfuhr sie, dass sie die einzige der aus ihrem Heimatort deportierten Juden war, die den Holocaust überlebten. Von Londorf aus trat sie in Kontakt mit Verwandten in den USA, die bereits im Jahr 1936 emigriert waren. Sie versuchte, nach Frankreich zu gelangen, wurde aber an der Grenze zurückgewiesen.[8]
Vereinigte Staaten
Im Juli 1946 kam Ruth Wertheim in den Vereinigten Staaten mit dem „Second Liberty Ship“ an und wurde von ihrem Cousin abgeholt. Dort suchte sie sich eine Arbeit und begann ein neues Leben.
In den Vereinigten Staaten lernte Ruth den Anwalt Mitchell Bacow (1915-2007) kennen. Die beiden heirateten an ihrem 21. Geburtstag.[9] Ihre zwei Kinder sind Lawrence S. Bacow und Elaine Simonsen.
Ruth Wertheimers Grabstätte befindet sich in Boynton Beach, Palm Beach County, Florida, USA [10]
Rezeption
- Wertheims Lebensweg ist in dem von Hanno Müller herausgegebenen Buch Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen - Jüdische Schüler in Grünberg dokumentiert.[11]
- Eine Aufzeichnung eines Interviews mit Ruth Wertheim über ihre Erfahrungen befindet sich im Visual History Archive der Shoah Foundation bei der University of Southern California. Der Gründer der Shoah Foundation, Steven Spielberg, hob Wertheims Beitrag als bedeutsam hervor.[12]
Siehe auch
- Ebo Rothschild aus Londorf
Literatur
- Hanno Müller (Hrsg.): Juden in Rabenau. Geilshausen, Kesselbach, Londorf, Rüddingshausen - Jüdische Schüler in Grünberg. Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung, Lich 2023, ISBN 978-3-96049-114-9
Weblinks
- Website zu Ruth Wertheim
- Ruth Wertheim papers. Private Korrespondenz im Bestand des United States Holocaust Memorial Museum
- Oral history interview with Ruth Bacow. Aufgezeichnetes Interview mit Ruth Bacow geb. Wertheim, im Bestand des United States Holocaust Memorial Museum
- Ruth Bacow in der Datenbank von Find A Grave
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Lebensweg | Ruth Wertheim. Luke Schaaf, abgerufen am 29. März 2024.
- ↑ Ingo Berghöfer: Für einen Moment ist er nur noch Sohn. Gießener Anzeiger, 15. September 2022, abgerufen am 30. März 2024
- ↑ 3,0 3,1 Gedenkstätte für Londorfs Juden. 17. Juni 2022, abgerufen am 29. März 2024.
- ↑ Londorf (Hessen) bei jüdische-gemeinden.de
- ↑ Wenig erinnert an Londorfs Juden in Gießener Allgemeine vom 20. Februar 2022
- ↑ Monika Graulich: Verschleppt aus Gießen, deportiert, ermordet, Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen 100 (2015), S. 247, veröffentlicht in JLUpub (Repositorium der Justus-Liebig-Universität Gießen)
- ↑ »Also rettet jemandes Leben!« Gießener Allgemeine Zeitung, 14. September 2022, abgerufen am 30. März 2024
- ↑ Thomas Brückner: »Inspiriert vom schwierigen Weg meiner Mutter«, Gießener Allgemeine Zeitung, 13. März 2023
- ↑ Die Detroit Jewish News vom 3. Dezember 1948 gibt als geplantes Hochzeitsdatum allerdings den 6. Februar 1949 an (Digitalisat abgerufen von der University of Michigan Library am 30. März 2024).
- ↑
- Ruth Bacow in der Datenbank von Find A Grave
- ↑ Debra Wisker: »Dann kam die Kristallnacht«. Gießener Anzeiger, 16. April 2023, abgerufen am 30. März 2024
- ↑ Susan A. Hughes: What history teaches us about hate, Harvard Kennedy School, 29. April 2021, abgerufen am 30. März 2024
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Wertheim, Ruth |
| ALTERNATIVNAMEN | Wertheim, Bertel Ruth (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Jüdin und Holocaust-Überlebende |
| GEBURTSDATUM | 27. März 1927 |
| GEBURTSORT | Londorf |
| STERBEDATUM | 1994 |
| STERBEORT | Florida, USA |
| Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Ruth Wertheim aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar. |