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Putinismus

Aus Jewiki
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Wladimir Putin auf der Krim (2000)

Der Begriff Putinismus (russisch Путинизм) steht für eine Ideologie und ein politisches Schlagwort, mit dem das politische System in Russland und dessen Handeln bezeichnet wird, wie es sich unter dem russischen Präsidenten Wladimir Putin herausgebildet hat.

Aufkommen des Begriffs

Als der russische Präsident Boris Jelzin am 31. Dezember 1999 zurücktrat, übernahm der damalige Ministerpräsident Putin, den Jelzin zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, dessen Amtsgeschäfte zunächst kommissarisch. Der Begriff Putinismus wurde kurz danach geprägt. Als Erster[1] verwendete ihn der russische Mathematiker und Publizist Andrei Piontkowski, der später mehrere Bücher über Putin geschrieben hat. Am 11. Januar 2000 erschien in der Sowetskaja Rossija ein Artikel von Piontkowski, der am selben Tag auch auf der Website der Partei Jabloko zu lesen war. In der Überschrift dieses Artikels definierte Piontkowski den von ihm so genannten Putinismus als „das höchste und letzte Stadium des Räuber-Kapitalismus in Russland“. Er erklärte, dies sei das Stadium, in dem das Bürgertum „die Flagge der demokratischen Freiheiten über Bord wirft“. Weitere Merkmale des Putinismus seien die „Konsolidierung“ der Nation durch Hass gegen ethnische Minderheiten, die Bekämpfung der Redefreiheit, „Gehirnwäsche“, die Selbstisolation von der Außenwelt und weiterer wirtschaftlicher Niedergang. Im selben Artikel verglich Piontkowski Jelzin mit Hindenburg, der Hitler zur Machtergreifung verholfen hatte.[2]

Phasen

Nach einer Darstellung des Osteuropaexperten Richard Sakwa aus dem Jahr 2013 entwickelte sich das als Putinismus bezeichnete politische System Russlands in vier Phasen:

  • Phase der Sanierungspolitik (von März 2000 bis Oktober 2003)
  • Ausbau der Vormachtstellung der Präsidialadministration (bis 2008)
  • Phase der „Tandem-Regierung“ (ab 2008), in der Präsident Medwedew rechtsstaatliche und liberale Aspekte gegen das Übergewicht der Präsidialverwaltung zu stärken suchte
  • ab etwa 2011: der Putinismus in seiner entwickelten Form

Sakwa betont die Kontinuität der Entwicklung, die schon mit Boris Jelzin 1991 begann und von Anfang an bei der Steuerung der politischen Prozesse bestimmte autoritäre Elemente aufwies. „Beide (Jelzin und Putin) haben versucht, die konkurrierenden Ansprüche zu steuern, nämlich den Drang nach politischer Partizipation und sozialer Sicherung einerseits, und die Fragmentierung des postsowjetischen Eurasiens sowie die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen auf internationaler Ebene andererseits.“ Wahlen stellten seit 1991 „einen sekundären Vorgang zur Legitimierung des Status quo dar“.[3]

In seiner entwickelten Form wies der Putinismus nach Sakwa „neue Methoden des politischen Managements“ auf: die Strategie selektiven Zwangs gegen Führungspersönlichkeiten der Opposition wie Alexei Nawalny, die Strategie der Beschränkung etwa des Demonstrationsrechts und des Aktienbesitzes im Ausland. In der Strategie der Kooptation sei die Allrussische Volksfront wichtigster „Kooptierungsmechanismus“. In der Strategie des Überzeugens seien ideologische Initiativen unternommen worden, „unter anderem durch eine betont antiwestliche Haltung, eine engere Verbindung zur orthodoxen Kirche und das Eintreten für konservative kulturelle und Familienwerte“. Sakwa diagnostiziert, diese Phase sei von Stagnation, Unterdrückung des Pluralismus und Korruption gekennzeichnet. Alternative sei ein „Putinismus ohne Putin“ als fünfte Phase durch anhaltenden „Druck demokratischer Bewegungen, begleitet von einer Wiederbelebung des Verfassungsstaates“ oder „Revolution und Kollaps“.[4]

Zu Beginn glaubten Liberale an Fortschritt durch Putin. Über die Jahre wurden die konservativen Bevölkerungsschichten im peri-urbanen und ländlichen Raum zu seinen Unterstützern.[5]

Merkmale

Charakterisierungen

Samuel P. Huntington sah 2002 Putins Verhältnis zum Westen als wesentliches Merkmal des Putinismus. Während Jelzin sich mit dem Westen ideologisch und kulturell identifiziert habe, sei Putin bloß ein Pragmatiker: „Wenn es ihm passt, kooperiert er mit den USA, mit dem Westen“; er könne aber auch genau das Gegenteil tun.[6]

Der deutsche Politikwissenschaftler Manfred Sapper beschrieb in einem Rückblick auf das Jahr 2012 den Putinismus anhand von vier Unterschieden zur realsozialistischen Diktatur in der Sowjetunion: An der Stelle der Partei sei „eine Vielzahl von Klans, Seilschaften und Netzwerken“ getreten, „die ihre materiellen Interessen befriedigen, indem sie ökonomisch relevante Ressourcen wie die exportfähigen Rohstoffbranchen kontrollieren“ und sich aus an den Erlösen bereichern. Es gebe keine messianische Ideologie mehr. Zwar werde keine „Massengewalt“ angewendet, aber Willkür und Repression seien an der Tagesordnung. Und: Die Grenzen seien offen – man könne das „System Putin“ verlassen.[7]

Für Markus Wehner beruht der Machterhalt der „modernen Diktatur“ in Russland vor allem auf Propaganda (und nicht wie früher auf Gewalt).[8] Die Propaganda in der Russischen Föderation setzt auf Nationalismus und die traditionellen Symbole Militär und orthodoxes Christentum und brandmarkt die urbanen, jungen Liberalen als fünfte Kolonne des feindlichen Auslands.[5]

Marcel H. Van Herpen, Direktor der Cicero Foundation[9], verglich den Putinismus mit anderen Regierungsformen. Im Jahr 2013 beschrieb er Übereinstimmungen des Putinismus mit Merkmalen des Bonapartismus, des italienischen Zwischenkriegsfaschismus und des Berlusconismus.[10] Mit dem Regierungssystem Napoleons III. sah er insofern Gemeinsamkeiten, als auch der Bonapartismus durch einen allgegenwärtigen Geheimdienst, Zensur der Medien, ein formelles Mehrparteiensystem mit schwacher Stellung des Parlaments und ein Streben nach Vergrößerung des Territoriums sowie militärische Abenteuer gekennzeichnet gewesen sei. Der Putinismus sei aber moderner, da die physische Repression durch Steuerung der öffentlichen Meinung über die Medien und Wahlmanipulationen ersetzt worden sei.[11]

Wjatscheslaw Wolodin sagte im Oktober 2014 zuspitzend: „Wenn es Putin gibt, dann gibt es Russland. Wenn es Putin nicht gibt, gibt es auch Russland nicht.“[12]

Alan Posener von der Welt schrieb im Zusammenhang mit der Diskriminierung von Minderheiten in Russland: „Der Putinismus lebt davon, außen- und innenpolitische Feinde zu schaffen und sie propagandawirksam niederzuringen.“[13]

Walter Laqueur hält 2015 Putin nicht für einen Ideologen, sondern für pragmatisch. Er wundert sich über den schnellen Wandel des politischen Systems und seiner Ideologie „vom Kommunismus zum Staatskapitalismus, vom Internationalismus zum Nationalismus und dieser getragen von einem bedeutenden Einfluss der orthodoxen Kirche.“ Russland sei wieder eine Diktatur, „autoritär, aber nicht faschistisch“.[14]

Der exilierte Oligarch Michail Chodorkowski, einer der größten Kritiker Putins, bezeichnete im März 2017 das unter Putin etablierte Herrschaftssystem als „feudalistisch-kriminell“.[15]

Laut Wladislaw Leonidowitsch Inosemzew ist Russland 2021 „keine moderne europäische Gesellschaft: Es ist ein ehemaliges Imperium, das nie ein Nationalstaat war“. Es sei auch keine demokratische Republik, sondern ein Handelsstaat, der den Herrschern gehöre, und den „Putin und seine ihm loyal ergebenen Komplizen, die sich aus Studienfreunden, KGB-Kollegen und kriminellen Kumpels zusammensetzten“, im Handstreich übernommen hätten.[16]

Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch bezeichnet Russland 2022 als eine „faschistische Diktatur ... mit allen Attributen einer solchen: staatlichem Nationalismus, fehlender Opposition, militärischer Indoktrinierung der Jugend schon im frühesten Alter, Arbeitslagern und Mord an politischen Gegnern.“[17]

Innenpolitik

Das Konzept manifestierte sich seit dem Amtsantritt von Putin 1999 als Nachfolger des zurückgetretenen Boris Jelzin durch den Kampf gegen die organisierte Kriminalität, die Finanzierung von Sozial- und Rüstungsausgaben durch die verstaatlichte Rohstoffausbeutung sowie durch einen Vorrang der öffentlichen Ordnung vor individuellen Freiheiten. Mit der Regierungsform der gelenkten Demokratie soll vor allem die Stabilität von Staat und Gesellschaft erreicht werden. Damit einher gehen Einschränkungen bei der Verwirklichung der Menschenrechte in Russland.[18][19]

Außenpolitik

Nach Ansicht von Ulrich Menzel steht eine revisionistische Politik der Errichtung einer Einflusssphäre im postsowjetischen Raum im Zentrum des Putinismus. Dazu nutze Putin sowohl politische Mittel (z. B. Konfrontation in der UNO) als auch wirtschaftliche (z. B. Energierohstoffexporte) und militärische Methoden (z. B. Krieg in der Ukraine seit 2014).[20]

Die Rolle westlicher Länder und Bündnisse sieht die Putin-Regierung kritisch, die NATO-Osterweiterung empfindet sie als Bedrohung der eigenen Sicherheit. Nach der Intervention im Kaukasuskrieg 2008 mit Georgien machte die Machtpolitik 2014 auch vor der Annexion der Krim, eines Gebietes des heute unabhängigen Staates Ukraine, nicht halt. Dabei werde, wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kommentierte, „das Recht des Stärkeren“ gegen die „Stärke des Rechts“ gestellt.[21]

Russki Mir

Historische Entwicklung

Die Idee des Russkij mir hat ihre Wurzeln bereits im 19. Jahrhundert, ursprünglich als poetische Metapher. Der Schriftsteller und Historiker Nikolai Michailowitsch Karamsin rechtfertigte in seinem Hauptwerk Geschichte des russischen Staates (История государства Российского) 1818 die Selbstherrschaft des Zaren (russ.:»cамодержавие«; »samodershawije«) als Ausdruck des russischen Volksgeistes, der als einigendes Kollektivsymbol einfaches Volk und Adel ebenso verbinden sollte, wie die Liebe zur Religion. Karamsins Schüler, der Politiker und Wissenschaftler Sergei Semjonowitsch Uwarow prägte im Gegensatz zur Französischen Revolution die Losung: „Prawoslawije, Samodershawije, Narodnost“ (Православие, Cамодержавие, Народность) Rechtgläubigkeit, Selbstherrschaft, Volksverbundenheit. Puschkins Freund, der Schriftsteller Pjotr Andrejewitsch Wjasemski nannte 1848 in seinem Gedicht Die heilige Rus die Symbole, die Russland vor dem verderblichen europäischen Einfluss bewahren sollten: Orthodoxer Glaube, Liebe zum Zaren, die russische Geschichte und schließlich die russische Sprache, welche er zum Medium erklärt, durch das der russische Mensch mit Gott kommuniziere. Im selben Jahr hatte ein Zarenmanifest Über die Vorkommnisse im westlichen Europa vom 14. März 1848, die zentralen rhetorischen Argumente vorgegeben: Die Religion sei als Vermächtnis der Vorfahren zu bewahren und, da Russlands Feinde überall seien, müsse die Verteidigung Russlands überall und nicht nur an seinen Grenzen erfolgen. Schließlich sah auch Dostojewskij die Mission Russlands darin, „mit den russischen Worten der Wahrheit die tragischen Missverständnisse der west-europäischen Zivilisation zu korrigieren“, wie er in Tagebuch eines Schriftstellers formulierte.[22]

Solche Sakralisierung hatte mit der Revolution zunächst ein Ende, doch entwickelte die Sowjetunion als Träger der Revolutionsidee sowie auch als Weltmacht, einen wahrlich globalen »Welt«-Begriff. Ab 1944 hieß es in der Hymne der Sowjetunion: „Die unzerbrechliche Union der freien Republiken vereinigte für die Ewigkeit die große Rus.“[22]

Andererseits hatten im Exil die so genannten Eurasier seit den 1920er Jahren einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur Russlands und der »germano-romanischen« Kultur Westeuropas imaginiert. Innerhalb Russlands wurden erst in den 1990er Jahren bei der »Neuen Rechten« diese Ideen zielstrebig den neuen politischen Bedingungen angepasst und nach dem Wegfall und an Stelle der marxistisch-leninistischen Ideologie zu einer neuen imperialistischen, dem Neo-Eurasismus weiterentwickelt.[22]

Im 21. Jahrhundert

Das ursprüngliche Kulturkonzept Russki Mir („Russische Welt/Gemeinschaft“) dient nun in ideologisierter Form zur Legitimierung des russischen Einflusses im postsowjetischen Raum. Es postuliert mit Rückgriff auf die Zeiten der Kiewer Rus eine gemeinsame ostslawische Identität, worin die russische Sprache und Literatur eine besondere Verbindung herstelle.[23] Der belarussische Philosoph und Dichter Ihar Babkou beschrieb das Wesen des Konzepts 2022 hingegen mit „Die heutige „Russische Welt“ umfasst Praktiken des brutalen und aggressiven Neoimperialismus, die vor allem gegen die direkten Nachbarstaaten gerichtet sind.“, wie sie erst seit „2014/2015 vollständig zum Vorschein gekommen sind.“[24]

Die geopolitische Konzeption vereint antiwestliche, antiliberale und neoimperiale Strömungen.[22] Der Begriff wäre im rein russischen Verständnis mit dem Commonwealth vergleichbar, unterscheidet sich aber markant durch die Tatsache, dass die Kirche und die Religion eine wesentliche Rolle spielen.[22] Die Gegnerschaft der Kirche gegenüber dem Westen wird auch mit dessen angeblicher „Christianophobie“ begründet.[25] Diese radikale Abgrenzung von Europa mündet im Russischen „Sonderweg“.[22]

Der Sprachgebrauch ist uneinheitlich, neben einem spezifischen, „russischen“ Geschichtsbewusstsein kann der Begriff auch einfach die Unterstützung für die russische, beziehungsweise Putin’sche Politik bedeuten.[22]

2006 definierte Wladimir Putin das Konzept und forderte Künstler auf, den Ausdruck zu verwenden,[23] 2007 gründete er die Stiftung Russki Mir. Russische Sprache und Kultur sollten damit vor allem in den ehemaligen Sowjetstaaten gefördert werden. Die Bewegung entwickelte, beeinflusst vom Panslawismus und mit ihrer Gegenüberstellung einer orthodoxen Kraft gegenüber dem Westen, eine eigene konfrontative Dynamik.[26] Die Ideologie der russisch-orthodoxen Kirche, geführt vom Patriarchat von Moskau und der ganzen Rus, deckt sich mit der staatlichen Politik der russischen Welt, auch sie erhebt ihren Machtanspruch über die Grenzen Russlands hinaus. Die russisch-orthodoxe Kirche und der Moskauer Patriarch trügen eine direkte Verantwortung für die expansive Politik Russlands.[27] Dass die Suche einer neuen russischen Doktrin zur autoritären Rechten führen würde, war für Walter Laqueur klar gewesen, aber das Tempo und wie weit diese Entwicklung gehen würden, überraschten ihn.[28]

Dazu kommt das Konzept einer „heiligen Rus“, also der Beanspruchung der Kiewer Rus als Ursprung Russlands.[22] Nach russischen Vorstellungen ist der Platz der Ukraine in der russischen Welt.[29] Im Falle der Ukraine spricht eine Mehrheit der Russen den Ukrainern gar ab, eine staatsbildende Kraft zu besitzen, und betrachtet sie als Teil ihrer umfassenden orthodoxen russischen Gemeinschaft Russki Mir.[30] Der Begriff Russki Mir kommt in der Präambel der Verfassung der „Volksrepublik Donezk“ gleich vier Mal vor. Nach dem begonnenen Hybridkrieg gegen die Ukraine fand sich die gesamte Bandbreite imperialer Organisationen von ultra-religiös bis linksradikal hinter dem Begriff vereint.[22]

Theoretiker des Putinismus

In einem Interview mit dem „Spiegel“ im April 2022 beschreibt der russischstämmige französische Philosoph Michel Eltchaninoff die Entfaltung der putinistischen Ideologie. Zu Beginn der Annexion der Krim im Jahr 2014 habe Putin philosophische Schriften an Tausende Funktionäre, Gouverneure und Parteikader in Russland mit einer Lektüreempfehlung verteilen lassen. Es habe sich um die Bücher „Unsere Aufgaben“ von Iwan Iljin, „Die Philosophie der Ungleichheit“ von Nikolai Berdjajew und „Die Rechtfertigung des Guten“ von Wladimir Solowjow gehandelt. Solowjow habe sich, wie Putin, als „Retter der christlichen Mythen und Religionen gegen die Profanität des Westens“ verstanden. Berdjajew habe die These vertreten, man könne sich nicht von Vergangenheit, Traditionen und Wurzeln der Geschichte trennen. Die Ideologie Putins bezieht zudem Elemente ein, welche von Philosophen wie Nikolai Danilewski stammen.

Eltchaninoff bewertet Putins Methode, eine eigene „Geschichtsphilosophie“ zu konstruieren, als „Flickenteppich“. Insbesondere gebe es ein Spannungsverhältnis zwischen den Hauptzielen der drei hauptsächlichen „Vorbilder“ Putins, nämlich dem Panslawismus, dem Eurasismus und dem antimodernen Konservatismus.[31]

Iljin

Die Gedankenwelt Iwan Iljins, eines russischen Philosophen aristokratischer Herkunft und slawophilen Faschisten, beeindrucke Putin am meisten. Iljin habe sich mit der Frage befasst, wie ein postsowjetisches Russland beschaffen sein und welche Eigenschaften ein postkommunistischer Führer haben sollte. Er beschäftigte sich mit Hegel, fürchtete zugleich das Ideal des Individualismus, beobachtete erschrocken ein Überhandnehmen freiheitlichen Lebensstils und war überzeugt, Russland wäre von einer Ausbreitung der „sexuellen Perversion“ bedroht. Er las auch Freud und kam zu der verschrobenen Ansicht, dass die Unterdrückung von Individualität, Sexualität und Hedonismus der Königsweg zu einer guten Gesellschaft wäre. Die Radikalität der Bolschewiki machte auch Iljin zum Extremisten – aber eben auf der Gegenseite, zum Ideologen der „Weißen Armeen“, also der konterrevolutionären, zaristischen Militärs, die gegen die Kommunisten kämpfen. In seinen Schriften im Exil zwischen den zwanziger und den fünfziger Jahren beschwor Iljin zwanghaft die „Wiedergeburt“ des „Vaterlandes“. Russland war für ihn „Gott, Vaterland und der nationale вождь“ (vozhod), was soviel heißt wie Souverän, Zar, Führer; der eben nicht bloß Person, sondern die Verkörperung der staatlichen Macht, der „Einzige“ ist, der auch über den morschen Apparaten des Staates steht. Demokratie und Entscheidungen durch Wahlen oder Abstimmungen lehnte er ab. Insbesondere für Russland, denn „Demokratie“, „Liberalität“ oder „Freiheit“ passten nicht zu Russland und seiner „eurasischen Identität“. Die Nation wird als organische Einheit imaginiert. Russland sei eine Zivilisation eigener Art, eine Mischung aus der christlich-byzantinischen Kultur und der mongolisch-asiatischen Lebensart. In den zwanziger und dreißiger Jahren bewunderte Iljin Hitler und Mussolini sowie die faschistische Idee als „rettendes Übermaß an patriotischer Willkür“. „Der imperialistische Westen werde das falsche Versprechen von Freiheit nutzen, um Russland Länder wegzunehmen: das Baltikum, den Kaukasus, Zentralasien und vor allem die Ukraine.[32]“ Auf diese hatte Iljin einen regelrechten Hass: Von der Ukraine gehe die größte Gefahr für Verrat und Separatismus aus und sie existiere nur aus Gründen von Ränken und Intrigen als eigenständiges Territorium. 1954 im Schweizer Exil verstorben, war Iljin eigentlich lange vergessen, erst seit den 1990er Jahren wird er in Russland nach und nach wieder verlegt. Vladimir Putin entdeckte ihn bei seiner Suche nach intellektuellen Begründungen seiner neuen Nationalidee und propagiert seitdem Iljins Ideen, und zitiert ihn geradezu obsessiv bei nahezu allen seinen Ansprachen.[33]

Surkow

Der Politiker Wladislaw Surkow bezeichnet sich selbst als einen der Autoren dieses Systems.[34] Laut Robert Misik benutzte Surkow als langjähriger Herrscher über die staatlichen Medien bis 2013 seine Kenntnis post-moderner französischer Philosophie zynisch, um die Bevölkerung zu manipulieren, zu verwirren und zu lähmen: Das unverdorbene russische Volk sei vor der „überdosierten“ und damit verderblichen Freiheit des Westens inklusive seiner „sexuellen Perversion“ zu bewahren. Es bedürfe vielmehr einer „souveränen“ alias „gelenkten Demokratie“; diese sei eigentlich eine „gute Diktatur“. Ab 2014 galt Surkow als Putins persönlicher Berater für den Konflikt in der Ukraine und auch als Erfinder des Vorwurfs eines Genozids an der russischen Ethnie sowie der Idee, „freiwillige“ Kämpfer und „Unabhängigkeits“-Marionetten im Donbass zu installieren. 2020 trat er auch von seinem Amt als Ukraine-Beauftragter zurück; seine heutige Rolle ist völlig im Dunkeln.[35]

Siehe auch

Literatur

  • Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf: Logik und Willkür eines Autokraten. Tropen Sachbuch 2022 ISBN 978-3-608-50182-7.
  • Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-72501-2 (Rezension).
  • Brian Taylor: The Code of Putinism. Oxford University Press, New York 2018, ISBN 978-0-19-086731-7.
  • Walter Laqueur: Putinismus: Wohin treibt Russland? (Originaltitel: Putinism, Russia and Its Future with the West, 2015, übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt). Propyläen, Berlin 2015, ISBN 978-3-549-07461-9.
  • Ronald J. Hill, Ottorino Cappelli (Hrsg.): Putin and Putinism. Routledge, Abingdon (Oxfordshire) 2013.
  • Marcel H. Van Herpen: Putinism: The slow rise of a radical right regime in Russia. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2013.
  • Richard Sakwa: Modernisation, neo-modernisation, and comparative democratisation in Russia. In: East European Politics, 28.2012, Nr. 1, S. 43–57.
  • Richard Sakwa: The Crisis of Russian Democracy. The Dual State, Factionalism and the Medvedev Succession. Cambridge University Press, Cambridge 2011.
  • Richard Sakwa: The Dual State in Russia. In: Post-Soviet Affairs, 26.2010, Nr. 3, S. 185–206.
  • Richard Sakwa: Russian Politics and Society. Routledge, London / New York 2008.
  • Richard Sakwa: Putin’s Leadership. Character and Consequences. In: Europe-Asia Studies, 60.2008, Nr. 6 (Sonderausgabe: Power and Policy in Putin’s Russia), S. 879–897.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Waleri Fjodorow, Julija Baskakowa et al.: ""Путинизм" как социальный феномен и его ракурсы" [= „Putinismus“ als soziales Phänomen und seine Aspekte]. In: Waleri Fjodorow (Hg.): Выборы на фоне Крыма: электоральный цикл 2016-2018 гг. и перспективы политического транзита [= Wahlen vor dem Hintergrund der Krim: Der Wahlzyklus 2016–2018 und Perspektiven des politischen Übergangs]. ВЦИОМ, Moskau 2018, ISBN 9785041523244, S. 587–602.
  2. Andrei Piontkowski: Путинизм как высшая и заключительная стадия бандитского капитализма в России (= Putinismus als das höchste und letzte Stadium des Räuber-Kapitalismus in Russland). Sowetskaja Rossija, 11. Januar 2000.
  3. Richard Sakwa: Analyse: Entwickelter Putinismus – Wandel ohne Entwicklung. Bundeszentrale für politische Bildung, 15. Juli 2013, abgerufen am 27. Dezember 2014.
  4. Richard Sakwa: Analyse: Entwickelter Putinismus – Wandel ohne Entwicklung. Bundeszentrale für politische Bildung, 15. Juli 2013, abgerufen am 21. Februar 2015.
  5. 5,0 5,1 Paul Baines, Nicholas O’Shaughnessy, Nancy Snow (Hrsg.): The SAGE Handbook of Propaganda Verlag SAGE, 2019, ISBN 978-1-5264-8625-7, S. 493.
  6. Die blutigen Grenzen des Islam. In: Die Zeit, Nr. 37/2002.
  7. Manfred Sapper: Putinismus in Aktion (Memento vom 22. Februar 2015 im Internet Archive). Brockhaus.
  8. Markus Wehner: Putins Kalter Krieg: Wie Russland den Westen vor sich hertreibt. Verlag Knaur eBook, 2016, ISBN 978-3-426-43835-0, Kapitel 5: Russlands Informationskrieg.
  9. The Cicero Foundation. CiceroFoundation.org, abgerufen am 13. März 2022 (english).
  10. Van Herpen, 2013, S. 203.
  11. Van Herpen, 2013, S. 7 f.
  12. Julian Hans: Ohne Putin kein Russland. Süddeutsche Zeitung, 16. März 2015, abgerufen am 16. März 2015.
  13. Alan Posener: Kein Führerschein für Transsexuelle in Russland. Welt Online, 10. Januar 2015.
  14. dlf am 11. April 2015: Walter Laqueur im Gespräch mit Ernst Rommeney [1]
  15. Kremlkritiker behauptet: Wladimir Putin denkt über seinen Rückzug nach. In: Focus Online. 2017-03-27 (https://www.focus.de/politik/ausland/michail-chodorkowski-kremlkritiker-behauptet-wladimir-putin-denkt-ueber-seinen-rueckzug-nach_id_6828102.html).
  16. Wladislaw L. Inosemzew: Warum verlor der Westen Russland? – Gewiss gab es strategische Fehler, entscheidend aber war das politische Naturell des KGB-Mannes Wladimir Putin. in NZZ am 13. November 2021 [2] abgerufen am 7. April 2022.
  17. Szczepan Twardoch: Liebe westeuropäische Intellektuelle: Ihr habt keine Ahnung von Russland. in NZZ am 6. April 2022 (msn.com)[3]
  18. Ljudmila Alexejewa: Human rights: The rise and fall of Putinism. Welt Online, abgerufen am 21. Dezember 2014.
  19. Nach dem Demokratieindex ist Russland das undemokratischste Land in Europa. Weltweit liegt es in der vorletzten Gruppe der „Autoritären Regime“. Neben der Zurückdrängung oppositioneller Medien wird zunehmend auch die freie Meinungsäußerung und das Demonstrationsrecht eingeschränkt.
  20. Ulrich Menzel: Wohin treibt die Welt? Bundeszentrale für politische Bildung, 21. Oktober 2016.
  21. Merkel in ihrer Regierungserklärung: Russland stellt „Recht des Stärkeren gegen Stärke des Rechts“ (Memento vom 19. Dezember 2014 im Internet Archive). The Huffington Post, 19. Dezember 2014, abgerufen am 19. Dezember 2014.
  22. 22,0 22,1 22,2 22,3 22,4 22,5 22,6 22,7 22,8 »Russkij Mir«. Literarische Genealogie eines folgenreichen Konzepts. Russland-Analysen Nr. 289, 30. Januar 2015.
  23. 23,0 23,1 Ulrich Schmid: Russki Mir. Gnose auf Dekoder.org
  24. Von Fischen und Menschen, dekoder.org, 17. März 2022
  25. Orthodox Christian Unity Broken by 'Russian World' Heresy, The Moscow Times, 15. März 2022
  26. Irina Scherbakowa, Karl Schlögel: Der Russland-Reflex: Einsichten in eine Beziehungskrise. Edition Körber, 2015, ISBN 978-3-89684-492-7.
  27. Die russisch-orthodoxe Kirche beteiligt sich aktiv am Krieg gegen die Ukraine. Regensburg Digital, 4. März 2022.
  28. Walter Laqueur: Putinismus: Wohin treibt Russland? Verlag Ullstein, 2015, ISBN 978-3-8437-1100-5: „Danilewskis Eintreten für die Expansion Russlands lag weder eine Art geopolitisches Denken noch irgendeine andere der neumodischen Theorien zugrunde, die er schlicht für Unsinn gehalten hätte. Er glaubte vielmehr an spirituellen Werte und eine welthistorische Mission Russlands. Wie Dostojewski hielt der die Russen für das einzige gottesfürchtige Volk und für dasjenige, das die Welt retten würde.“
  29. Winfried Schneider-Deters: Die Ukraine: Machtvakuum zwischen Russland und der Europäischen Union, BWV Verlag, 2014, ISBN 9783830529415, S. 41
  30. Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-71410-8, S. 197.
  31. „Da wusste ich, dass er einen großen Krieg beginnen wird“. Interview des „Spiegel“ mit Michel Eltchaninoff. Ausgabe 15/2022. 9. April 2022, S. 116–119. Abgerufen am 14. April 2022
  32. Sascha Buchbinder: Er hat’s erfunden. ZEIT ONLINE am 17. März 2022, abgerufen am 21. April 2022
  33. Robert Misik: Putin verstehen III. Falter am 11. April 2022, abgerufen am 21. April 2022.
  34. Peter Pomerantsev: The hidden author of Putinism. The Atlantic, abgerufen am 19. Dezember 2014.
  35. Robert Misik: Putin verstehen VI. Falter am 19. April 2022, abgerufen am 21. April 2022.
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