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Iring Fetscher
Iring Fetscher (geb. 4. März 1922 in Marbach am Neckar; gest. 19. Juli 2014 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Politikwissenschaftler. Er war Professor emeritus der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Leben
Iring Fetscher war der Sohn des Mediziners Rainer Fetscher, der in Dresden eine Professur für Sozialhygiene bekleidete, 1934 aber aus dem Hochschuldienst entlassen wurde.
Fetscher besuchte 1928–1932 die Volksschule in Dresden, anschließend das König-Georg-Gymnasium bis zum Abitur und 1940 noch eine Dolmetscherschule. Danach meldete er sich mit 18 Jahren kurz nach seiner Aufnahme in die NSDAP freiwillig in Altenburg bei einem Feldartillerieregiment als Offiziersanwärter bei der Wehrmacht;[1] seine anfängliche Begeisterung für den Offiziersberuf konnte er nach eigenem Bekunden später nur noch schwer nachvollziehen. Fetscher war in Artillerieregimentern in den Niederlanden, Belgien und der Sowjetunion eingesetzt. Das Kriegsende erlebte er in Kopenhagen.
Nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft studierte er zunächst Humanmedizin; anschließend Philosophie, Germanistik, Romanistik und Geschichte an der Sorbonne in Paris und an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er war wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter an den Universitäten Tübingen (1949–1956) und Stuttgart (1957–1959).
Er war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.
Fetscher war verheiratet mit Elisabeth Fetscher, geborene Götte (1929–2010). Das Paar hat vier Kinder: die Journalistin Caroline Fetscher, der habilitierte Mediziner Sebastian Fetscher, der Germanistikprofessor Justus Fetscher und die Juristin Christiane Irina Fetscher, Geschäftsführerin der Flick-Stiftung.[2]
Werk
1950 promovierte Iring Fetscher mit einer Arbeit über Hegels Lehre vom Menschen, 1959 folgte die Habilitation mit der Schrift Rousseaus politische Philosophie. 1963 wurde er als Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie an die Universität Frankfurt berufen[3], wo er bis zu seiner Emeritierung 1987 blieb. Seine Forschungsschwerpunkte bildeten politische Theorie und Ideengeschichte. Diverse Gastprofessuren führten ihn u. a. an die New School for Social Research in New York (1968/1969), nach Tel Aviv (1972), an das Netherlands Institute for Advanced Study Wassenaar (1972/1973), an das Institute for Advanced Study der Australian National University in Canberra (1976) und an das Institute for European Studies der Harvard University (1977).
Mitte der 1990er Jahre begann Fetscher sich öffentlich intensiver mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und legte 1995 unter dem Titel Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen einen Lebensbericht vor.
Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit waren Studien über Rousseau, Hegel und Marx, insbesondere über die verschiedenen Richtungen des europäischen Marxismus. Zu seinen bekanntesten Schriften zählen das Standardwerk Von Marx zur Sowjetideologie (1957) und das dreibändige Handbuch Der Marxismus (1963–1968). 1985 begann Fetscher zusammen mit Herfried Münkler mit der Veröffentlichung einer auf fünf Bände angelegten Geschichte politischer Ideen (Pipers Handbuch der politischen Ideen). In seinem Buch Überlebensbedingungen der Menschheit (1991) rekonstruiert er ökologische Positionen in der Marxschen und kritischen Theorie und thematisiert die kapitalistischen Grundlagen der Umweltzerstörung.
Politisches Engagement
Er war Mitglied der SPD-Grundwertekommission und hat die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt beraten. Als Mitglied der von der sozial-liberalen Bundesregierung eingesetzten Kommission zur Erforschung der geistigen Ursachen des Terrorismus besuchte er zusammen mit dem Sozialphilosophen Günter Rohrmoser den in Haft sitzenden Horst Mahler. Rohrmoser und Fetscher verfassten zusammen mehrere Bücher.
Trivia
Mit seinem Märchen-Verwirrbuch Wer hat Dornröschen wachgeküßt? (1976) wurde Fetscher in einer weiteren Öffentlichkeit populär.
Ehrungen
- Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main (1992)
- Chevalier Ordre des Palmes Académiques (1993)
- Bundesverdienstkreuz I. Klasse (1993)
- Am 11. April 2003 erhielt Iring Fetscher den Hessischen Verdienstorden und
- am 20. April 2013 den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg
Schriften
- Von Marx zur Sowjetideologie. 1. Auflage 1956, 22 Auflagen bis 1987.
- Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs. Neuwied, Berlin: Luchterhand, 1960.
- Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten, 1963–68, 3 Bde.
- Karl Marx und der Marxismus. München: Piper, 1967.
- Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das Märchen-Verwirrbuch. Düsseldorf: Claassen, 1972. (3., erw. Aufl 1976; dt. Gesamtauflage über 250.000 Ex.) ISBN 3-546-42723-8.
- Herrschaft und Emanzipation. Zur Philosophie des Bürgertums, München 1976
- Bundesminister des Innern (Hrsg.): Analysen zum Terrorismus. Westdeutscher Verlag, Opladen 1981–1984, Band 1: Iring Fetscher, Günter Rohrmoser (und Mitarbeiter): Ideologien und Strategien (1981)
- Arbeit und Spiel. Stuttgart: Reclam, 1983, ISBN 3-15-007979-9.
- als Mitherausgeber: Neokonservative und Neue Rechte. Der Angriff gegen Sozialstaat und liberale Demokratie in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und der Bundesrepublik, München 1983
- als Mitherausgeber: Pipers Handbuch der politischen Ideen. 5 Bände, München 1985ff.
- Überlebensbedingungen der Menschheit. Ist der Fortschritt noch zu retten? Berlin 1991
- Neugier und Furcht. Versuch, mein Leben zu verstehen. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1995, ISBN 3-455-11079-7.
- Neck mich beim Château Margaux. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 26. November 1999, S. 41
- Sammelleidenschaft und spielerische Neugier. Eine weltoffene Familie. In: Familie Marx privat, Akademie Verlag, Berlin 2005, S. XIII-LIII ISBN 3-05-004118-8.
- Karl Marx, Friedrich Engels: Studienausgabe. Überlegungen, die zur Zusammensetzung der Texte zur Studienausgabe in vier Bänden (1966) geführt haben. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Sonderband 5. Die Marx-Engels-Werkausgaben in der UdSSR und DDR (1945–1968). Hrsg. von Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl und Rolf Hecker. Argument Verlag, Hamburg 2006, S. 463–470 ISBN 3-88619-691-7.
- Für eine bessere Gesellschaft. Studien zu Sozialismus und Sozialdemokratie. Hrsg. von Clemens K. Stepina u.a. Wien: Lehner, 2007, ISBN 3-901749-57-8.
Literatur
- Herfried Münkler (Hrsg.): Der demokratische Nationalstaat in den Zeiten der Globalisierung: politische Leitideen für das 21. Jahrhundert. Festschrift zum 80. Geburtstag von Iring Fetscher, Akademie Verlag, Berlin 2002
- Clemens K. Stepina (Hrsg.): Iring Fetscher: zwischen Universität und Politik, Edition Art Science, Wien 2011.
Weblinks
- Literatur von und über Iring Fetscher im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Die Homepage von Iring Fetscher
- Munzinger Internationales biographisches Archiv 02/2007 vom 13. Januar 2007 (Auszug).
- Der Frankfurter Politologe Iring Fetscher starb im Alter von 92 Jahren, Der Tagesspiegel, 20. Juli 2014
- Glaus-Jürgen Göpfert: Der Trost des Optimisten, in: FR vom 1. März 2012 (zum 90. Geburtstag Fetschers).
- Jürgen Kaube: Das Tempo eines Volkserziehers, FAZ vom 4. März 2012 (zum 90. Geburtstag Fetschers).
Einzelnachweise
- ↑ Claus-Jürgen Göpfert: „Braune Vergangenheit - Später Schock“, Frankfurter Rundschau, 10. Juni 2011.
- ↑ FAZ, 2. Oktober 2010, S. 37.
- ↑ Peter Hahn (Hrsg.), Literatur in Frankfurt, Athenäum, Frankfurt am Main, 1987, S. 179 ISBN 3-610-08448-0.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Fetscher, Iring |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politikwissenschaftler |
| GEBURTSDATUM | 4. März 1922 |
| GEBURTSORT | Marbach am Neckar |
| STERBEDATUM | 19. Juli 2014 |
| STERBEORT | Frankfurt am Main |
| Dieser Artikel basiert ursprünglich auf dem Artikel Iring Fetscher aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Wikipedia-Autoren verfügbar. |
- Politikwissenschaftler
- Hochschullehrer (Universität Frankfurt am Main)
- Autor
- SPD-Mitglied
- NSDAP-Mitglied
- Militärperson (Heer der Wehrmacht)
- Person im Zweiten Weltkrieg (Deutsches Reich)
- Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
- Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse
- Träger des Hessischen Verdienstordens
- Träger des Ordre des Palmes Académiques (Ritter)
- Träger der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
- Deutscher
- Geboren 1922
- Gestorben 2014
- Mann