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1891

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Ereignisse

  • 1891: Viele Juden zogen es vor, in nichtreligiösen und nichtnationalistischen Gruppen mitzuarbeiten, z. B. dem linksliberalen „Verein für Sozialpolitik“. Sie hofften, durch Anpassung und Verbergen ihres Judeseins bis hin zur Selbstaufgabe von Nichtjuden akzeptiert zu werden. Sie hatten die rechtliche Gleichstellung nur um den Preis ihres „Nationalbewusstseins" erhalten und bejahten dies in der Hoffnung, dass der Liberalismus den Antisemitismus allmählich überwinden würde. So gründeten liberale und zum Christentum konvertierte Juden (unter Mitwirkung des Staatsrechtlers Rudolf von Gneist) erst 1891 den Verein zur Abwehr des Antisemitismus (existierte bis 1933).
  • 1891: „The Maccabaeans“, 1891 in London gegründeter Club berufstätiger Juden „zur Förderung des geselligen Verkehrs und der Zusammenarbeit seiner Mitglieder mit dem Zweck, für die Interessen der Judenheit zu wirken“; erster Präsident war der Maler Solomon Joseph Solomon (1860-1927)
  • 1891: angebliche Ritualmorde in Xanten (s.u.) und auf Korfu
  • 1891: In Odessa/Ukraine stirbt Leon Pinsker.
  • 1891: Jüdische Kolonisierungsvereinigung - 1891 gegründete Organisation, um jüdische Emigration aus Ländern zu unterstützen, in denen Juden verfolgt wurden oder in denen eine schlechte wirtschaftliche Situation herrschte, Jewish Colonization Association, J.C.A., auch Ica, Auswanderer- und Fürsorgegesellschaft, gegründet 1891 von Baron M. von Hirsch in Form einer Aktiengesellschaft nach englischem Recht; Verwaltungsrat gebildet aus Vertretern der Aktionäre, jüdische Organisationen in Deutschland, England, Belgien und Frankreich; Hauptsitz London, Verwaltung in Paris, 29 Rue de la Bienfaisance; Ica hatte Ackerbaukolonien in Argentinien, USA, Kanada, Brasilien, Russland, Bessarabien, Polen geschaffen; sie verwaltete 1900-1924 die von Baron E. Rothschild gegründeten palästinischen Kolonien
  • 1891: Die türkische Regierung gestattet russischen Juden die Niederlassung nur noch nach vorher erteilter Genehmigung, bietet ihnen aber für "Gegenleistungen" grössere Gebiete im türkischen Asien
  • 1891: Lachisch ausgegraben, altjüdische Stadt westlich von Hebron
  • 1891: Bernhard Zondek in Wronke geboren. Gynäkologe, 1926-1933 a. o. Prof. in Berlin, Leiter des Hadassa-Rothschild-Krankenhauses Jerusalem, wichtige Arbeiten über den Zusammenhang der Absonderung der Hypophyse mit den Eierstöcken, arbeitete zusammen mit Aschheim die Diagnostik der Schwangerschaft aus dem Urin aus
  • 1891: Arthur Korn geboren, jüdischer Architekt, in Berlin tätig
  • 1891: E. A. Dupont in Zeitz geboren, Regisseur (Variété, Atlantic)
  • 1891: C. Z. Klötzel geboren, Reiseschriftsteller
  • 1891: Erik Ernst Schwabach geboren, Schriftsteller (Prosa, Dramen)
  • 1891: Georg Fröschel geboren, Schriftsteller (Unterhaltungsromane)
  • 1891: Moritz Löwi geboren, jüdischer Pädagoge
  • 1891: Carl Landau geboren, Volkswirtschaftler (beschäftigte sich mit der Planwirtschaft)
  • 1891: Fritz Nathan geboren, jüdischer Architekt, tätig in Frankfurt/Main
  • 1891: Edvard Moritz geboren, Komponist
  • 1891: Frederic Jacobi geboren, jüdischer Komponist in Amerika
  • 15.1.1891–27.12.1938: Ossip Mandelstam (Osip Emiljewitsch Mandelschtam), geb. in Warschau als Sohn eines jüdischen Lederhändlers, gest. bei Wladiwostok in der Haft; russisch-jüdischer Lyriker und Literaturtheoretiker; neben Anna Achmatowa und Nikolai Gumiljow der entschiedenste Vertreter des Akmeismus, einer russischen literarischen Strömung gegen das Mystische im Symbolismus (Zeitschrift „Apollon“, 1909-1917); schrieb der Traditon verbundene klangvolle Lyrik; die Zeit nach der Oktoberrevolution ist für Mandelstam eine ruhelose Zeit; rastlos und im „inneren Exil“ lebt er mit seiner Frau Nadeschda abwechselnd in Moskau, Petersburg und Tiflis, stets ohne wirkliche materielle Basis; dennoch sind die 20er Jahre für ihn angefüllt mit Arbeit; Gedichtsammlungen wie „Tristia“ (1922), „Das zweite Buch“ (Вторая книга, 1923), „Gedichte“ (Стихотворения, 1928) zeigen seine dichterische Vielseitigkeit; Essaysammlungen wie „Über Poesie“ (1928) zeigen sein Talent als hervorragender Literaturtheoretiker und -kritiker; sein Prosastück „Rauschen der Zeit“ (Шум времени, 1925) spiegelt sein Gefühl der Fremdheit im sowjetischen System; dennoch dürfen – im Gegensatz zur Achmatowa und anderen Dichtern – in den 20er Jahren seine Bücher noch erscheinen, angeblich auf Fürsprache Nikolai Bucharins, des Vorsitzenden der Komintern und Chefredakteurs der Iswestija; in den Dreissiger Jahren beginnt die Zeit der Säuberungen unter Stalin und der offenen Repressionen gegen den Dichter; einzig seine Übersetzungen französischer, deutscher und englischer Prosa halten ihn materiell und geistig am Leben; dank Bucharins Protektion darf er 1930 nach Armenien reisen, von wo er eine Fülle an Inspirationen und Ideen mitbringt, woraus im Herbst 1933 „Die Reise nach Armenien“ entsteht, das 1934 in der Zeitschrift „Swesda“ erscheint; diese Texte und ein Gedicht mit dem Anfang „Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr … “ vom Herbst 1934, das sich überdeutlich auf Stalin und seinen Terror bezieht, führen im Mai darauf zu Mandelstams erster Verhaftung; im Gedicht heisst es: „Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr, Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört, Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, - Betrifft’s den Gebirgler im Kreml. Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett, Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt, Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben, Der Stiefelschaft glänzt so erhaben. Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um, Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum, Die pfeifen, miaun oder jammern. Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer. Befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag: In den Leib, in die Stirn, in die Augen, - ins Grab, Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten – Und breit schwillt die Brust des Osseten“; einem harten Urteil entgeht Mandelstam nach einem Selbstmordversuch; er wird zunächst nur nach Tscherdyn, später Woronesch verbannt, wo er drei Jahre verbringt; um diese erste Verhaftung ranken sich Legenden, dass Stalin persönlich bei Mandelstams Freund und Kollegen Pasternak angerufen habe, um über Mandelstams Schicksal zu sprechen; in Woronesch arbeitet Mandelstam für Zeitungen und Zeitschriften; seine letzten Gedichte „Die Woronescher Hefte“ entstehen hier; als er am 2. Mai 1938 erneut verhaftet wird, wird er zu fünf Jahren Lager wegen konterrevolutionärer Aktivitäten verurteilt und in ein Arbeitslager in der Nähe von Wladiwostok gebracht; am 27. Dezember 1938 stirbt er in der Krankenbaracke eines Übergangslagers und wird in einem Massengrab beerdigt; seine Frau Nadeschda Mandelstam und Freunde des Dichters bewahrten viele seiner Gedichte (teils durch Auswendiglernen der nicht niedergeschriebenen Texte) und ermöglichten damit ihre Veröffentlichung in den 60er Jahren
  • 21.1.1891: Mischa Elman in Talnoje (Ukraine) geboren, berühmter Violinvirtuose von brillanter Technik
  • 16.5.1891-8.1.1948: Richard Tauber (eigentl. Richard Denemy), geb. in Linz a. D., Oberösterreich, gest. in London, österreichischer Tenor und auch Schauspieler, von der Presse und der Werbung wurde ihm der Name „König des Belcanto“ verliehen; er hiess auch „der Mann mit dem Monokel“ (Monokel und Zylinder, elegant gekleidet, umgeben von schönen Frauen, so kannte man ihn); der berühmte Opernsänger Richard Tauber gehörte zu den grössten Tenoren seiner Zeit, dessen legendärer Ruf sich bis heute erhalten hat; dabei widmete sich Richard Tauber nicht nur der ernsten Musik, sondern setzte seine Stimme auch für Operetten und Schlager ein, was von einschlägigen Kritikern negativ goutiert wurde - zu Unrecht; seine grössten Erfolge waren "Dein ist mein ganzes Herz" (aus der Lehár-Operette „Land des Lächelns“, womit Tauber über Nacht zum Weltstar wurde) und "Gern hab' ich die Frau’n geküsst"; geboren wurde Richard Tauber als unehelicher Sohn einer katholischen Sängerin (Elisabeth Denemy, verwitwete Seifferth) und eines jüdischen (allerdings bereits katholisch konvertierten) Schauspielers (Anton Richard Tauber, er war 14 Jahre jünger als Taubers Mutter, deshalb wurde wohl nichts aus einer Hochzeit) in einem Linzer Hotel (Eintrag im Taufregister „Richard Denemy“, erst 1913 mit der Adoption durch den Vater geändert, Tauber hiess nun „Denemy-Tauber“, nannte sich aber nur Tauber; nach dem Willen des Vaters sollte er katholischer Priester werden); bedingt durch den Beruf der Mutter, wuchs Tauber in Linz bei Pflegeeltern auf und besuchte dort auch die Volksschule; mit zwölf Jahren zog Tauber 1903 zu seinem Vater nach Wiesbaden und besuchte dort für die nächsten fünf Jahre das Gymnasium; Richard Tauber schwärmte für die Musik und wollte Sänger werden; aufgrund der freundschaftlichen Beziehungen seines Vaters zu dem Wiener Bariton Leopold Demuth erhielt er die Gelegenheit, diesem vorzusingen; die Beurteilung des Sängers war niederschmetternd: "Um Gottes Willen, halte Deinen Sohn davon ab, Sänger zu werden. Was er besitzt, ist ein Zwirnsfaden, keine Stimme", schrieb Demuth damals an Taubers Vater; Richard Tauber liess sich davon aber nicht entmutigen; nach einer Musik- (Klavier, Komposition, Dirigieren), Opern- und Operettenausbildung errang er erste Aufmerksamkeit mit Liedern von Schubert und Mozart; danach folgte eine einzigartige Karriere (1913-1918 „königlicher Hofopernsänger“ in Dresden), die ihren Höhepunkt in den 20er und 30er Jahren fand; in den 20er Jahren schaffte er zunächst den Durchbruch in Opern (genialer Mozart-Interpret), später folgten grosse Erfolge mit Operetten, wobei seine Auftritte für seinen Hauskomponisten Franz Lehár, der ihm Stücke auf den Leib schrieb, besonders populär waren; 1926 heiratete Tauber die Hamburger Soubrette Carlotta Vanconti, die er seit zwei Jahren kannte; nach zweijähriger Ehe trennten sich die Eheleute und wurden 1928 geschieden; diese Scheidung sorgte für Schlagzeilen als bekannt wurde, dass Vanconti mit 1 Mio. Mark abgefunden worden war; die Tagespresse nannte Vanconti „äusserlich eine Soubrette und innerlich ein Krokodil“; kaum war der deutsche Tonfilm etabliert, wurde Richard Tauber und vor allem seine Stimme effektvoll in diesem Medium eingesetzt; seine erste filmische Arbeit entstand als Sänger für "Ich küsse Ihre Hand, Madame" (1929), ab 1930 folgten schliesslich auch Rollen, die Richard Tauber als Darsteller zeigten (mit der von ihm gegründeten „Richard-Tauber-Tonfilm-Gesellschaft“ ging er 1931 in Konkurs); zu seinen wenigen Filmen in Deutschland gehören "Ich glaub' nie mehr an eine Frau" (1930), "Die grosse Attraktion" (1930), "Das lockende Ziel" (1930), "Das Land des Lächelns" (1930) und "Melodie der Liebe" (1932); 1933 wurde Richard Tauber in Berlin vor dem Hotel Kempinski von einem SA-Trupp mit den Worten „Judenlümmel, raus aus Deutschland“ angegriffen und niedergeschlagen; eigentlich wollte Tauber sofort emigrieren, blieb dann aber doch, um an seiner Operette „Der singende Traum“ zu arbeiten; das aus diesem Stück stammende Lied „Du bist die Welt für mich“ widmete er seinem Tenorkollegen und Freund Joseph Schmidt; Richard Tauber emigrierte dann später nach England, wo er seine Laufbahn nahtlos fortsetzen konnte und auch in weiteren Filmen wie "Blossom Time/April Romance" (1934), "Heart's Desire" (1935) und "A Clown Must Laugh/Pagliacci - Der Bajazzo" (1936) auftrat; zur Zeit seiner Emigration lebte er mit der Sängerin Mary Losseff zusammen (die Beziehung bestand schon, als er noch mit Carlotta Vanconti verheiratet war und endete tragisch durch die Alkoholkrankheit der Geliebten); nach dem Krieg blieb Richard Tauber in England, wo er mit der englischen Schauspielerin und Sängerin Diana Napier lebte (er hatte sie 1936 geheiratet, die Ehe war aber auch nicht von Dauer, später lebte er mit Esther Moncrieff zusammen); 1940 wurde er britischer Staatsbürger; zu seinen letzten filmischen Arbeiten gehören "Waltz Time" (1945) und "Lisbon Story" (1946); Richard Tauber war ein Liebling der Frauen, dem seine Schlager, Opern und Operetten Ruhm und Reichtum einbrachten; er genoss sein Leben und gab sein Vermögen mit leichter Hand wieder aus; als er nach seinem Auftritt in der Oper "Don Giovanni" im Alter von 56 Jahren an Lungenkrebs starb (er ist beerdigt auf dem Brompton Cemetery in London), hinterliess er trotz horrender Einnahmen einen grossen Schuldenberg (750 000 Mark Steuerschulden); während der Trauerfeier in der Royal Albert Hall wurde für seine Beerdigung unter den 7 000 Anwesenden gesammelt; Tauber soll zu allem und jedem „Schnappula“ gesagt haben, wenn er Spass hatte; er las angeblich nur Bücher von Karl May, ass am liebsten Gulasch und war ein leidenschaftlicher Hobbyfilmer; weitere Filme mit Richard Tauber: Land Without Music/Forbidden Music (1936), The Big Broadcast of 1936 (1936)
  • 1891/1892: Xantener Ritualmordvorwurf
  • 1891–1954: Meir Aschkenazi (Shanghai)

Bücher

  • A. Berliner, Censur und Confiscation hebräischer Bücher im Kirchenstaate, Frankfurt / M. 1891
  • Alsberg, Rassenmischung im Judentum, Hamburg 1891
  • A. Epstein, Eldad ha-Dani, seine Berichte über die 10 Stämme und deren Ritus, mit Einleitungen und Anmerkungen, Pressburg/Wien 1891
  • A. Epstein, Moses had-Darschan aus Narbonne, Fragmente seiner literarischen Erzeugnisse ... mit Einleitung und Anmerkungen, Wien 1891
  • M. Lambert, Commentaire sur le Séfer Yesira ou le livre de la Création par le Gaon Saadya de Fayyoum, Paris 1891
  • Blankenhorn, Grundzüge der Geologie und physikalischen Geographie von Nordsyrien, Berlin 1891
  • Hart, Fauna und Flora of Sinai, 1891

Zeitungen und Zeitschriften

  • 1891: Centralanzeiger für jüdische Literatur, in Frankfurt a. M. in deutscher Sprache von N. Brüll herausgegeben (vgl. 1874 und 1890)

1891 in Wikipedia


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