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1885
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Ereignisse
- 1885: Bildung der vom deutsch-israelitischen Gemeindebund ins Leben gerufenen historischen Kommission zur Herausgabe von Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland, bei der Heinrich Graetz (wohl als Spätfolge des Berliner Antisemitismusstreits) übergangen wird
- 1885: Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums e. V., gegründet 1885 von Samson Raphael Hirsch zur Vertretung und Förderung des (vom Sinai überlieferten) orthodoxen Judentums; die "Mitteilungen der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" erschienen 1887-1889 halbmonatlich in deutscher Sprache in Frankfurt a. M.
- 1885: Österreichisch-Israelitische Union, eine politische Vereinigung zum Schutz der staatsbürgerlichen Rechte der Juden, ähnlich C.V. in Deutschland, auf Initiative von Joseph Samuel Bloch gegründet, spätere Umbenennungen in "Union deutsch-österreichischer Juden", dann "Union österreichischer Juden"; gab die Wochenschrift "Die Wahrheit" heraus (Wien IX, Bergstrasse 4)
- 1885 (?): Gründung des Wiener zionistischen Frauen- und Mädchenvereins "Mirjam" ("Verein jüdischer junger Damen"); existierte nur kurz
- 1885: Im Jahr 1885 lernt Theodor Herzl Arthur Schnitzler kennen.
- 1885: Frankreich: Der extrem antisemitische französische Schriftsteller und Journalist Édouard-Adolphe Drumont (1844-1917), der sich vom Voltaire-Anhänger zu einem gläubigen Katholiken bekehrt hatte, verfasste 1880 sein noch von Theodor Herzl in gewisser Weise bewundertes (!) zweibändiges Buch „La France Juive“ („Das verjudete Frankreich“), das schnell zu einem Bestseller wurde und in kurzer Zeit mehr als 100 Auflagen erlebte. Es gilt als Grundlagenwerk des modernen Antisemitismus in Frankreich und wirkte auch auf deutsche Antisemiten zurück. Gestützt auf die judenfeindlichen Schriften der französischen Frühsozialisten Fourir und Toussenel, auf frühe Schriften von Ernest Renan, auf Gobineaus Rassentheorie, auf die Lehren des neuen deutschen Antisemitismus, auf aufklärerische und klerikale Quellen aller Art, hatte er eine umfassende Darstellung des „unheilvollen Einflusses“ der Juden in der Geschichte und Gegenwart Frankreichs gegeben und die Rücknahme ihrer Emanzipation und die Beschlagnahmung ihres Vermögens zur Beschaffung von Produktionsmitteln für die ausgebeuteten Arbeiter gefordert. Die französischen Juden seine keine Franzosen, sondern bildeten einen Staat im Staate, eine eigene Nation innerhalb der französischen Nation, die sie durch ihren minderwertigen Rassecharakter und ihre Dekadenz nur depravieren. Ihre Aufsaugung durch Assimilation und Mischehen ist daher unerwünscht, sie sind und bleiben immer ein den Franzosen wesensfremdes und verderbliches Element. Eine Reihe weiterer marktgängiger antisemitischer Schriften Drumonts und, seit 1892, eine von ihm herausgegebene, zwischen rechtem Katholizismus und radikalem Sozialismus schwankende, dabei immer militant antisemitische Zeitung, „La Libre Parole“, sorgten für die Verbreitung seiner Ansichten und Forderungen in immer weiteren Kreisen, auch die wachsende Vulgarisierung seiner Beschuldigungen gegen Juden und jeden der Sympathie für sie Verdächtigen.
- 1885: Mit der „Pittsburgh Platform“ wird die programmatische Grundlage des amerikanischen Reformjudentums geschaffen (was die Abspaltung der „Conservatives“ nach sich zog). Die Plattform hielt fest: 1) Berechtigung anderer, speziell monotheistischer Religionen neben dem Judentum (im Judentum aber die reinste und höchste Form der Gottesidee verwirklicht); 2) die Bibel ist historisch bedingtes, aber moderner Wissenschaft nicht grundsätzlich widersprechendes Dokument; 3) und 4) das tradierte Gesetz (Tora) ist historisch bedingtes Mittel zur Bewahrung der Wahrheit, wovon für die Gegenwart nur mehr die ethischen Gebote Gültigkeit haben, was aber eine ästhetisch-zeremonielle Anwendung und Auslegung nicht ausschliesst; 5) Ersatz der traditionellen messianischen Hoffnung durch die Erwartung einer Herrschaft von Wahrheit, Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Menschen; 6) Anerkennung von Christentum und Islam in ihrer Funktion als Ausbreiter der Idee des Monotheismus, der aber mit dem modernen Humanismus verbunden sein muss; 7) Glaube an eine unsterbliche Seele; es gibt keine leibliche Auferstehung und keine Höllenstrafen; 8) Notwendigkeit der Lösung sozialer Probleme; - 1937 wurde die Pittsburgh Platform unter dem Eindruck der Ereignisse in Deutschland und der Entwicklung in Palästina in der „Columbus-Platform“ traditionsfreundlicher und prozionistisch revidiert
- 1885: Sidney Salomon Abrahams, geb. 1885 Birmingham, britischer Olympionike, später Generalstaatsanwalt und Oberrichter in Uganda
- 1885: Leonard Olschki geboren, Literarhistoriker (italienische Literatur)
- 1885: Kurt Sternberg geboren, keiner Schule zuzuzählender Philosoph
- 1885: Ernst Kamnitzer geboren, Schriftsteller (Dramen)
- 1885: Humbert Wolfe geboren, englisch-jüdischer Satiriker
- 1885: Sara(h) Reisen geboren in Koidanowo, Weissrussland, jiddische Übersetzerin, Schriftstellerin, Dichterin, Tochter von Kalman Reisen, Schwester von Abraham und Salman Reisen; mit 14 Jahren kam sie nach Minsk, erhielt dort Privatunterricht und schlug sich anschliessend als Mitarbeiterin der Minsker russischen Zeitung sowie als Verfasserin jiddischer Journale, Skizzen, Erzählungen und Lieder durchs Leben; von 1908 bis 1914 lebte sie in Warschau, danach wieder in Minsk, wo sie als Lehrerin tätig war, zugleich aber auch Dramen schrieb, die auch aufgeführt wurden; nach dem Tod ihres Vaters (1921) kam sie nach Wilna und war dort als Mitarbeiterin jiddischer Zeitschriften sowie als Übersetzerin für den Kletzkin-Verlag tätig; sie übersetzte u. a. Gogol, Turgenjew, Puschkin, Tolstoi, Tagore, Oscar Wilde, Jack London und Defoes "Robinson Crusoe" ins Jiddische; darüber hinaus verfasste sie viele Kindererzählungen und Lieder (eine Auswahl unter dem Titel "Traum und Wahrheit" veröffentlicht); weitere Werke: "Cholem un Wohr", Warschau 1912; "Lieder", Wilna 1924; Sara Reisen starb 1974 in New York, wohin sie 1933 emigriert war
- 1885: Walter Jellinek geboren, Jurist (Staats- und Verwaltungsrecht)
- 1885: Manuel Saitzew geboren, jüdischer Volkswirtschaftler in der Schweiz (Universität Zürich)
- 1885: Arje Feigenbaum in Lemberg geboren, Augenarzt in Jerusalem, begründete 1920 die erste hebräische medizinische Zeitschrift in Palästina „ha-refua“ und schrieb das erste moderne hebräische Lehrbuch „Das Auge“
- 27.1.1885–11.11.1945: Jerome Kern (Jerome David Kern), geb. in New York, gest. in New York, US-amerikanischer Komponist; er erblickte im Sutton Place District von New York City das Licht der Welt; seine Eltern waren Juden, die von Deutschland nach Amerika ausgewandert waren; die Musikalität hatte der Junge von seiner Mutter Fanny geerbt, die Klavierlehrerin war; Jeromes Vater Henry war erst Angestellter, machte sich aber später selbstständig, als die Familie nach Newark im Staat New Jersey umgezogen war; er handelte mit Möbeln und Klavieren; Henry Kern hätte es gerne gesehen, wenn sein Sohn Jerry bei ihm ins Geschäft eingestiegen wäre; aber daraus wurde nichts; der Junge wollte unbedingt einen Beruf ergreifen, der mit Musik zu tun hat; nach dem Abitur studierte er am New York College of Music; seine Lehrer waren u. a. Alexander Lambert, Austin Pierce und Paolo Gallico; später setzte er sein Studium in Heidelberg fort; 1904 kehrte er in seine Heimat zurück; von 1905 an hielt er sich immer wieder längere Zeiträume in London auf; dort lernte er auch Eva Leale kennen, die er 1910 heiratete; obwohl Kern sein Studium mit dem akademischen Grad „Master of Music“ abgeschlossen hatte, begann er seine musikalische Laufbahn mit untergeordneten Arbeiten, bis ihn schliesslich eines der vielen Broadway-Theater als Probenpianist engagierte; es war eine Zeit, in der zahlreiche Operetten aus Europa am Broadway den Beifall des Publikums fanden; immer wieder musste er dieselben Melodien spielen, bis sie die Sänger auswendig konnten; einmal leistete er sich dabei einen Scherz, indem er in ein europäisches Operettenlied eine eigene Melodie einschmuggelte; dadurch wurden ein Regisseur und ein Theaterproduzent auf das junge Talent aufmerksam; die neue frische Melodie gefiel ihnen besser als die bekannte; fortan wurden neue Lieder von Jerome Kern in die europäischen Operetten eingebaut; nach der 1911 entstandenen Extravaganza „La Belle Paree“, für die er zusammen mit Frank Tours die Musik geschrieben hatte, folgte ein Jahr später seine erste von ihm allein komponierte Operette „The Red Petticoat“; der Erfolg war gering; bereits nach zwei Monaten wurde das Stück abgesetzt; 1914 erhielt er den Auftrag, die englische Operette „The Girl From Utah“ für amerikanische Bedürfnisse umzubauen und mit eigenen Liedern zu erweitern; nun stellte sich der erste richtige Erfolg für ihn ein; die Noten seines Liedes „They Didn’t Believe Me“, des grossen Schlager dieses Stückes, wurden in millionenfacher Auflage verkauft; in dem folgenden Vierteljahrhundert komponierte Kern die Musik zu 33 Bühnenwerken; die erfolgreichsten waren „Sally“ (1920) und „Sunny“ (1925); dabei traten immer mehr Elemente der europäisch klingenden Operette zugunsten von Elementen, die später für die Gattung „Musical Comedy“ typisch wurden, in den Hintergrund; das Jahr 1927 bescherte Jerome Kern den Höhepunkt seines Ruhms: In Zusammenarbeit mit dem Librettisten Oscar Hammerstein II entstand der Welterfolg „Show Boat“; die Premiere fand am 27. Dezember 1927 am Ziegfeld Theatre in New York statt und wurde zu einem triumphalen Erfolg; erstmals wurden in einem rein amerikanischen Bühnenwerk nicht mehr blosse Musiknummern aneinandergereiht, sondern mehrfach ganze Szenen musikalisch dramatisch aufgebaut; im Laufe der nächsten Jahrzehnte betätigte sich Jerome Kern auch oft als Filmkomponist, indem er u. a. viele seiner Musicals für das in Hollywood boomende Genre „Musikfilm“ bearbeitete; zweimal bekam er den Oscar in der Kategorie „Bester Song“: 1936 für „The Way You Look Tonight“ aus „Swing Time“ und 1941 für „The Last Time I Saw Paris“ aus „Lady Be Good“; am 5. November 1945 flanierte Jerome Kern auf der Park Avenue in New York; dabei erlitt er einen Herzanfall und stürzte bewusstlos auf die Strasse; knapp eine Woche später starb er; -- weitere Hits: All the things you are; The folks who lives on the hill; Ol' Man River; Smoke Gets in Your Eyes; Look for the Silver Lining; I’m Old Fashioned
- 1.2.1885: Nathan Birnbaum schreibt zum Thema Antisemitismus (Selbst-Emancipation! I, 1, Wien): "Der instinctive Ekel vor der moralischen Unselbständigkeit eines Stammes, der von dem merkwürdigen Wahne befallen ist, sich selbst vernichten zu wollen [gemeint ist die Assimilation, das Aufgehen in den Völkern], ist der Keim des modernen Antisemitismus
- 5.2.1885–25.1.1919: Hugo Krayn, geb. u. gest. in Berlin, Maler und Grafiker, Schüler von Emil Orlik; seine Bilder behandeln vielfach soziale Themen (Fresko im Hirsch-Kupferwerk; "Metropolis" bzw. "Grossstadt", Berlin 1914)
- 4.3.1885–3.3.1889: Grover Cleveland 22. US-Präsident
- 16.3.1885–4.2.1964: Dr. Alfred Wiener, geb. in Potsdam, gest. in London, war deutscher Jude, der einen Grossteil seines Lebens der Dokumentation des Antisemitismus und Rassismus in Deutschland und Europa sowie der Aufklärung der Verbrechen des Naziregimes gewidmet hat; so war er u. a. Gründer der Wiener Library (Holocaust-Forschungseinrichtung, Herausgeber des Wiener Library Bulletin, ältestes Dokumentationszentrum über NS-Herrschaft und Judenverfolgung) und deren langjähriger Direktor; Wiener studierte Arabistik und verbrachte die Jahre 1909–1911 im Nahen Osten; während des Ersten Weltkriegs war er Soldat und bekam das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen; ab 1919 war er hochrangiger Vertreter des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.) und identifizierte die NSDAP schon 1925 als Hauptbedrohung für die Juden in Deutschland; 1928 war er federführend an der Errichtung des "Büro Wilhelmstrasse" des C. V. beteiligt, das die Aktivitäten der Nazis dokumentierte und bis 1933 Anti-Nazi-Material veröffentlichte; nach der Machtergreifung Hitlers 1933 flohen Wiener und seine Familie nach Amsterdam, wo er gemeinsam mit Dr. David Cohen das Jewish Central Information Office (JCIO) gründete; 1939 flüchtete Wiener mit seiner Sammlung nach London; den Grossteil der Kriegsjahre verbrachte Wiener in den USA, wo er Material für das JCIO sammelte, aber auch für die britische und amerikanische Regierung arbeitete; er kehrte 1945 nach London zurück, wo er das JCIO in eine Bibliothek und ein Forschungszentrum umwandelte; Wieners erste Ehefrau, Margarethe, starb 1945, kurz nach der Befreiung von Bergen-Belsen, auf dem Weg in die Schweiz; 1953 heiratete er seine zweite Ehefrau, Lotte Philips; Mitte der 50er Jahre reduzierte Wiener seine Arbeit an der Wiener Library und reiste regelmässig nach Deutschland, um Vorträge für Jugendliche zu halten und Kontakte zu Kirchenorganisationen herzustellen; 1955 wurde ihm das Grosse Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen; -- bereits 1925 hatte Alfred Wiener geschrieben: "Wir ... wissen, wie wir dem Feind begegnen. Für jeden ihrer Redner müssen wir zwei haben, für jedes ihrer Flugblätter brauchen wir zehn ... Wir müssen den deutschen Bürgern die Gefahr erklären ... Kämpft gegen die völkische Bewegung, nicht um der Juden willen, sondern um des Vaterlandes willen, das unter einem Wulle oder Hitler in ein Meer von Blut und Tränen versinken wird"
- 31.3.1885–5.6.1930: Jules Pascin (eigentlich Pincas), geb. in Vidin (Bulgarien), gest. in Paris, Maler und Zeichner, zart-dekadente Gemälde und Aquarelle, auch Pornografisches; er illustrierte Heines "Memoiren des Herrn von Schnabelewopski" (1910)
- 13.4.1885–4.6.1971: Georg Lukács (geboren als Löwinger György Bernát; György (von) Lukács; Aussprache: lukatsch; mit vollständigem Namen György Szegedy von Lukács (Löwinger)), geb. u. gest. in Budapest, ungarisch-jüdischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und -kritiker (entwickelte die Grundlagen einer marxistischen Ästhetik), aus wohlhabender Familie des jüdischen Bürgertums (sein Vater war Bankdirektor in Budapest); er gilt, zusammen mit Ernst Bloch, Antonio Gramsci und Karl Korsch, als bedeutender Erneuerer einer marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jhdts.; Studium in Heidelberg, Paris und Berlin; 1906 Dr. phil.; Schüler von Max Weber; 1918 Mitglied des Reichstags; 1919 während der ungarischen Räterepublik Volkskommissar (Minister) für Unterrichtswesen in der Regierung Béla Kun, dann emigriert (Wien-Berlin-Moskau, wo er knapp den stalinistischen Säuberungen entging; 1929-1945 lebte er in Moskau und erarbeitete eine marxistische Ästhetik; 1941 wurde er vom NKWD vorübergehend in das Lubjanka-Gefängnis gesperrt; zuvor war er selbst, 1936, an einer politischen Säuberung der deutschen Parteigruppe des Sowjetschriftstellerverbandes beteiligt); nach der Befreiung vom Faschismus Rückkehr nach Ungarn, 1945 Professor in Budapest (bis 1958), 1946 Mitglied des ungarischen Parlaments, einer der intellektuellen Führer des Petöfi-Klubs und damit des Budapester Aufstandes von 1956, im selben Jahr Kultusminister unter Imre Nagy, mit dem er nach der Niederschlagung des Aufstandes verhaftet wurde, seither war er verfemt, seines Lehramtes enthoben, aus der Akademie ausgeschlossen, seine Werke bis auf wenige Ausnahmen nur noch in westeuropäischen Ländern gedruckt, wo sie aber international erheblichen Einfluss auf die "Neue Linke" gewannen; zunächst ging er von Hegel, Marx und Lenin aus, wandte sich aber während seiner Emigration in der Sowjetunion (1933-1944) einem orthodoxen Marxismus zu; 1970 erhielt er den Frankfurter Goethe-Preis; Werke (Auswahl): "Die Theorie des Romans", 1916 (eine lebensphilosophische Analyse, in der er die Geschichtlichkeit als eine zentrale Kategorie des gesellschaftlichen Seins herausstellt und die "transzendentale Obdachlosigkeit" der bürgerlichen Welt thematisiert); "Geschichte und Klassenbewusstsein", 1923 (das Buch wurde zwar von der Partei abgelehnt, trug aber zur Linksorientierung der europäischen Intellektuellen in den 20er-Jahren und zur Entwicklung des Neomarxismus entscheidend bei; Lukács selbst hat sich später teilweise von diesem Buch distanziert); "Lenin", 1924; "Studien über den Realismus", 5 Bände, 1946-1949; "Goethe und seine Zeit", 1947; "Der junge Hegel – Über die Beziehungen von Dialektik und Ökonomie", 1948; "Deutsche Literatur im Zeitalter des Imperialismus", 1950; "Existentialismus oder Marxismus", 1951; "Balzac und der französische Realismus", 1952; "Der russische Realismus in der Weltliteratur", 1953; "Beiträge zur Geschichte der Ästhetik"; 1954; "Die Zerstörung der Vernunft", 1954 (Kritik der deutschen bürgerlichen Philosophie seit Hegel als geistige Voraussetzung von Irrationalismus, Faschismus und Imperialismus); "Schriften zur Literatursoziologie", 1960; "Probleme des Realismus", 1964 f.; "Solschenizyn", 1970; - Thomas Mann, der von Lukács nachhaltig beeindruckt war, hatte für die Figur des "Naphta" in seinem Roman "Der Zauberberg" Georg Lukács zum Vorbild genommen; auch sonst ist Lukács manches Mal Gegenstand literarischer Reflexion
- 14.4.1885–20.11.1989: Rahel Wischnitzer / Rachel Wischnitzer (geborene Bernstein), Rachel B. Wischnitzer, Rachel Bernstein Wischnitzer, zuvor: Rahel Wischnitzer-Bernstein, sie wurde 1885 in Minsk/Weissrussland geboren, Kunsthistorikerin, Frau von Mark Wischnitzer, Studium in München, Heidelberg und Berlin, 1907 als eine der ersten Frauen Abschluss als Dipl.-Architekt der E. S. A. Paris, 1912-1913 Mitarbeiterin an der Jewrejskaja Enziklopedija, 1922-1924 Herausgeberin der hebräischen Kunstzeitschrift Rimmon (Berlin) sowie (mit Mark Wischnitzer) der jiddischen Kunst-Zeitschrift "Milgroim", 1928-1934 Redakteurin und Mitarbeiterin an der Encyclopaedia Judaica, 1931 Mitarbeit bei der "Arbeitsgemeinschaft für Sammlungen Jüdischer Kunst und Altertümer"; 1934-1938 Leiterin des Jüdischen Museums in Berlin und Dozentin an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, 1938 Auswanderung nach Frankreich, seit 1940 in New York, Masters-Abschluss der NYU 1944, seit 1956 Prof. für Kunstgeschichte am Stern College der Yeshiva University New York (deren Ehrendoktor seit 1968, in diesem Jahr auch ihre Emeritierung); sie war fellow der American Academy for Jewish Research und starb im November 1989 im Alter von 104 Jahren in Manhattan; Hauptwerke: Symbole und Gestalten der Jüdischen Kunst, Berlin 1935; The Messianic Theme in the Paintings of the Dura Synagogue, Chicago 1948; Synagogue Architecture in the United States, Philadelphia 1955; The Architecture of the European Synagogue, Philadelphia 1964
- 26.4.1885-5.7.1940: Carl Einstein, deutsch-jüdischer Kunstkritiker (setzte sich als einer der ersten Wissenschaftler mit der "Kunst der Primitiven" und mit dem Kubismus auseinander, vor allem mit Georges Braque) und Schriftsteller, geb. in Neuwied (Rheinland-Pfalz), Selbsttötung bei Pau als Flüchtling in Südfrankreich nahe der spanischen Grenze beim Einmarsch deutscher Truppen; aufgewachsen in Karlsruhe, wo der Vater Direktor am Israelitischen Landesstift war, später Mitarbeiter der „Aktion“; expressionistischer Erzähler und Dramatiker; in der Zerstückelung seiner Texte antizipierte er surrealistische Elemente; nachdem er 1928 nach Paris gegangen war, beschäftigte er sich zunehmend auch mit dem Surrealismus, insbesondere mit der Gruppe um Georges Bataille und Michel Leiris; daneben war er innerhalb der politischen Linken aktiv; zum Ende des ersten Weltkriegs beteiligte er sich an der Räterevolution und wurde in den Vorsitz des belgischen Soldatenrates gewählt (1918); nach der Niederschlagung kehrte er nach Deutschland zurück und gab gemeinsam mit George Grosz das politische Satiremagazin "Der blutige Ernst" heraus, von welchem allerdings jede Ausgabe der Zensur zum Opfer fiel, weshalb es nach nur 6 Ausgaben mangels Geld wieder eingestellt wurde; die Weltwirtschaftskrise und die nationalsozialistische Machtergreifung trieben den freien Schriftsteller und Kunsthändler in den Ruin; er ging ins Exil, zunächst nach Paris; 1936 nahm er in der Colonna Durruti aktiv am spanischen Bürgerkrieg teil; 1939 floh Einstein wieder nach Paris und wurde als deutscher Staatsangehöriger bis zur Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahr 1940 interniert; obwohl Einstein mit seiner "Kunst des 20. Jahrhunderts", die 1931 in der dritten Auflage erschienen war, zunächst grossen Erfolg hatte, geriet er in Deutschland in Vergessenheit; - Werke: "Neue Blätter", 1912; "Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders", Roman, 1912 (begründete die akausale, "absolute Prosa", zu seiner Zeit eine philosophisch-literarische Sensation); "Wilhelm Lehmbrucks graphisches Werk", 1913; „Negerplastik“, Leipzig: Verlag der weissen Bücher, 1915; "Der Unentwegte Platoniker", 1918; "Afrikanische Plastik", 1921; "Die schlimme Botschaft", 1921; "Der frühere japanische Holzschnitt", 1922; "Afrikanische Märchen und Legenden, hrsg. von Carl Einstein", 1925; „Die Kunst des 20. Jahrhunderts“, 1926; "Entwurf einer Landschaft", 1930; "Giorgio di Chirico", 1930; "Georges Braque", 1934; Gesammelte Werke, 1962; der posthum herausgegebene Entwurf "Die Fabrikation der Fiktionen" (1970) ist der Versuch einer Theorie über künstlerisches Schaffen auf der Grundlage des dialektischen Materialismus; Werke in drei Bänden, 1980-1985; Werke. Berliner Ausgabe, 6 Bände, 1992-1996
- 14.5.1885-6.7.1973: Otto Klemperer, geb. in Breslau, gest. in Zürich, bedeutender Dirigent und Komponist, 1927-1933 an der Staatsoper Berlin, Vorkämpfer für moderne Musik; ab 1933 Berufsverbot (als "Kulturbolschewist" diffamiert); im selben Jahr emigrierte er in die USA und kehrte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Europa zurück, wo es ihm gelang, an seine ehemaligen denkwürdigen Erfolge anzuknüpfen
- 8.7.1885-4.8.1977: Ernst Bloch (Ernst Simon Bloch), neo-marxistischer Philosoph, geb. Ludwigshafen am Rhein, gest. Tübingen, 1917-1919 in der Schweiz; in "Vom Geist der Utopie" (1918) erklärt er, Christentum und Marxismus verhiessen dem Menschen Befreiung aus dem Elend, besonders "Thomas Münzer als Theologe der Revolution" (1922); in den 20er-Jahren trat er der KPD bei; 1933 ausgebürgert, emigrierte er in die CSR, 1938 in die USA (blieb dort bis 1949); 1949-1957 Professor in Leipzig; gibt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ (3 Bände, entstanden im amerikanischen Exil 1938-1947; publiziert 1954-1959) eine im Anschluss an Marx und in Auseinandersetzung vor allem mit Hegel entwickelte Philosophie des Kommenden. Die Hoffnung an der Grenze zwischen säkularisiertem Judentum und utopischem Sozialismus auf eine künftige diesseitige Aufhebung aller Widersprüche findet Ausdruck in der "konkreten Utopie". Wegen seiner kritischen Haltung zur SED-Politik wurde er 1957 zwangsemeritiert, seine Schüler waren Verfolgungen ausgesetzt. Von einem Aufenthalt in der Bundesrepublik kehrte Bloch 1961 nicht in die DDR zurück und lehrte seither in Tübingen. Nationalpreis der DDR 1955. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1967. Weitere Werke u. a.: Durch die Wüste (1923); Spuren (1930); Erbschaft dieser Zeit (1935); Subjekt-Objekt (über Hegel; 1951); Gesamtausgabe, 17 Bde., 1959-1978; Naturrecht und menschliche Würde (1961); Verfremdungen (2 Bände; 1962/1964); Über Karl Marx (1968); Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs (1968); - die zionistische Utopie Herzls hat Bloch, wie andere Marxisten auch, als kleinbürgerlich-nationalistische Regression abgetan – als Jude fühlte er sich in der Nachfolge der Propheten zum universalistischen Engagement für den Sozialismus verpflichtet; seit 1934 (bis zu seinem Tod) war Ernst Bloch mit Karola Bloch (geb. Karola Piotrowska) verheiratet
- 4. November 1885 -29. November 1973: Felix Braun, österreichischer Schriftsteller
- 1885 ff.: so genannte Polenausweisungen
Bücher
- S. Buber, Midrasch Tanchuma, 2 Bde., Wilna 1885 (Nachdruck Jerusalem 1964)
- S. Buber, Liqqutim mi-Midrasch Elle ha-Debarim Zutta, Wien 1885
- H. Hirschfeld, Das Buch al-Chazari aus dem Arabischen ... übersetzt, Breslau 1885
- A. Tawrogi, Der thalmudische Tractat Derech Erez Sutta, Königsberg 1885
- Theodor Herzl, Muttersöhnchen, 1885
- B. Niese (Hrsg.), Flavii Josephi Opera, 7 Bände, Berlin 1885-1895 (Nachdruck 1955)
Zeitungen und Zeitschriften
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