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1885
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Ereignisse
- 1885: Bildung der vom deutsch-israelitischen Gemeindebund ins Leben gerufenen historischen Kommission zur Herausgabe von Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland, bei der Heinrich Graetz (wohl als Spätfolge des Berliner Antisemitismusstreits) übergangen wird
- 1885: Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums e. V., gegründet 1885 von Samson Raphael Hirsch zur Vertretung und Förderung des (vom Sinai überlieferten) orthodoxen Judentums; die "Mitteilungen der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" erschienen 1887-1889 halbmonatlich in deutscher Sprache in Frankfurt a. M.
- 1885: Österreichisch-Israelitische Union, eine politische Vereinigung zum Schutz der staatsbürgerlichen Rechte der Juden, ähnlich C.V. in Deutschland, auf Initiative von Joseph Samuel Bloch gegründet, spätere Umbenennungen in "Union deutsch-österreichischer Juden", dann "Union österreichischer Juden"; gab die Wochenschrift "Die Wahrheit" heraus (Wien IX, Bergstrasse 4)
- 1885 (?): Gründung des Wiener zionistischen Frauen- und Mädchenvereins "Mirjam" ("Verein jüdischer junger Damen"); existierte nur kurz
- 1885: Frankreich: Der extrem antisemitische französische Schriftsteller und Journalist Édouard-Adolphe Drumont (1844-1917), der sich vom Voltaire-Anhänger zu einem gläubigen Katholiken bekehrt hatte, verfasste 1880 sein noch von Theodor Herzl in gewisser Weise bewundertes (!) zweibändiges Buch „La France Juive“ („Das verjudete Frankreich“), das schnell zu einem Bestseller wurde und in kurzer Zeit mehr als 100 Auflagen erlebte. Es gilt als Grundlagenwerk des modernen Antisemitismus in Frankreich und wirkte auch auf deutsche Antisemiten zurück. Gestützt auf die judenfeindlichen Schriften der französischen Frühsozialisten Fourir und Toussenel, auf frühe Schriften von Ernest Renan, auf Gobineaus Rassentheorie, auf die Lehren des neuen deutschen Antisemitismus, auf aufklärerische und klerikale Quellen aller Art, hatte er eine umfassende Darstellung des „unheilvollen Einflusses“ der Juden in der Geschichte und Gegenwart Frankreichs gegeben und die Rücknahme ihrer Emanzipation und die Beschlagnahmung ihres Vermögens zur Beschaffung von Produktionsmitteln für die ausgebeuteten Arbeiter gefordert. Die französischen Juden seine keine Franzosen, sondern bildeten einen Staat im Staate, eine eigene Nation innerhalb der französischen Nation, die sie durch ihren minderwertigen Rassecharakter und ihre Dekadenz nur depravieren. Ihre Aufsaugung durch Assimilation und Mischehen ist daher unerwünscht, sie sind und bleiben immer ein den Franzosen wesensfremdes und verderbliches Element. Eine Reihe weiterer marktgängiger antisemitischer Schriften Drumonts und, seit 1892, eine von ihm herausgegebene, zwischen rechtem Katholizismus und radikalem Sozialismus schwankende, dabei immer militant antisemitische Zeitung, „La Libre Parole“, sorgten für die Verbreitung seiner Ansichten und Forderungen in immer weiteren Kreisen, auch die wachsende Vulgarisierung seiner Beschuldigungen gegen Juden und jeden der Sympathie für sie Verdächtigen.
- 1885: Mit der „Pittsburgh Platform“ wird die programmatische Grundlage des amerikanischen Reformjudentums geschaffen (was die Abspaltung der „Conservatives“ nach sich zog). Die Plattform hielt fest: 1) Berechtigung anderer, speziell monotheistischer Religionen neben dem Judentum (im Judentum aber die reinste und höchste Form der Gottesidee verwirklicht); 2) die Bibel ist historisch bedingtes, aber moderner Wissenschaft nicht grundsätzlich widersprechendes Dokument; 3) und 4) das tradierte Gesetz (Tora) ist historisch bedingtes Mittel zur Bewahrung der Wahrheit, wovon für die Gegenwart nur mehr die ethischen Gebote Gültigkeit haben, was aber eine ästhetisch-zeremonielle Anwendung und Auslegung nicht ausschliesst; 5) Ersatz der traditionellen messianischen Hoffnung durch die Erwartung einer Herrschaft von Wahrheit, Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Menschen; 6) Anerkennung von Christentum und Islam in ihrer Funktion als Ausbreiter der Idee des Monotheismus, der aber mit dem modernen Humanismus verbunden sein muss; 7) Glaube an eine unsterbliche Seele; es gibt keine leibliche Auferstehung und keine Höllenstrafen; 8) Notwendigkeit der Lösung sozialer Probleme; - 1937 wurde die Pittsburgh Platform unter dem Eindruck der Ereignisse in Deutschland und der Entwicklung in Palästina in der „Columbus-Platform“ traditionsfreundlicher und prozionistisch revidiert
- 1885: Sidney Salomon Abrahams, geb. 1885 Birmingham, britischer Olympionike, später Generalstaatsanwalt und Oberrichter in Uganda
- 1885: Leonard Olschki geboren, Literarhistoriker (italienische Literatur)
- 1885: Ernst Kamnitzer geboren, Schriftsteller (Dramen)
- 1885: Sara(h) Reisen geboren in Koidanowo, Weissrussland, jiddische Übersetzerin, Schriftstellerin, Dichterin, Tochter von Kalman Reisen, Schwester von Abraham und Salman Reisen; mit 14 Jahren kam sie nach Minsk, erhielt dort Privatunterricht und schlug sich anschliessend als Mitarbeiterin der Minsker russischen Zeitung sowie als Verfasserin jiddischer Journale, Skizzen, Erzählungen und Lieder durchs Leben; von 1908 bis 1914 lebte sie in Warschau, danach wieder in Minsk, wo sie als Lehrerin tätig war, zugleich aber auch Dramen schrieb, die auch aufgeführt wurden; nach dem Tod ihres Vaters (1921) kam sie nach Wilna und war dort als Mitarbeiterin jiddischer Zeitschriften sowie als Übersetzerin für den Kletzkin-Verlag tätig; sie übersetzte u. a. Gogol, Turgenjew, Puschkin, Tolstoi, Tagore, Oscar Wilde, Jack London und Defoes "Robinson Crusoe" ins Jiddische; darüber hinaus verfasste sie viele Kindererzählungen und Lieder (eine Auswahl unter dem Titel "Traum und Wahrheit" veröffentlicht); weitere Werke: "Cholem un Wohr", Warschau 1912; "Lieder", Wilna 1924; Sara Reisen starb 1974 in New York, wohin sie 1933 emigriert war
- 1885: Walter Jellinek geboren, Jurist (Staats- und Verwaltungsrecht)
- 1885: Manuel Saitzew geboren, jüdischer Volkswirtschaftler in der Schweiz (Universität Zürich)
- 1885: Arje Feigenbaum in Lemberg geboren, Augenarzt in Jerusalem, begründete 1920 die erste hebräische medizinische Zeitschrift in Palästina „ha-refua“ und schrieb das erste moderne hebräische Lehrbuch „Das Auge“
- 26.4.1885-5.7.1940: Carl Einstein, deutsch-jüdischer Kunstkritiker (setzte sich als einer der ersten Wissenschaftler mit der "Kunst der Primitiven" und mit dem Kubismus auseinander, vor allem mit Georges Braque) und Schriftsteller, geb. in Neuwied (Rheinland-Pfalz), Selbsttötung bei Pau als Flüchtling in Südfrankreich nahe der spanischen Grenze beim Einmarsch deutscher Truppen; aufgewachsen in Karlsruhe, wo der Vater Direktor am Israelitischen Landesstift war, später Mitarbeiter der „Aktion“; expressionistischer Erzähler und Dramatiker; in der Zerstückelung seiner Texte antizipierte er surrealistische Elemente; nachdem er 1928 nach Paris gegangen war, beschäftigte er sich zunehmend auch mit dem Surrealismus, insbesondere mit der Gruppe um Georges Bataille und Michel Leiris; daneben war er innerhalb der politischen Linken aktiv; zum Ende des ersten Weltkriegs beteiligte er sich an der Räterevolution und wurde in den Vorsitz des belgischen Soldatenrates gewählt (1918); nach der Niederschlagung kehrte er nach Deutschland zurück und gab gemeinsam mit George Grosz das politische Satiremagazin "Der blutige Ernst" heraus, von welchem allerdings jede Ausgabe der Zensur zum Opfer fiel, weshalb es nach nur 6 Ausgaben mangels Geld wieder eingestellt wurde; die Weltwirtschaftskrise und die nationalsozialistische Machtergreifung trieben den freien Schriftsteller und Kunsthändler in den Ruin; er ging ins Exil, zunächst nach Paris; 1936 nahm er in der Colonna Durruti aktiv am spanischen Bürgerkrieg teil; 1939 floh Einstein wieder nach Paris und wurde als deutscher Staatsangehöriger bis zur Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahr 1940 interniert; obwohl Einstein mit seiner "Kunst des 20. Jahrhunderts", die 1931 in der dritten Auflage erschienen war, zunächst grossen Erfolg hatte, geriet er in Deutschland in Vergessenheit; - Werke: "Neue Blätter", 1912; "Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders", Roman, 1912 (begründete die akausale, "absolute Prosa", zu seiner Zeit eine philosophisch-literarische Sensation); "Wilhelm Lehmbrucks graphisches Werk", 1913; „Negerplastik“, Leipzig: Verlag der weissen Bücher, 1915; "Der Unentwegte Platoniker", 1918; "Afrikanische Plastik", 1921; "Die schlimme Botschaft", 1921; "Der frühere japanische Holzschnitt", 1922; "Afrikanische Märchen und Legenden, hrsg. von Carl Einstein", 1925; „Die Kunst des 20. Jahrhunderts“, 1926; "Entwurf einer Landschaft", 1930; "Giorgio di Chirico", 1930; "Georges Braque", 1934; Gesammelte Werke, 1962; der posthum herausgegebene Entwurf "Die Fabrikation der Fiktionen" (1970) ist der Versuch einer Theorie über künstlerisches Schaffen auf der Grundlage des dialektischen Materialismus; Werke in drei Bänden, 1980-1985; Werke. Berliner Ausgabe, 6 Bände, 1992-1996
- 14.5.1885-6.7.1973: Otto Klemperer, geb. in Breslau, gest. in Zürich, bedeutender Dirigent und Komponist, 1927-1933 an der Staatsoper Berlin, Vorkämpfer für moderne Musik; ab 1933 Berufsverbot (als "Kulturbolschewist" diffamiert); im selben Jahr emigrierte er in die USA und kehrte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Europa zurück, wo es ihm gelang, an seine ehemaligen denkwürdigen Erfolge anzuknüpfen
- 8.7.1885-4.8.1977: Ernst Bloch (Ernst Simon Bloch), neo-marxistischer Philosoph, geb. Ludwigshafen am Rhein, gest. Tübingen, 1917-1919 in der Schweiz; in "Vom Geist der Utopie" (1918) erklärt er, Christentum und Marxismus verhiessen dem Menschen Befreiung aus dem Elend, besonders "Thomas Münzer als Theologe der Revolution" (1922); in den 20er-Jahren trat er der KPD bei; 1933 ausgebürgert, emigrierte er in die CSR, 1938 in die USA (blieb dort bis 1949); 1949-1957 Professor in Leipzig; gibt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ (3 Bände, entstanden im amerikanischen Exil 1938-1947; publiziert 1954-1959) eine im Anschluss an Marx und in Auseinandersetzung vor allem mit Hegel entwickelte Philosophie des Kommenden. Die Hoffnung an der Grenze zwischen säkularisiertem Judentum und utopischem Sozialismus auf eine künftige diesseitige Aufhebung aller Widersprüche findet Ausdruck in der "konkreten Utopie". Wegen seiner kritischen Haltung zur SED-Politik wurde er 1957 zwangsemeritiert, seine Schüler waren Verfolgungen ausgesetzt. Von einem Aufenthalt in der Bundesrepublik kehrte Bloch 1961 nicht in die DDR zurück und lehrte seither in Tübingen. Nationalpreis der DDR 1955. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1967. Weitere Werke u. a.: Durch die Wüste (1923); Spuren (1930); Erbschaft dieser Zeit (1935); Subjekt-Objekt (über Hegel; 1951); Gesamtausgabe, 17 Bde., 1959-1978; Naturrecht und menschliche Würde (1961); Verfremdungen (2 Bände; 1962/1964); Über Karl Marx (1968); Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs (1968); - die zionistische Utopie Herzls hat Bloch, wie andere Marxisten auch, als kleinbürgerlich-nationalistische Regression abgetan – als Jude fühlte er sich in der Nachfolge der Propheten zum universalistischen Engagement für den Sozialismus verpflichtet; seit 1934 (bis zu seinem Tod) war Ernst Bloch mit Karola Bloch (geb. Karola Piotrowska) verheiratet
- 4. November 1885 -29. November 1973: Felix Braun, österreichischer Schriftsteller
- 1885 ff.: so genannte Polenausweisungen
Bücher
- B. Niese (Hrsg.), Flavii Josephi Opera, 7 Bände, Berlin 1885-1895 (Nachdruck 1955)
- S. Buber, Midrasch Tanchuma, Wilna 1885 (Nachdruck Jerusalem 1964)
- H. Hirschfeld, Das Buch al-Chazari aus dem Arabischen ... übersetzt, Breslau 1885
Zeitungen und Zeitschriften
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