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1872

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Ereignisse

  • 8.2.1872-31.8.1933: Theodor Lessing, deutsch-jüdischer Arzt, Schriftsteller und Philosoph, besonders aufsässig, gerade heraus, respektlos, unangepasst und unkonventionell, origineller Denker als Kultur- und Geschichtsphilosoph, deshalb extrem verhasst, vor allem in der „feinen Gesellschaft“, geb. in Hannover; niedergeschossen von nationalsozialistischen Auftragsmördern in Marienbad am 30.8.1933; er war ein schlechter und unglücklicher Schüler; Jugendfreundschaft mit Ludwig Klages, die von Klages beendet wird (antisemitischer Zusammenhang?); 1908-1926 ist Theodor Lessing umstrittener Dozent für Philosophie an der Technischen Hochschule in Hannover, als solcher eine absolute Randerscheinung an dieser Einrichtung (Person und Fach); Lessing war kreativ-produktiver Vertreter einer geistfeindlich-kulturpessimistischen Geschichtsdeutung; Werke (Auswahl): „Europa und Asien“, 1916; „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“, 1919; „Jäö oder wie ein Franzose auszog um in Hannover das „raanste“ Deutsch zu lernen“ (Theodore le Singe), 1919; „Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs“, 1925; „Nietzsche“, 1925; „Meine Tiere“, 1926; „Blumen“, 1928; „Der jüdische Selbsthass“, 1930; - die Ermordung Lessings durch die Nazis hatte sich angekündigt, war Höhepunkt einer langen Reihe von gewaltsamen Übergriffen und Hetztiraden; nachdem die Nationalsozialisten sein Haus in Hannover demoliert hatten, floh der Philosophie-Dozent, von "Schutzhaft" bedroht, über die tschechische Grenze; lange vor Hitlers Machtergreifung gehörte Lessing wegen seines kompromisslosen Kampfes gegen den deutschen Militarismus zu den verfolgten Gegnern der Nationalsozialisten; das änderte sich auch im tschechischen Exil nicht; bald erfuhr Lessing, dass das Deutsche Reich 80 000 Reichsmark auf seinen Kopf ausgesetzt hat; „Es ist nicht leicht, vom Schicksal zum Zweiflertum dieses Judas bestimmt zu sein“, schreibt Theodor Lessing im Prager Tagblatt vom 7. Juni 1925; sein "Offener Brief an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg" nimmt die komplette Titelseite ein; darin bekennt sich der jüdische Philosoph zu einer „nationalen Tradition kritischer und wahrhaftiger Meinungsäusserung“; Judas in seiner Rolle als Zweifler sei „von allen Jüngern der gläubigste gewesen“, schreibt Lessing in seinem Appell an Hindenburg und an die deutsche Bevölkerung; solange seine kritischen Äusserungen dem Wohle des Volkes dienen, sei er bereit, dafür unterzugehen; Theodor Lessing war einer der Intellektuellen, die mit Ihrem Appell an die Öffentlichkeit scheiterten; anstatt das deutsche Volk von seinem Anliegen zu überzeugen, erreichte er mit seinem Offenen Brief im Prager Tagblatt genau das Gegenteil; in seinem Wohnort Hannover wurde er seines Lebens nicht mehr froh; Auslöser der Affäre war ein ebenfalls im Prager Tagblatt veröffentlichter, mit kritischen Anmerkungen versehener Artikel über den Reichspräsidentschaftskandidaten Paul von Hindenburg; nach dessen Wahlerfolg zitierte eine Zeitung in Hannover den Text verkürzt und antisemitisch kommentiert; Lessing hatte u. a. geschrieben: "Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: "besser ein Zero als ein Nero". Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht" ("Hindenburg", in: Prager Tagblatt, 25. April 1925); 1935 erschien, aus dem Nachlass herausgegeben: "Einmal und nie wieder" (autobiographisch zu seiner Jugendzeit); - Literatur (kleine Auswahl): August Messer, Der Fall Lessing, eine objektive Darstellung und kritische Würdigung, Bielefeld 1926; Ekkehard Hieronimus, Theodor Lessing, Otto Meyerhof, Leonard Nelson. Bedeutende Juden in Niedersachsen, Hannover 1964; Rainer Marwedel, Theodor Lessing, 1987; Julius H. Schoeps, Der ungeliebte Aussenseiter, 1997
  • 13.4.1872: "Roda Roda" (Alexander Roda Roda, eigentlich: Sándor Friedrich Rosenfeld) geboren in Drnowitz/Mähren (nach anderen Quellen in Pusta Zdenci/Slawonien), Schriftsteller; liess sich 1894 katholisch taufen; 1892-1902 österreichischer Offizier; Kriegsberichterstatter während des Ersten Weltkriegs; sein erbitterter Gegner war Karl Kraus, der sich über Roda Rodas Kriegseuphorie und seine verklärte Sehnsucht nach der Monarchie lustig machte; 1938 emigrierte Roda Roda über die Schweiz in die USA, wo er am 20. August 1945 in New York an Leukämie starb; er schrieb zahlreiche Sammlungen meisterhaft pointierter Anekdoten, Lustspiele u. a.; einer seiner Aussprüche: "Aus dem Antisemitismus könnte schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden ... "; seine Schwester Gisela, die nicht emigrieren konnte, wurde nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet
  • 12.12.1872-29.10.1941: Bruno Cassirer, Verleger und Galerist in Berlin. 12.12.1872 Breslau – 20.10.1941 Oxford; Cousin von Paul Cassirer; zusammen mit ihm Sekretär der Berliner Secession; in den drei gemeinsamen Jahren machten sie die Berliner Kunst- und Literaturszene mit den neuesten belgischen, englischen, französischen und russischen Strömungen bekannt; seit 1903 arbeitete Christian Morgenstern in Bruno Cassirers Verlag; neben seiner Verlagstätigkeit beschäftigte Bruno Cassirer sich mit der Traberzucht, besass zwei Rennställe und war Vorsitzender der Obersten Behörde für Traberzucht und -rennen. 1938 Emigration nach Grossbritannien.

Bücher

Zeitungen und Zeitschriften