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1872
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Ereignisse
- 1872: Gründung der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ (Berlin, Artilleriestrasse 14), wissenschaftliche Hochschule, Rabbiner- und Lehrerseminar, Bibliothek (50 000 Bände); Name 1883-1922 und erneut 1933-1942 (Jahr der Schliessung): "Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums", hervorragende Dozenten: A. Geiger, H. Steinthal, S. Maybaum, I. Elbogen, L. Baeck ... Neben der Hochschule (bzw. Lehranstalt) für die Wissenschaft des Judentums existiert bis heute die ebenfalls in Berlin (und zwar im Jahr 1919) als freie Stätte der Forschung gegründete Akademie für die Wissenschaft des Judentums, die auf Initiative Hermann Cohens, angeregt durch Franz Rosenzweigs Schrift Zeit ist's, zustande kam
- 1872: Der österreichische Kulturhistoriker Friedrich von Hellwald (1842-1892) schrieb anknüpfend an Renan 1872 in einem Zeitungsartikel, Juden seien aus Asien eingewanderte Fremdrassige; dies würden Europäer „instinktiv“ spüren. Das so genannte Vorurteil gegen Juden sei also durch zivilisatorischen Fortschritt nie zu überwinden. Als Kosmopolit sei der Jude dem ehrlichen Arier an Schläue überlegen. Von Osteuropa aus grabe er sich als Krebsgeschwür in die übrigen Völker ein. Ausbeutung des Volkes sei sein einziges Ziel. Egoismus und Feigheit seien seine Haupteigenschaften; Selbstaufopferung und Patriotismus seien ihm völlig fremd.
- 1872: Gottschalk Lewi gründet den Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina
- 1872: Arbeit macht frei, eine Parole, die in erster Linie durch ihre Verwendung als Tor-Aufschrift an den nationalsozialistischen Konzentrationslagern bekannt wurde; „Arbeit macht frei“ ist der Titel eines 1872 in Wien erstveröffentlichten Romans des deutschnationalen Autors Lorenz Diefenbach; 1922 druckte der antisemitische Deutsche Schulverein Wien Beitragsmarken mit der Aufschrift Arbeit macht frei; wie es in deutschnationalen Kreisen zu einer Affinität zu diesem Spruch kam, ist unbekannt, er wurde aber immer wieder in antisemitischen Kreisen verwendet; in den Konzentrationslagern während der Zeit des Nationalsozialismus war die Tor-Aufschrift eine zynische Umschreibung für den angeblichen "Erziehungszweck" der Lager, die in Tat und Wahrheit nach dem Prinzip der "Vernichtung durch Arbeit" angelegt waren; der Historiker Harold Marcuse führt die Verwendung als KZ-Motto auf den ersten SS-Kommandanten des KZ Dachau, Theodor Eicke, zurück; zusätzlich zur Tor-Aufschrift wurde in einigen Konzentrationslagern, unter anderem Dachau, Sachsenhausen und Neuengamme, gut sichtbar die folgende, von Himmler stammende Parole angebracht: Es gibt einen Weg zur Freiheit. Seine Meilensteine heissen: Gehorsam, Fleiss, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland! Am Tor des Stammlagers Auschwitz befindet sich der Schriftzug „Arbeit macht frei“ mit einem auf dem Kopf stehenden Buchstaben "B"; ehemalige Auschwitz-Häftlinge berichten, es habe sich um einen heimlichen Protest ihres Mitgefangenen Jan Liwacz gehandelt, der als Kunstschlosser mehrere Auftragsarbeiten für die SS ausführen musste; im KZ Dachau schrieb Jura Soyfer das bekannte Dachau-Lied, in dessen Refrain der Spruch „Arbeit macht frei“ verwendet wird; einziges KZ mit einer abweichenden Torüberschrift war das KZ Buchenwald mit dem Spruch Jedem das Seine - der in der lateinischen Fassung "suum cuique" der Wahlspruch der preussischen Monarchen war (vgl. Juli 1937)
- 8.2.1872–31.8.1933: Theodor Lessing, deutsch-jüdischer Arzt, Schriftsteller und Philosoph, besonders aufsässig, gerade heraus, respektlos, unangepasst und unkonventionell, origineller Denker als Kultur- und Geschichtsphilosoph, deshalb extrem verhasst, vor allem in der „feinen Gesellschaft“, geb. in Hannover; niedergeschossen von nationalsozialistischen Auftragsmördern in Marienbad am 30.8.1933; er war ein schlechter und unglücklicher Schüler; Jugendfreundschaft mit Ludwig Klages, die von Klages beendet wird (antisemitischer Zusammenhang?); 1908-1926 ist Theodor Lessing umstrittener Dozent für Philosophie an der Technischen Hochschule in Hannover, als solcher eine absolute Randerscheinung an dieser Einrichtung (Person und Fach); Lessing war kreativ-produktiver Vertreter einer geistfeindlich-kulturpessimistischen Geschichtsdeutung; Werke (Auswahl): „Europa und Asien“, 1916; „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“, 1919; „Jäö oder wie ein Franzose auszog um in Hannover das „raanste“ Deutsch zu lernen“ (Theodore le Singe), 1919; „Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs“, 1925; „Nietzsche“, 1925; „Meine Tiere“, 1926; „Blumen“, 1928; „Der jüdische Selbsthass“, 1930; - die Ermordung Lessings durch die Nazis hatte sich angekündigt, war Höhepunkt einer langen Reihe von gewaltsamen Übergriffen und Hetztiraden; nachdem die Nationalsozialisten sein Haus in Hannover demoliert hatten, floh der Philosophie-Dozent, von "Schutzhaft" bedroht, über die tschechische Grenze; lange vor Hitlers Machtergreifung gehörte Lessing wegen seines kompromisslosen Kampfes gegen den deutschen Militarismus zu den verfolgten Gegnern der Nationalsozialisten; das änderte sich auch im tschechischen Exil nicht; bald erfuhr Lessing, dass das Deutsche Reich 80 000 Reichsmark auf seinen Kopf ausgesetzt hat; „Es ist nicht leicht, vom Schicksal zum Zweiflertum dieses Judas bestimmt zu sein“, schreibt Theodor Lessing im Prager Tagblatt vom 7. Juni 1925; sein "Offener Brief an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg" nimmt die komplette Titelseite ein; darin bekennt sich der jüdische Philosoph zu einer „nationalen Tradition kritischer und wahrhaftiger Meinungsäusserung“; Judas in seiner Rolle als Zweifler sei „von allen Jüngern der gläubigste gewesen“, schreibt Lessing in seinem Appell an Hindenburg und an die deutsche Bevölkerung; solange seine kritischen Äusserungen dem Wohle des Volkes dienen, sei er bereit, dafür unterzugehen; Theodor Lessing war einer der Intellektuellen, die mit Ihrem Appell an die Öffentlichkeit scheiterten; anstatt das deutsche Volk von seinem Anliegen zu überzeugen, erreichte er mit seinem Offenen Brief im Prager Tagblatt genau das Gegenteil; in seinem Wohnort Hannover wurde er seines Lebens nicht mehr froh; Auslöser der Affäre war ein ebenfalls im Prager Tagblatt veröffentlichter, mit kritischen Anmerkungen versehener Artikel über den Reichspräsidentschaftskandidaten Paul von Hindenburg; nach dessen Wahlerfolg zitierte eine Zeitung in Hannover den Text verkürzt und antisemitisch kommentiert; Lessing hatte u. a. geschrieben: "Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: "besser ein Zero als ein Nero". Leider zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht" ("Hindenburg", in: Prager Tagblatt, 25. April 1925); 1935 erschien, aus dem Nachlass herausgegeben: "Einmal und nie wieder" (autobiographisch zu seiner Jugendzeit); - Literatur (kleine Auswahl): August Messer, Der Fall Lessing, eine objektive Darstellung und kritische Würdigung, Bielefeld 1926; Ekkehard Hieronimus, Theodor Lessing, Otto Meyerhof, Leonard Nelson. Bedeutende Juden in Niedersachsen, Hannover 1964; Rainer Marwedel, Theodor Lessing, 1987; Julius H. Schoeps, Der ungeliebte Aussenseiter, 1997
- 13.4.1872: "Roda Roda" (Alexander Roda Roda, eigentlich: Sándor Friedrich Rosenfeld) geboren in Drnowitz/Mähren (nach anderen Quellen in Pusta Zdenci/Slawonien), Schriftsteller; liess sich 1894 katholisch taufen; 1892-1902 österreichischer Offizier; Kriegsberichterstatter während des Ersten Weltkriegs; sein erbitterter Gegner war Karl Kraus, der sich über Roda Rodas Kriegseuphorie und seine verklärte Sehnsucht nach der Monarchie lustig machte; 1938 emigrierte Roda Roda über die Schweiz in die USA, wo er am 20. August 1945 in New York an Leukämie starb; er schrieb zahlreiche Sammlungen meisterhaft pointierter Anekdoten, Lustspiele u. a.; einer seiner Aussprüche: "Aus dem Antisemitismus könnte schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden ... "; seine Schwester Gisela, die nicht emigrieren konnte, wurde nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet
- 15.7.1872–17.4.1942: Alfred Hertz, Dirigent in Amerika, deutsch-jüdischer Herkunft
- 12.8.1872-22.9.1942: Leo Nachtlicht, jüdischer Architekt, in Berlin tätig
- 15.8.1872–6.3.1936: Rubin Goldmark, jüdischer Komponist in Amerika
- 12.12.1872-29.10.1941: Bruno Cassirer, Verleger und Galerist in Berlin. 12.12.1872 Breslau – 20.10.1941 Oxford; Cousin von Paul Cassirer; zusammen mit ihm Sekretär der Berliner Secession; in den drei gemeinsamen Jahren machten sie die Berliner Kunst- und Literaturszene mit den neuesten belgischen, englischen, französischen und russischen Strömungen bekannt; seit 1903 arbeitete Christian Morgenstern in Bruno Cassirers Verlag; neben seiner Verlagstätigkeit beschäftigte Bruno Cassirer sich mit der Traberzucht, besass zwei Rennställe und war Vorsitzender der Obersten Behörde für Traberzucht und -rennen. 1938 Emigration nach Grossbritannien.
- 25.12.1872–30.9.1943: Naum Aronson, jüdischer Bildhauer
- 1872–1927: Jehoasch (eigentlich Salomo Blumengarten), geb. in Wirballen, gest. in New York, jiddischer Dichter (lyrische Gedichte, Epos), Übersetzung der Bibel ins Jiddische
Bücher
Zeitungen und Zeitschriften
- 1872: El Telegrapho, in Konstantinopel wöchentlich in Spaniolisch erscheinendes nationaljüdisches Blatt
- 1872: El Tiempo, in Konstantinopel in Spaniolisch erscheinend
- 1872: New Yorker Jiddische Zeitung, in New York erscheinendes orthodoxes Wochenblatt