Jewiki unterstützen. Jewiki, die größte Online-Enzy­klo­pädie zum Judentum.

Helfen Sie Jewiki mit einer kleinen oder auch größeren Spende. Einmalig oder regelmäßig, damit die Zukunft von Jewiki gesichert bleibt ...

Vielen Dank für Ihr Engagement! (→ Spendenkonten)

How to read Jewiki in your desired language · Comment lire Jewiki dans votre langue préférée · Cómo leer Jewiki en su idioma preferido · בשפה הרצויה Jewiki כיצד לקרוא · Как читать Jewiki на предпочитаемом вами языке · كيف تقرأ Jewiki باللغة التي تريدها · Como ler o Jewiki na sua língua preferida

1870

Aus Jewiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Portal Geschichte | Portal Biografien | Aktuelle Ereignisse | Jahreskalender

| 18. Jahrhundert | 19. Jahrhundert | 20. Jahrhundert |
| 1840er | 1850er | 1860er | 1870er | 1880er | 1890er | 1900er |
◄◄ | | 1866 | 1867 | 1868 | 1869 | 1870 | 1871 | 1872 | 1873 | 1874 | | ►►

Ereignisse

  • 1870: Synagoge Hannover
  • 1870: Décret Crémieux
  • 1870: Eisernes Kreuz I. Klasse an C. Guttfeldt, L. Lang, J. Nussbaum, I. Rawitz
  • 1870: Rom. Emanzipation der Juden in Rom 1870, seither lebhafter Anteil am geistigen und politischen Leben; - Lit.: Vogelstein-Rieger, Geschichte der Juden in Rom; E. Loevinson, Roma Israelitica, 1927
  • 1870: In Amerika wird die American Palestine Exploration Society gegründet, die sich sogleich, die britischen Tätigkeiten ergänzend, an die Landvermessung und -kartographierung Ostpalästinas machte. Leider scheiterte das Vorhaben schon bald am Widerstand der Einheimischen östlich des Jordan, und die Gesellschaft löste sich nach kurzer Zeit auf. Darüber hinaus hatte die Gesellschaft, im Gegensatz zur gleichnamigen britischen Gesellschaft, eine religiöse Fundierung, ihr ging es in erster Linie um die Rechtfertigung der Bibel und darum, die Bibel als wahr zu erweisen, ein vollkommen anderer (und problematischer) Ansatz.
  • 1870: In Schweden wurden antijüdische Sondergesetze langsamer abgebaut als in anderen skandinavischen Ländern: 1870 blieben den Juden aber nur noch der Reichsrat und Ministerämter verwehrt. Ansonsten war die jüdische Emanzipation vollendet (seitdem Juden am kulturellen Leben beteiligt: Josephson, Levertin, Warburg, Grünewald)
  • 1870: Sandor Jaray geboren, jüdischer Bildhauer in Ungarn
  • 1870: Alfred Kastner geboren, virtuoser Harfenspieler
  • 1870: Henryk Glicenstein in Turek (Polen) geboren, Bildhauer und Maler, schuf symbolistische Figuren: "Messias", "Morgenland" u. a.
  • 1870: Arthur Korn geboren in Breslau, Elektrophysiker, seit 1914 Honorarprofessor der Technischen Hochschule Charlottenburg, führend auf dem Gebiet der Bildtelegraphie (1904 erste Bildübertragung, 1923 Übertragung Rom-Bar Harbour, USA), sein System seit 1928 von der preussischen Polizei benutzt
  • 1870: Chajim Tschernowitz (Pseud.: Raw zaïr, Raw Zair, "junger Rabbi") geboren, jüdischer Gelehrter (Talmud- und Traditionsforschung), Begründer der ersten modernen Jeschiwa (Odessa 1905), seit 1923 Prof. am "Jewish Institute of Religion" in New York; "Die Entstehung des Schulchan Aruch", 1915; Toledot ha-Halacha (Geschichte der Halacha), seit 1934
  • 1870: Heinrich Königswarter als Conte de Romano geadelt; er war koburg-gothaischer Diplomat in Paris ("Königswarter" = jüdische Familie aus dem tschechischen Ort Königswart stammend)
  • 1870: Ludwig Fraenkel geboren, Mediziner (Gynäkologie) in Breslau
  • 1870: Alexander Besredka geboren, Mediziner (Bakteriologe) in Paris
  • 1870: Oscar Bendiener geboren, Schriftsteller (Dramen)
  • 1870: Charles-Henri Hirsch geboren, französisch-jüdischer Prosa-Schriftsteller
  • Um 1870 (?): Georg Gronau geboren, Kunsthistoriker in Kassel
  • Um 1870: Die Tscherkessen wandern aus dem Kaukasus kommend in Palästina ein, sie bewahrten ihre Sprache und ihre Traditionen, heute leben im Norden des Staates Israel etwa 3 000 Tscherkessen. Die meisten Tscherkessen sind sunnitische Moslems; heute lebt die Mehrheit der Tscherkessen ausserhalb des Kaukasus, vor allem in der Türkei.
  • 1870: 1870 wurde die erste Landwirtschaftsschule in Palästina – Mikwe Israel – von der Alliance Israélite Universelle mit dem Ziel gegründet, Juden für die Feldarbeit zu schulen. Man begann dort mit Wein, der aus Europa importiert worden war, zu experimentieren. 1882 begann dann Baron Edmond de Rothschild mit der finanziellen Unterstützung des Weinbaues in Eretz Israel. In Rischon le-Zion und in Zichron Ja’akov wurden Weinkellereien errichtet. Beide Kellereibetriebe existieren noch, Carmel Mizrachi in Zichron Ja´akob ist der grösste Weinproduzent Israels. 1983 wurde in Katzrin der Golan Weinbaubetrieb eröffnet. Dort werden die „Yarden" „Gamla" und „Golan" Weine produziert. Auch andere Kellereien, wie Barkan oder Binjamina, bieten Weine und andere Getränke, die am nationalen wie internationalen Markt grosse Erfolge erzielen. Eine Besonderheit sind die Trauben, die im Negev angebaut und mit Salzwasser bewässert werden. Prof. Ben-Ami Bravdo von der Fakultät für Landwirtschaft in Rechovot der Hebräischen Universität experimentierte mit verschiedenen Sorten, bis eine geeignete für das Salzwasser gefunden wurde, die von Weinbauern im Negev kultiviert wird. Die ersten Ergebnisse wurden 1998 in Israel verkauft. Elisha Zurgil baut Wein im Kibbuz Sde Boker an, wo mit verschiedenen Bewässerungsarten (Süss- und Salzwasser) experimentiert wird.
  • 4.1.1870-31.1.1935: Davis Trietsch, geb. in Dresden, gest. in Tel Aviv, zionistischer Schriftsteller und Wirtschaftspolitiker, Mitherausgeber u. a. von "Ost und West"; lebte nach längeren Reisen durch Europa von 1893 bis 1899 in New York, wo er das jüdische Wanderungsproblem studierte, zu dessen Lösung er bereits 1895 die Kolonisation auf Zypern vorschlug; nach Anschluss an die zionistische Bewegung und Teilnahme am ersten Zionistenkongress als "Praktiker" stellte er ein Kolonisationsprogramm für „Gross-Palästina“ auf, das über Palästina hinaus auch Zypern und El-Arisch einschloss und das er jahrzehntelang in Büchern, Aufsätzen und Reden propagierte (Ende 1899 findet Herzl die Aktivitäten und die Idee „sehr vernünftig“, kann sich aber nicht öffentlich dafür erklären; schon Ende 1897 hielt Herzl es nicht für opportun, öffentlich darüber zu sprechen). Später lebte Davis Trietsch in Berlin; dort war er auch 1902 Mitbegründer des Jüdischen Verlages; seine schriftstellerische und publizistische Tätigkeit umfasste auch die Herausgabe von Karten und Diagrammen zur Entwicklung des jüdischen Lebens in aller Welt; - weitere Werke/Publizistik (Auswahl): Palästina-Handbuch, Berlin 1907 (5. Aufl. 1922); Bilder aus Palästina, Berlin 1912; Levante-Handbuch, 3. Aufl. Berlin 1914; Volk und Land (Zeitschrift, 1919); Palästina und die Juden. Tatsachen und Ziffern, Berlin 1919; Jüdische Emigration und Kolonisation, 2. Aufl. Berlin 1923; Atlas der jüdischen Welt, Berlin 1926; Palästina-Wirtschaftsatlas, 2. Aufl. Berlin 1926; Der Wiedereintritt der Juden in die Weltgeschichte, Mährisch-Ostrau 1926; Die Fassungskraft Palästinas, 2. Aufl. Berlin 1930
  • 8.1.1870-28.9.1942: Dr. phil. (Promotion 1894) Hermann Vogelstein, geb. in Pilsen; gest. im Exil in New York, war ein zu seiner Zeit führender liberaler Rabbiner in Deutschland; er studierte an den Universitäten Berlin und Breslau (orientalische Sprachen) und zugleich am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau und an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin; in der Folge amtierte er als Prediger und Rabbinatsverweser in Oppeln (1895-1897), als Rabbiner in Königsberg (1897-1920) und Breslau (1920-1938); er war, wie sein Vater, ein entschiedener Gegner der nationaljüdischen Bewegung; 1938 emigrierte er nach England, 1939 in die USA; zusammen mit Paul Rieger schrieb er das Standardwerk Geschichte der Juden in Rom (2 Bände, Berlin 1895-96, englisch 1940); zu seinen weiteren Schriften gehören u. a. Die Landwirtschaft in Palästina zur Zeit der Mischnah – Der Getreidebau (Berlin 1894); Die Anfänge des Talmud und der Entstehung des Christentums (Königsberg 1902); Beiträge zur Geschichte des Unterrichtswesens in der jüdischen Gemeinde zu Königsberg in Preussen (1903); Der isr. Verein für Krankenpflege und Beerdigung Chewra kaddischa zu Königsberg in Preussen (1904); Militärisches aus der israelitischen Königszeit (1906); Zur Vorgeschichte des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 (1909); Hermann Vogelstein war der erste Sohn von Heinemann Vogelstein und Bruder von Ludwig und Theodor Vogelstein sowie von Julie Braun-Vogelstein
  • 14.1.1870-29.9.1942: Ida Dehmel, geb. in Bingen, Selbsttötung in Hamburg, Lyrikerin, Frauenrechtlerin, im Kunsthandwerk tätige Unternehmerin; die als Ida Coblenz in Bingen am Rhein Geborene wurde als die zweite Ehefrau von Richard Dehmel bekannt; zuvor musste sie als Tochter einer reichen und konservativen jüdischen Familie 1895 den jüdischen Kaufmann Leopold Auerbach heiraten; diese Ehe verlief sehr unglücklich; in Bingen lernte sie Stefan George kennen; mit ihrem Mann zog sie nach Berlin und wurde im Friedrichshagener Dichterkreis heimisch; in diesem Kreis lernte sie auch Richard Dehmel kennen; nach ausgiebigen Reisen zogen beide in das als Dehmelhaus bekannt gewordene neue Domizil in Hamburg; nach dem Tod ihres Mannes gründete sie die GEDOK (Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen aller Kunstgattungen); 1933 wurde sie aus diesem Kreis ausgeschlossen; immer mehr isoliert, von den Menschen enttäuscht und von schwerer Krankheit geplagt, nahm sie sich mit Schlaftabletten das Leben; vgl. Paula Dehmel (Dehmels erste Frau, 1862-1918)
  • 7.2.1870: Alfred Adler geboren in Rudolfsheim bei Wien, aus aschkenasischer Familie (vgl. bei Nathan b. Simeon Adler unter dem 16.12.1741), Nervenarzt in New York, Schüler Freuds, Begründer der Individualpsychologie; jüdischer Konvertit (1904 zum Protestantismus konvertiert); er starb in Aberdeen/Schottland am 28.5.1937; er sah den Hauptantrieb des Menschen im Streben nach Geltung und Macht, wobei der Mensch versucht ist, Minderwertigkeitskomplexe, die durch Benachteiligung gegenüber der Umwelt entstehen, zu kompensieren; er war seit 1929 Prof. in New York
  • 10.2.1870-24.9.1946: Max Osborn, geb. in Köln, gest. in New York, vielseitiger Kunstschriftsteller, Journalist und Publizist, 1894-1914 Hrsg. der Jahresberichte für neuere deutsche Literaturgeschichte, seit 1900 Redakteur der Berliner Nationalzeitung, seit 1910 Kritiker der Ullstein-Blätter, 1914-1923 Redakteur der Vossischen Zeitung (bis 1933 ihr Kunstreferent) und Präsident des Verbandes deutscher Kunstkritiker, 1933 Mitbegründer des Jüdischen Kulturbundes; 1938 emigrierte er nach Frankreich, 1940 in die USA; Hauptwerke: Die Teufel-Literatur des 16. Jahrhunderts, 1893; Berlin. Seine Kunststätten, 1909; Geschichte der Kunst, 1910 (70. Auflage 1933); M. Pechstein, 1922; Die Kunst des Rokoko, 1929; Memoiren: Der bunte Spiegel, 1945
  • 13.2.1870-21.11.1938 Leopold Godowski (oft auch in der Schreibung Godowsky), geb. 13. Februar 1870 in der Nähe von Vilnius, heute Litauen, gest. 21. November 1938 in New York, USA, war polnisch-amerikanisch-jüdischer Pianist und Komponist; Godowsky hatte nur wenige Monate ernsthaften Klavierunterricht und war ansonsten Autodidakt; bereits im Alter von 20 Jahren war er Klavierlehrer am New York College of Music und nahm kurz darauf die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an; später arbeitete er an den Konservatorien in Philadelphia und Chicago sowie an den Akademien in Berlin und Wien; sein bekanntester Schüler wurde Heinrich Neuhaus; 1930 setzte ein Gehirnschlag seiner Karriere ein Ende; Godowsky zählte zu den herausragenden Klaviervirtuosen seiner Zeit; nicht selten wird er sogar als „der Pianist der Pianisten“ bezeichnet; er galt aber sowohl im Konzert als auch in seinen Aufnahmen als gehemmt, sein ganzes Können zu zeigen; unter seinen Kompositionen stechen die Bearbeitungen die Originalwerke aus; einerseits sind zu nennen die 53 Studien zu den Etüden Frédéric Chopins, in ihnen wird der ohnehin schon hohe technische Anspruch dieser Werke noch erhöht, indem etwa Passagen von der rechten Hand in die linke verlegt werden, ganze Etüden ausschliesslich für die linke Hand gesetzt sind, zusätzliche Stimmen eingefügt oder gar mehrere Etüden kombiniert werden; daneben gibt es einige Paraphrasen zu Strauss-Walzern, die, ebenfalls von höchstem Schwierigkeitsgrad, mit dreihändigen Effekten glänzen (Aufteilung des Satzes so, als würden 3 Hände spielen); Arthur Rubinstein hielt ihn für einen unglücklichen Menschen, der nur (Piano) geübt, aber nicht gelebt hätte.
  • 3.3.1870-29.3.1951: Géza Maróczy, geb. in Szeged, gest. in Budapest, ungarischer Schach-Grossmeister; er spielte zunächst Fernschach; 1893/94 gewann er zusammen mit Rudolf Charousek das stark besetzte erste ungarische Fernturnier; Maróczys erster grosser Erfolg war der zweite Platz hinter Emanuel Lasker im Meisterturnier Nürnberg 1896; Anfang des 20. Jahrhunderts galt er als ernsthafter Anwärter auf den Titel des Schachweltmeisters, ein Wettkampf gegen Lasker kam jedoch aus finanziellen Gründen nicht zustande; in dieser Zeit gewann Maróczy die Turniere in Monte Carlo 1902 und 1904, Ostende 1905, Barmen 1905 und Wien 1908; in den folgenden Jahren war er schachlich wenig aktiv; aufgrund der politischen Ereignisse nach dem Ersten Weltkrieg musste Maróczy Ungarn verlassen; 1921 spielte er einen Wettkampf gegen den späteren Weltmeister Max Euwe, dessen Trainer er wurde; das Match endete unentschieden; er gewann das Turnier in Karlsbad 1923 (zusammen mit Aljechin und Bogoljubow) sowie Hastings 1924/25; bei drei Schacholympiaden (1927, 1930 und 1933) sowie bei der inoffiziellen Schacholympiade von München 1936 war er Spitzenspieler der ungarischen Mannschaft; 1950 gehörte er zu den ersten von der Weltschachorganisation FIDE ernannten Grossmeistern; er war auch schachliterarisch tätig, u. a. veröffentlichte er 1909 eine Biographie über Paul Morphy; ausserdem trainierte er die erste Frauenweltmeisterin Vera Menchik; als besonders stark galt er in der Verteidigung und im Endspiel, speziell im Damenendspiel; seine beste historische Elo-Zahl war 2820; diese erreichte er 1906; insgesamt lag er in 30 unterschiedlichen Monaten zwischen 1904 und 1907 auf Platz 1 der Weltrangliste
  • 6.3.1870-11.1.1954: Oscar Straus (Oskar Straus, eigentlich: Strauss), geb. in Wien, gest. in Bad Ischl, österreichisch-jüdischer Operettenkomponist; Oscar Straus war nicht verwandt mit der Walzerdynastie von Johann Strauss (Vater) und (Sohn); Straus schrieb um die Jahrhundertwende mehrere erfolgreiche Operetten, am bekanntesten davon ist Ein Walzertraum von 1907, und komponierte später am Broadway und in Hollywood; er lernte bei Max Bruch und hatte erste kleinere Erfolge als Kapellmeister in Brno und Teplitz-Schönau; in Berlin wirkte er beim ersten deutschen Musikkabarett, dem Überbrettl, mit, dort war auch der junge Arnold Schönberg für einige Zeit tätig; 1939 übersiedelte er nach Paris, später nach New York und Hollywood; erst nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach Europa zurück; Werke (Auswahl): Die lustigen Nibelungen (Musik zur Burlesken Operette in drei Akten von Rideamus) (1904); Ein Walzertraum (Libretto von Felix Dörmann und Leopold Jacobsen) (1907); 'Eine Frau, die weiss, was sie will' (1932); Filmmusik zu La Ronde von Max Ophüls (1952)
  • 20.3.1870-14.2.1938: Arthur Eloesser, geb. u. gest. in Berlin, deutschjüdischer Literaturwissenschaftler und Journalist; Promotion 1893, die Habilitation scheiterte jedoch an den Bestimmungen des preussischen Staats, der immer noch die christliche Taufe dafür verlangte; daraufhin wandte sich Eloesser 1899 ganz dem Journalismus zu und arbeitete als Kritiker vor allem für die Vossische Zeitung; 1914 ging er als Dramaturg an das Berliner Lessing-Theater, sechs Jahre später wurde er Redakteur der „Freien Deutschen Bühne“ und unter Jacobsohn ständiger Mitarbeiter der „Weltbühne“; 1928 holte ihn Ullstein erneut in die Feuilletonredaktion der „Vossischen Zeitung“; nach der „Machtergreifung“ wechselte er zwangsweise zur „Jüdischen Rundschau“, war auch einer der Initiatoren des Jüdischen Kulturbunds; von 1934 bis 1937 ging er nach Palästina, kehrte dann aber wieder in das nationalsozialistische Deutschland, nach Berlin, zurück, wo er am 14.2.1938 starb; seine Frau Margarete Eloesser wurde 1942 nach Riga deportiert; das Grab von Arthur Eloesser befindet sich auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf; Werke (Auswahl): "Das bürgerliche Drama. Seine Geschichte im 18. und 19. Jahrhundert", 1898; "Heinrich von Kleist. Eine Studie", 1905; "Die Strasse meiner Jugend", 1919 (Erinnerungen); "Thomas Mann. Sein Leben und sein Werk", 1925; "Elisabeth Bergner", 1926; "Die deutsche Literatur vom Barock bis zur Gegenwart", 1930/1931 (1300 Seiten, 2 Bände, ein Klassiker der Literaturgeschichtsschreibung, Eloesser verzichtet auf unnötige Zergliederung, auf jegliche Fussnoten und war um ein "schönes Druckbild" besorgt; der Verleger Bruno Cassirer setzte das grosse ehrgeizige Projekt kongenial um)
  • 7.4.1870-2.5.1919: Gustav Landauer, geb. in Karlsruhe, ermordet im Zuchthaus München-Stadelheim, deutsch-jüdischer Schriftsteller, Übersetzer, Sprachkritiker, Mystiker und einer der führenden Theoretiker und Aktivisten des Anarchismus in Deutschland (sog. Edel-Anarchist); befreundet mit Fritz Mauthner und Martin Buber; der Richtung Kropotkins nahestehend, beteiligte sich Landauer 1919 als Regierungsmitglied ("Beauftragter für Volksaufklärung") an der Münchner Räterepublik und wurde bei deren Niederwerfung durch Regierungstruppen nach seiner Gefangennahme ermordet, kremiert und auf dem Waldfriedhof in München bestattet; nach der Machtergreifung 1933 zerstörten die Nazis sein 1925 errichtetes Grabmal, schickten seine sterblichen Überreste der jüdischen Gemeinde von München und stellten ihr in zynischer Absicht darüber eine Rechnung; seitdem ruht er in einem Gemeinschaftsgrab zusammen mit Kurt Eisner auf dem Neuen Israelitischen Friedhof (am Münchener Nordfriedhof); - "Skepsis und Mystik", 1903; "Aufruf zum Sozialismus", 1911; "Shakespeare", 2 Bde., hrsg. von Martin Buber, 1920; Biographie von Martin Buber, 1929, der auch Hrsg. seiner Aufsätze über Sozialismus war
  • 13.4.1870-12.3.1941: Ernst Decsey (Décsey; früher: Deutsch; Pseudonym: Franz Heinrich), geb. in Hamburg, gest. in Wien, Jurist (Dr. iur. 1895), Musikschriftsteller, der führende Musikkritiker seiner Zeit, tätig in Graz (1908 Chefredakteur der Grazer Tagespost) und Wien (Neues Wiener Tageblatt); Prof.; Schüler von A. Bruckner; schrieb zahlreiche Musikerbiographien (A. Bruckner, H. Wolf, J. Strauss, Debussy usw.), Theaterstücke (Der Musikant Gottes, 1924) und 2 Opernlibretti; propagierte in seinen Schriften das "Musikland Österreich"; - Romane und Erzählungen: Du liebes Wien (Roman, 1911); Zigarettenrauch (Erzählungen, 1911); Die Insel der sieben Träume. Ein Reisebuch, 1912; Der kleine Herzog Cupidon (Roman, 1913); Die Theaterfritzl (Roman, 1915); Krieg im Stein (Erzählungen, 1915); Im Feuerkreis des Karsts (Erzählungen, 1916);Memoiren eines Pechvogels (Erzählungen, 1917); Die Stadt am Strom (Roman, 1918?); Das Theater unserer lieben Frau (Roman, 1927); Die Spieldose (Musikeranekdoten, 1928); - Theaterstücke und Libretti: Der Musikant Gottes (Co-Autor: Victor Léon), Theaterstück, 1924; Sissys Brautfahrt (Co-Autor: Gustav Holm), Lustspiel, 1931 (dieses Lustspiel wurde später Vorlage für die Operette "Sissy"); Die Kathrin, Libretto zur gleichnamigen Oper von Erich Wolfgang Korngold, 1937; Die Dame im Traum, (Co-Autor: Gustav Holm, Pseudonym für Dr. jur. Robert Weil, 1881-1950, auch als "Homunkulus" bekannt), Libretto zur gleichnamigen Oper von Franz Salmhofer, 1935
  • 27.5.1870: Israel Davidson in Janowo (Polen) geboren, bedeutender jüdischer Gelehrter, Prof. am Jewish Theological Seminary in New York; „ozar ha-schira weha-pijut“, Thesaurus of Med. Hebr. Poetry, 1925 ff.
  • 21.6.1870-2.5.1915: Clara Immerwahr, geb. in Polkendorf bei Breslau; Suizid in Berlin-Dahlem; deutsch-jüdische Chemikerin und engagierte Frauenrechtlerin, jüngste Tochter des Chemikers Dr. Philipp Immerwahr und dessen Ehefrau Anna Krohn; Clara Immerwahr wurde nach dem Studium 1900 als erste Frau an der Universität Breslau mit einer physikalisch-chemischen Arbeit promoviert („Beiträge zur Löslichkeitsbestimmung schwerlöslicher Salze des Quecksilbers, Kupfers, Bleis, Cadmiums und Zinks“); ihre Dissertation schrieb sie bei Richard Abegg in Breslau; im Jahr 1901 heiratete sie in Breslau den späteren Nobelpreisträger Fritz Haber (aus der Ehe ging ein Sohn hervor: Hermann, geb. 1.6.1902); als Haber im Verlauf des Ersten Weltkriegs als Abteilungsleiter die wissenschaftliche Verantwortung für das gesamte Kampfgaswesen übernahm, missbilligte Clara Immerwahr in aller Öffentlichkeit seine Unternehmungen als „Perversion der Wissenschaft“; als ihr Mann 1915 aufgrund eines „erfolgreichen“ Giftgaseinsatzes in Ypern befördert wurde, erschoss sie sich mit seiner Dienstwaffe auf der Wiese vor ihrer Villa; Haber zeigte sich davon unbeeindruckt und fuhr noch am selben Tag nach Galizien, um weitere Giftgaseinsätze vorzubereiten
  • 30.6.1870-8.3.1955: Paul Lipke, geb. in Erfurt, gest. in Osterburg (Altmark), deutscher Schachspieler; nach 1898 begann er sich ins Berufsleben zurückzuziehen und beendete damit frühzeitig seine Meisterkarriere; Lipke war Schüler am Domgymnasium Magdeburg; nachdem er das Abiturexamen 1892 in Halle absolviert hatte, studierte er an der Universität Halle Jura und wurde 1897 Rechtsreferendar; danach arbeitete er als Rechtsanwalt in Halle (Saale) und Stendal; später verlegte er seine anwaltliche Praxis; seit Anfang Juli 1909 lebte er in Osterburg, das rund zwanzig Kilometer nördlich von Stendal liegt; Lipke erlernte das Schachspiel mit ungefähr 14 Jahren; während seiner Schulzeit wurde er Mitglied im Magdeburger Schachclub; bereits 1889 teilte er beim Breslauer Hauptturnier, das Emanuel Lasker gewann, den 5./6. Platz mit Ignaz von Popiel; Lipkes erster grosser schachlicher Erfolg war der Gewinn des Hauptturniers in Dresden im Jahr 1892, der nach den Regeln des Deutschen Schachbundes (DSB) zum Meistertitel und zur Teilnahme an den international besetzten DSB-Kongressen berechtigte; es folgten vordere Platzierungen in den Turnieren von Halle im selben Jahr (zweiter Preis) und Kiel 1893 (dritter Preis); Lipkes grösster Erfolg war der zweite Platz im internationalen Kongress zu Leipzig 1894, hinter Siegbert Tarrasch und noch vor Spielern wie Richard Teichmann und Joseph Henry Blackburne; in Eisenach kam es 1896 zu einem Wettkampf gegen Johann Berger, der nach sieben Partien (1:1, =5) unentschieden endete; beim stark besetzten „Kaiser-Jubiläums-Schachturnier“ in Wien 1898 teilte Lipke zusammen mit Géza Maróczy bei 19 Teilnehmern den achten Platz (es siegte Tarrasch nach Stichkampf gegen Harry Nelson Pillsbury, dahinter folgten Janowski und Steinitz; Lipke galt auch als starker Blindspieler und spielte bis zu zehn Partien gleichzeitig ohne Ansicht des Brettes; er war 1898 neben Berger Redakteur der Deutschen Schachzeitung und dabei für die Redaktion des Partienteils zuständig; Lipke war ausserdem Herausgeber der ab 1909 in Coburg erschienenen Deutschen Schachblätter; nachdem er sich früh vom ernsten Turnierschach abgewandt hatte, blieb Lipke in Schachvereinen aktiv, darunter (ab 1905) bei der Stendaler Schachgesellschaft; im Jahr 1927 war er Mitgründer des Osterburger Schachvereins, der bis zum Zweiten Weltkrieg bestand; auch danach beteiligte sich Lipke noch im hohen Alter am Schachleben seiner Heimatstadt; nach Berechnung seiner historischen Elo-Zahl zählte Lipke im Jahr 1894 mit einem Wert von 2725 zu den fünf besten Spielern der Welt
  • 4.7.1870-10.7.1939: Paul Rieger, geb. in Dresden, gest. in Stuttgart, jüdischer Gelehrter, Historiker und Reformrabbiner; als Rabbiner tätig in Potsdam von 1896 bis 1902, am Hamburger Tempel von 1902 bis 1916, in Braunschweig (hier Landesrabbiner) von 1916 bis 1922 und in Stuttgart (Stadtrabbiner) von 1922 bis 1939; er war deutschnational und lange Zeit auch antizionistisch eingestellt; Hauptwerke: Geschichte der Juden in Rom, 2 Bände, 1895 f. (zusammen mit Hermann Vogelstein); Hillel und Jesus, Hamburg 1904
  • 6.7.1870-1938: Alter Drujanow (auch: Alter Drujanoff oder Alter Drujanov), geb. in Druja, Litauen, gest. in Tel Aviv, hebräischer Schriftsteller und Publizist, Zionist (1899-1905 Sekretär des Odessaer Komitees, 1910-1914 in Odessa Redakteur des offiziellen Organs Haolam), Historiker des Frühzionismus und Volkskundler; nach dem Ersten Weltkrieg ging er nach Palästina, wo er u. a. gemeinsam mit Bialik mehrere Bände der hebräischen Sammelschrift für Folklore Reschummot herausgab; von Alter Drujanow stammt die erste umfassende Sammlung jüdischer Witze und Anekdoten; Werke (Auswahl): Ketawim le-toledot Hibbat Zion we Jischuw Erez Israel, 3 Bde., Bd. I Odessa 1918, Bd. II und III, Tel Aviv 1925/1932 (ausführliche Dokumentensammlung der Ära Pinsker); Sefer ha-Bedicha weha-Chidud ("Buch der Witze und Pointen"), 1922
  • 10.7.1870-27.6.1939: Oskar Fischel, geb. in Danzig, gest. in London, deutsch-jüdischer Kunsthistoriker; er studierte Kunstgeschichte in Königsberg und bei Georg Dehio in Strassburg, wo er 1896 mit einer Dissertation über Raphaels Zeichnungen promovierte; 1900/1901 bearbeitete er die Kupferstichsammlung des Wallraf-Richartz-Museums in Köln, später die Bestände der Lipperheideschen Kostümbibliothek in Berlin; 1914 habilitierte er sich mit einer Studie über "Die bildende Kunst und die Bühne" an der Berliner Universität und wurde 1923 zum a.o. Prof. für Kunstgeschichte ernannt; die genannten Themen markieren die Spannweite seiner Interessen: Zur kunsthistorischen Forschung mit dem Schwerpunkt Raffael gesellte sich eine ebenso intensive Betätigung im Bereich der Theaterwissenschaften; eine didaktische Neuerung waren die von Fischel in Berlin eingeführten Übungen vor Originalen im Kaiser-Friedrich-Museum als Ergänzung zu den Vorlesungen an der Universität; daneben lehrte er auch an der Staatlichen Kunstschule und an der Schauspielschule von Max Reinhardt; seine pädagogischen und rhetorischen Fähigkeiten kamen bei öffentlichen Vorträgen und im Rundfunk zur Geltung; aus der engen Beziehung zu den Bühnenkünsten erwuchs der Plan zur Gründung eines Theatermuseums in Berlin; Fischel konnte dieses Vorhaben selbst nicht realisieren, doch trugen seine Ideen massgeblich zu einer Theaterausstellung in Magdeburg 1927 bei; auch mit den künstlerischen und volksbildnerischen Möglichkeiten des Films setzte er sich auseinander; seine kunstwissenschaftlich gewichtigste Leistung aber sind die grundlegenden Erkenntnisse über Raffael, die er in zahlreichen Abhandlungen brillant formulierte; auf der Flucht vor den Nazis starb Oskar Fischel in London; Werke (Auswahl): Tizian, 1904; Die Meisterwerke des Kaiser-Friedrich-Museums zu Berlin, 1912; Raphaels Zeichnungen, 8 Bände, Berlin 1913-1941; Raphael, 2 Bände, London 1948; Raphael, Berlin 1962
  • 19.7.1870: Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges
  • 21.7.1870-28.9.1932: Emil Orlik, geb. in Prag, gest. in Berlin, böhmischer Maler, Graphiker und Kunstgewerbler, Sohn des jüdischen Schneidermeisters Moritz Orlik und dessen Frau Anna, geborene Stein; seit 1905 Prof. an den Berliner Staatsschulen; besonders umfangreich sein grafisches Werk, das Bildnisse, Illustrationen, Reiseskizzen usw. umfasst; er entwarf auch im Auftrag des Kölner Schokoladeproduzenten Ludwig Stollwerck Sammelbilder für Stollwerck-Sammelalben
  • 29.7.1870: Leo Wolff geb. in Berlin; Kammergerichtsrat; 1924-1927 Vorsitzender, dann stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Berlin; Präsident des preussischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden

Bücher

  • Z. Frankel, Einleitung in den jerusalemischen Talmud, Breslau 1870 (hebr., Mabo ha-Jeruschalmi)
  • J. Hamburger, Real-Encyclopädie für Bibel und Talmud, 1870 (3. Auflage, 1896-1911, unter dem Titel Real-Encyclopädie des Judentums)
  • Albert Wiesinger, Arme Christen und Hungerleider, jüdische Kapitalisten und Geldvergeuder, Wien 1870
  • Alexandre Weill, Ma jeunesse, Paris 1870

Zeitungen und Zeitschriften

1870 in Wikipedia