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Das Unbewusste

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Das Unbewusste ist in der Psychologie jener Bereich der menschlichen Psyche, der dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist. Alltagssprachlich wird es oft als Unterbewusstsein bezeichnet. Die Tiefenpsychologie geht davon aus, dass unbewusste psychische Prozesse das menschliche Handeln, Denken und Fühlen entscheidend beeinflussen, und dass die Bewusstmachung unbewusster Vorgänge eine wesentliche Voraussetzung für die Therapie von Neurosen ist. Dagegen fallen unter die als das Vorbewusste bezeichnete psychische Region alle psychischen Vorgänge und Inhalte, die im Augenblick nicht aktiviert, aber im Gegensatz zum Unbewussten prinzipiell zugänglich sind und im Bedarfsfalle jederzeit wieder aktiviert werden können.

Das Unbewusste bei Freud

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, stellte zwei verschiedene und nicht ganz deckungsgleiche Modelle des psychischen Apparats auf: Zuerst das Modell Bewusstes/Vorbewusstes/Unbewusstes (topographisches Modell), später das Modell Ich/Es/Über-Ich (Strukturmodell der Psyche).

Bewusstes, Vorbewusstes und Unbewusstes

Freud kam auf der Grundlage der Erfahrungen, die er mit seinen Patienten machte, zunächst zu einer quasi räumlichen Unterscheidung dreier psychischer Bereiche der menschlichen Seele:

  1. Das Bewusste: Seine verschiedenen Inhalte können nach Belieben in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt und beiseitegelegt werden (Vorstellungen, Gedanken und Wahrnehmungen).
  2. Das Vorbewusste: Dies sind seelische Inhalte, auf die das Bewusstsein nicht sofort zugreifen kann, die jedoch durch Suchen nach Zusammenhängen auftauchen oder einem „einfallen“ (wie der Name eines länger nicht gesehenen Bekannten, den man auf der Straße trifft). Diese Inhalte sind relativ leicht zugängliche Gedächtnisinhalte.
  3. Das Unbewusste: Trotz willentlicher Anstrengung kann ein seelischer Inhalt nicht direkt bewusst gemacht werden; es bedarf hierzu des Handwerkszeugs bestimmter Methoden wie der psychoanalytischen Technik oder auch der, in der Freud'schen Psychoanalyse jedoch nicht mehr praktizierten, Hypnose. Nach Freud ist das Unbewusste des erwachsenen Menschen ein System, das vor allem aus verdrängten oder abgewehrten Bewusstseinsinhalten besteht. Das Unbewusste beinhaltet insbesondere die Triebe bzw. genauer deren psychische Vorstellungsrepräsentationen („Triebrepräsentanzen“). Diese unterliegen, so Freud, einer „Urverdrängung“, sind aber dennoch, auch ohne bewusstes Wissen der Individuen, handlungswirksam, indem sie sich dem Bewusstsein (Ich) in den Träumen symbolisch mitteilen und im Alltag u. a. durch die sog. Freud'schen Fehlleistungen durchzusetzen versuchen.

Es, Ich und Über-Ich

Freud kombinierte später die drei oben genannten Bereiche (bewusst, vorbewusst und unbewusst) seines ursprünglichen Seelenmodells mit einem weiteren, jedoch nicht ganz deckungsgleichen Strukturmodell der Psyche, das drei psychische „Instanzen“ unterscheidet: Es, Ich und Über-Ich. In diesem Modell der Psyche ist das Unbewusste weitgehend – jedoch nicht ganz – identisch mit dem Es, dem Bereich der natürlichen, d. h. im Erbgut eingespeicherten, angeborenen Triebe und Instinkte. Das Über-Ich im Gegensatz zu diesen demnach artspezifischen Inhalten der Psyche, gilt als die internalisierte Elternautorität, der Sitz von Erfahrungen, die die Individuen ab ihrer Geburt selbst erwerben, bzw. mittels Prägung in die dafür zuständige psychische Instanz verinnerlicht werden. Hierbei unterscheidet Freud diese Erfahrungen prinzipiell nach zwei Richtungen : a) solche, die die Instinkte und respektive das Es erweitern ohne mit ihm in einen Konflikt zu geraten. Und b) umgekehrt jene Erfahrungen, die den Instinkten zuwiderlaufen, sodass das Es mit vielen seiner Inhalte schließlich ins Unbewusste verdrängt werden kann, vor allem der Ideale, der Moral und des Gewissens.

Das Ich ist vor allem die Instanz des Bewusstseins und kann sich reflektierend sowohl mit seinen eigenen Inhalten als auch denen der beiden anderen psychischen Instanzen befassen und gegebenenfalls – sollte ein Konflikt bestehen (siehe [b]) – zwischen ihnen vermitteln. Darüber hinaus ist das Ich die Instanz, in der die Entscheidung über einen von Freud im Vorbewusstsein vermuteten Abwehrmechanismus gefällt wird. Dieser Abwehrmechanismus richtet sich gegen die Inhalte des Es, das eine Reihe angeborener Grundbedürfnisse beinhaltet. Die Abwehr kann bis zur vollständigen Verdrängung dieser Bedürfnisse ins Unbewusste führen, begleitet von ihrer Frustration und unter Umständen neurotischem Leiden. So ist es eines der Hauptanliegen der psychoanalytischen Behandlung, diese verdrängten Inhalte nach und nach wieder bewusst zu machen und es somit zu ermöglichen, die einmal gegen sie gefällte Entscheidung zu revidieren. Als Neurologe sah Freud die Bedürfnisse des Es, welche auch die psychische Energie (Libido) des Individuums lieferten, als somatisch, d. h. körperlich bedingt an und war bemüht, seine psychologischen Thesen mittels Befunden aus der biologischen Forschung abzusichern.

Unbewusstes und Neurose

Das Hauptanliegen der Psychoanalyse nach Freud ist die Aufhebung der zwischenmenschlichen Illusionen und die Wiederbewusstmachung jener psychischen Inhalte, die aufgrund von sittlicher Erziehung und/oder erlittener Traumata in das Unbewusste verdrängt wurden. Damit einher geht nach Freud die Behebung des mit der Verdrängung verbundenen neurotischen Leidens und der sinnlosen Destruktivität des Wiederholungszwangs. Denn das Verdrängte wirkt im Unbewussten unsichtbar weiter und führt so zu unerwünschtem Verhalten, zwischenmenschlichen Beziehungsstörungen und psychischem Leiden. Erst durch eine Bewusstmachung des Verdrängten vermag der Mensch sich von der Macht seines Unbewussten zu befreien. Das Ziel der Psychoanalyse fasste Freud deshalb in dem bekannt gewordenen Schlagwort zusammen: „Wo Es war, soll Ich werden.“ In einer anderen berühmten Formulierung geht es nach Freud in der Psychoanalyse darum, den Menschen zu unterstützen, „Herr im eigenen Hause zu werden“. Eine herausragende Rolle hierbei schrieb er der psychoanalytischen Traumdeutung zu. Das Unbewusste selbst stellt einen natürlichen Bestandteil der psychischen Organisation dar und ist insofern von den pathologischen Formen der Verdrängung zu unterscheiden.

Das Unbewusste bei Jung

Die von Carl Gustav Jung begründete „analytische Psychologie“, weist viele Ähnlichkeiten zur Freud'schen Psychoanalyse auf. Beide beschreiben die Möglichkeit der (Wieder-)Aufdeckung des Unbewussten durch die tiefenpsychologische Therapie. Eine Neuerung für die Theorie besteht in der Annahme eines „Kollektiven Unbewussten“ durch Jung. Dies steht zwar nicht im Widerspruch zu der Freud'schen Annahme von Inhalten des ES, die der Menschheit, weil angeboren, allgemein oder eben kollektiv wären – so u. a. die berühmten "Phallischen Symbole". Im Gegensatz zu Freud aber sah Jung das kollektive Unbewusste gewissermaßen als Lagerstätte der Erfahrungen an, die die Menschheit parallel zu ihrer Evolutionierung verinnerlicht habe.

Im kollektiven Unbewussten manifestieren sich die von Jung 1919 beschriebenen Archetypen. Die bedeutendsten sind: Animus und Anima (das Bild des Männlichen und das Bild des Weiblichen), Schatten (negative, sozial unerwünschte, unterdrückte Züge der Persönlichkeit), sowie der alte Weise und die alte Weise. Hinzu kommen die Symbole des Selbst als umfassender Ausdruck der Ganzheit der Psyche. Archetypen sind eines jeden Individuums präexistente unbewusste Form von Urbildern, welche die Psyche determinieren. Ein Mensch taucht aus dem kollektiven Unbewussten auf und seine Subjektivität entsteht durch einen Prozess der progressiven Integration von Animus und Anima, den Jung als Individuation bezeichnete.[1]

Jungs Konzeption des kollektiven Unbewussten sowie seine Erklärung der Archetypen als seine in ihm angesiedelten Urfiguren erweitern den Inhalt des Unbewussten um Elemente, die traditionell mythologischer bzw. religiöser Herkunft sind. Aufgrund dieser theoretischen Assimilation von Glaubensinhalten durch die Psychologie des Unbewussten hielt er es stets für notwendig, darauf hinzuweisen, dass er keine Aussagen religiöser Natur zu treffen beabsichtige, sondern sich lediglich als Psychologe äußere. Während Freud die Konstitution des Unbewussten tendenziell eher biographisch, durch Urverdrängung in der Ontogenese des Individuums zu begründen sucht und der Annahme ererbter Inhalte eher skeptisch gegenübersteht, ist es nach Jung geradezu geprägt durch phylogenetische Erfahrung. Ein bedeutsames Mittelglied zwischen beiden Auffassungen bieten – neben der genannten Urverdrängung und dem Ödipuskomplex – Freudsche Begriffsprägungen wie Urphantasie oder Urszene, in denen zentrale Erlebnisinhalte der psychosexuellen Entwicklung im Rahmen der Triebtheorie zu überindividuellen, phylogenetisch verankerten Konstanten des Unbewussten erklärt werden. Als solchen ist ihre Wirksamkeit im (ererbten) Triebleben begründet und daher vorrangig und unabhängig von konkreten Ereignissen der Lebensgeschichte zu betrachten. Im Gegensatz zu Freud umfasst das Unbewusste bei Jung jedoch auch Inhalte nicht-triebhafter (verdrängter oder abgewehrter) Natur.

Das Unbewusste bei Sartre

Jean-Paul Sartre hat als Philosoph des 20. Jahrhunderts und als Hauptvertreter des Existentialismus die freudsche Psychoanalyse in Frage gestellt. In seinem Hauptwerk, Das Sein und das Nichts, das als existentielle Psychoanalyse gesehen werden kann, kritisiert er die Erkenntnisse Freuds über das Unbewusste und bewertet sie als zumindest mangelhaft:

„Und woher ‚käme‘ denn das Bewusstsein, wenn es von irgend etwas ‚kommen‘ könnte? Aus den Dunkelzonen des Unbewussten? Wie können diese Dunkelzonen existieren und woraus gewinnen sie ihre Existenz? Wir können absolut nicht mehr verstehen, wie diese nicht-bewussten Gegebenheiten, die ihre Existenz nicht aus sich selbst gewinnen, fortbestehen und gleichzeitig nicht die Kraft finden, ein Bewusstsein hervorzubringen.“[2]

Für Sartre erstreckt sich das psychische Faktum deshalb vollständig auf das Bewusstsein:

„[…] Der grundlegende Entwurf [wird] vom Subjekt vollständig gelebt […] und [ist] als solcher total bewußt […]“, was aber nicht bedeute, so Sartre, „daß er von ihm zugleich erkannt werden muß, ganz im Gegenteil“[3]

Schließlich wird explizit auf den Unterschied zwischen Bewusstsein und Erkenntnis hingewiesen:

„Die Reflexion kann zwar, wie wir gesehen haben, als eine Quasi-Erkenntnis aufgefaßt werden. Aber was sie in jedem Augenblick erfaßt, ist nicht der reine Entwurf des Für-sich, wie er sich symbolisch – und oft in verschiedenen Weisen gleichzeitig – durch das von ihr wahrgenommene konkrete Verhalten ausdrückt: es ist das konkrete Verhalten selbst […].“[4]

Für das Unbewusste bleibt bei Sartre in seiner existentiellen Argumentation keine Lücke, insofern:

„[...]die Beziehung des Bewußtseins zum Körper [eine] existentielle Beziehung [ist] [und] [...] das Bewußtsein seinen Körper nur als Bewußtsein existieren kann.“[5]

Die Entdeckung des Unbewussten

„Hypnotische Séance“, Gemälde von Richard Bergh, 1887

Die historische und anthropologische Forschung zeigt, dass bereits in archaischen Gesellschaften Methoden (teilweise auch zur Behandlung psychischer Störungen) angewendet wurden, in denen Suggestion, also die Beeinflussung vor- oder unbewusster Prozesse, eine entscheidende Rolle spielt. Beispiele dafür sind etwa der Schamanismus, der Exorzismus, „Geistiges Heilen“ und religiöse Riten.

Gemeinsam ist diesen „magischen“ Behandlungsformen in der Regel die Annahme einer ‚unsichtbaren Welt‘ hinter der sichtbaren Alltagswelt, die als Quelle einer geheimen Kraft angesehen wird. Eine solche Annahme kann – in gewissem Sinne – als die früheste Form des später unter anderem von Freud angenommenen Unbewussten gelten. Den Zugang zu dieser – oft als lebensspendend betrachteten – Quelle wieder neu zu erschließen, erachteten die Heiler als maßgeblich für den Erfolg einer von ihnen durchgeführten Behandlung. Erst im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich aus diesen Praktiken die erste systematische Beschäftigung mit dem Unbewussten:

  • Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) war der Begründer der ersten „dynamischen Psychiatrie“ (ab 1775). Wie die Heiler der außereuropäischen Kulturen ging er von heilenden Kräften aus (magnetische Ströme, Fluidum, Rapport), die der Arzt im Patienten wieder anregen könne. Diese Kräfte nannte er – in Analogie zu den zeitgenössischen Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizität – „tierischen Magnetismus“.
  • Sein Schüler, der französische Artillerieoffizier Marquis de Puységur (1751–1825), entwickelte Mesmers Behandlungsform weiter zur Verabreichung eines sogenannten „magnetischen Schlafes“ bzw. der „magnetischen Hypnose“.
  • Der deutsche Arzt und Naturphilosoph Carl Gustav Carus (1789–1869), ein Freund Goethes, veröffentlichte 1846 das Buch Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Dort entwickelte er die Begriffe des „Unbewußten“ sowie des „Unbewußtseins“, wobei er diese spiritualistisch-romantisch als „göttliche Natur“ deutete.
  • 1869 veröffentlichte Eduard von Hartmann (1842–1906) sein Buch über die Philosophie des Unbewussten, welches zur Verbreitung und Popularisierung des Begriffs maßgeblich beitrug.
  • Der französische Neurologe Jean-Martin Charcot (1825–1893) untersuchte am Hôpital Salpêtrière in Paris die „traumatischen Lähmungen“ und erkannte mit Hilfe der Hypnose, dass ihnen keine organischen Störungen zugrunde liegen können: Unter hypnotischer Suggestion ließen sich die Lähmungen beheben. Sigmund Freud arbeitete 1885–1886 vier Monate an dieser berühmten französischen Klinik.
  • Der französische Philosophieprofessor, Arzt und Psychotherapeut Pierre Janet (1859–1947) war der Gründer eines „neuen Systems der dynamischen Psychiatrie“ (ab 1900). Sein Werk wurde zu einer der Hauptquellen für Freud, Alfred Adler und C. G. Jung.
  • Als ersten starken Beleg für die Existenz des Unbewussten sah Sigmund Freud (1856–1939) den Umstand an, dass sich das Phänomen der hysterischen Lähmung, mit dem Charcot in Paris experimentiert hatte, bei vielen der Betroffenen anhand hypnotisch suggerierter Befehle zeitweilig beheben lässt, ohne dass die Probanden eine Erklärung hierfür abzugeben wüssten. Rein physiologisch bedingte Ursachen der Lähmung waren somit ausgeschlossen; es wirken Prozesses, die sich dem bewussten Denken nicht ohne weiteres mitteilen. Nach anfänglichen Experimenten mit der bei Charcot erlernten Hypnosetechnik distanzierte er sich davon, da die suggestive Behebung psychosomatischer Symptome nicht von Dauer ist, und gründete stattdessen seine eigene Schule, die „Psychoanalyse“. Deren Erfolge beruhen nach Freud zum einen auf der vernunftgemäßen Einsicht, die der Patient im Laufe der Behandlung über die Ursache seiner Erkrankung gewinnt, und zum anderen auf der Möglichkeit, das neurotische Verhalten anhand der Diagnose in therapeutisch wirksamer Weise aus eigener Kraft zu ändern. Freuds Schriften und Einsichten in die psychische Dynamik sowohl der Individuen als auch ganzer Kulturen haben unsere heutige Auffassung vom Menschen grundlegend geprägt. Zu großer Popularität gelangten vor allem die „Freud'schen Versprecher“, die Freud – neben weiteren Arten von Fehlleistungen – ebenfalls als gute Belege für die Existenz unbewusster Motive und Vorgänge erachtete.
  • Die von Alfred Adler (1870–1937) entwickelte „Individualpsychologie“ unterscheidet sich von der Psychoanalyse grundlegend durch ihre pragmatische Theorie mit der Betonung der Unteilbarkeit des Individuums und der teleologischen und sozialen Orientierung des Menschen. Mit Freud nahm Adler jedoch an, dass die frühkindlich erlebten Situationen den Lebensstil des Erwachsenen unbewusst beeinflussen. Adlers Lehre hat die Neopsychoanalyse stark mitgeprägt.
  • Die von Carl Gustav Jung (1875–1961) begründete „analytische Psychologie“ unterscheidet sich von Freuds Psychoanalyse vor allem durch die große Bedeutung, die Jung den archetypischen Dimensionen des Unbewussten beimisst – den im Inneren verwurzelten Bildern früher Bezugspersonen („Imago“), oder dem das Individuum übersteigenden „kollektiven Unbewussten“. Einen allgemeinen Beleg für die Annahme eines Unbewussten fand Jung in seinen Assoziationsexperimenten. Dabei rief er Probanden einige genau festgelegte Wörter zu. Die Probanden sollten so schnell wie möglich mit dem erstbesten Einfall antworten, der ihnen in den Sinn kam. Bei diesen Experimenten fiel Jung auf, dass einige der von ihm vorgegebenen Wörter bei manchen Probanden merkwürdige Reaktionen auslösten. Die Assoziationen zu manchen Wörtern wurden gestört, waren zu langsam oder enthielten Inhalte, die auf einen konflikthaften Zusammenhang schließen ließen. (Zum Beispiel: Arzt: „Wolke“ – Proband: „Luft“. Aber: Arzt: „Mutter“ – Proband sehr spät: „Friedhof“). Aus diesem Zusammenhang schloss Jung, dass es abseits des Bewusstseins unbewusste, oft konflikthafte Zusammenhänge gebe, die er als „Komplexe“ bezeichnete.
  • Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981), der für die Entwicklung der Psychoanalyse in Frankreich eine zentrale Rolle spielte, widmete sich einer erneuten Lektüre der Schriften Freuds im Lichte der strukturalistischen Methode. Lacan betonte, auch vor dem Hintergrund der Freud'schen Theorie der Fehlleistung und des Witzes, dass das Unbewusste „wie eine Sprache“ strukturiert sei. Die Arbeit des Unbewussten erfolge nach linguistischen Gesetzen wie Metapher und Metonymie, Ersetzung und Verschiebung. Die entsprechenden Elemente des psychischen Geschehens nannte er Signifikanten, jedoch spiele neben dem sprachähnlich strukturierten Feld des Symbolischen auch das Imaginäre und das Reale eine zentrale Rolle im psychischen Apparat. Die eigentliche Strukturierungsleistung, und auch die psychoanalytische Kur, vollziehe sich aber auf dem Feld des Sprechens. Lacans Weiterentwicklung war vor allem für den Poststrukturalismus von prägender Bedeutung.

Das Unbewusste in der heutigen Tiefenpsychologie

Freuds Grundannahme, dass durch automatische, zumeist unbewusste Abwehrmechanismen Gedanken oder Impulse, welche Angst auslösen, aus dem Bewusstsein verdrängt werden, und unbewusst weiter wirken und sich als Krankheitssymptome ausdrücken können, wird von allen tiefenpsychologischen Schulrichtungen vertreten. Auch das Freud'sche Strukturmodell der Psyche mit der Annahme von Ich, Es und Überich als unterschiedliche Persönlichkeitsanteile ist aktuell. Freuds Theorien sind immer wieder bezweifelt und grundsätzlich in Frage gestellt, modifiziert, erweitert und bestätigt worden.

Somatische Aspekte des Unbewussten erkannte und studierte Freud seinerzeit noch weniger als die offensichtlicher zurückführbaren Kopplungen an Charakter und Verhalten. Die heutige psychosomatische Medizin geht davon aus, dass aus dem Bewusstsein verdrängte Inhalte sich in körperlichen und psychischen Krankheitssymptomen ausdrücken können. In der Körperpsychotherapie wird angenommen, dass sich das Unbewusste körperlich auswirken kann und dass körperliche Beeinflussung somatischer Symptome die Gegenenden der sensorischen Nerven direkt beeinflussen könnte. Ein Beispiel für die Anwendung dieser Grundannahme ist die Fußreflexzonentheorie. Alfred Adler beschritt hier den umgekehrten Weg, indem er Zusammenhänge zwischen physischen Defekten und daraus gegebenenfalls resultierenden psychischen Komplexen als Folge einer Überkompensation der körperlichen Schwächen vorstellte. Der Umkehrschluss, dass quasi Gedanken Körper würden heilen können, findet sich in Fachartikeln der pharmazeutischen Wissenschaften belegt als ungültig.

Stark gewandelt haben sich die Annahmen über die Inhalte des Unbewussten in den psychodynamischen Theorien. Die Verdrängung sexueller Impulse hat heute lange nicht mehr die Bedeutung wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie beeinflusst sich unter Rückkopplung von gesellschaftlichen Entwicklungen (wie der versuchten Enttabuisierung der Sexualität) und auch ihrer nachfolgenden Gegenbewegungen. Die psychodynamischen Theorien haben ihre stärksten Erweiterungen durch Forschungen in der Entwicklungspsychologie und durch die Psychotraumatologie erfahren. Heute arbeitet die Psychoanalyse nach wie vor mit einem Mehrpersonen-Modell der psychischen Entwicklung.

Empirische Forschungen an Säuglingen und Kleinkindern und ihren Interaktionen mit den Müttern legten nahe, dass sich in frühen Bindungserfahrungen ein Selbstbild entwickelt, welches aus einer Verbindung sensorischer Erinnerungen mit körperlichen und emotionalen Erlebnissen entsteht. Solche sensorischen Erinnerungen sind später kognitivem Bewusstsein kaum zugänglich und beeinflussen gerade deshalb Erleben und Verhalten.

Die Entwicklungspsychologie führte dazu, dass Freud'sche Annahmen verdrängter Triebimpulse durch neue Annahmen ersetzt werden sollten oder mit Begriffen ergänzt wurden, welche der Verdrängung schmerzhafter Täuschungen, etwa eines misslungenen Strebens nach Bedürfnisbefriedigung (als bildendem lernstrategischem Fehlschlag), größere Bedeutung beimessen. Dem Feststellen der Auswirkung einseitiger Erziehungsweise oder einer Überforderung durch die Eltern maß Freud seinerzeit noch weniger Aufwand an analytischer Aufarbeitung bei.

Die Psychotraumatologie geht davon aus, dass verdrängte traumatische Geschehnisse eine dramatische Auswirkung auf Selbstbild und Weltbild haben können. Frühkindliche traumatische Erlebnisse können demzufolge in einem der traumatischen Situation ähnlichen Augenblick, Panik und Hilflosigkeit auslösen.

Der Begriff „unbewusst“ wird auch in der psychologischen Generationsforschung verwendet. Hier meint er ein verdecktes, meist einschneidendes und traumatisches Erlebnis, das durch unterschwellige Verhaltensbeeinflussung generationsübergreifend weitergegeben werden kann, ohne dass das Ereignis selbst allgemein offen thematisiert wird. Dies kann von einzelnen Familien bis hin zu globalen Gemeinschaften jede Größenordnung sozialer Strukturen betreffen. Die durch verdrängte Gedanken und Erfahrungen hervorgebrachten Affekte kontemplatieren wo möglich genetisch prädispositionierte Strategien der unbedingten Bedürfnisbefriedigung (Instinkt) - in Ausnahmefällen bis zur pathologischen, völligen Überlagerung des Instinkts durch den kulturell übertragenen Komplex ("Erbsünde"). Die Memetik geht davon aus, dass dies auch zwischen nicht verwandten Individuen möglich sein würde. Dies begründet ein von dem rein pathologisierenden Ansatz absehendes Theorem der faktisch metaphysischen Kommunikation.

Das Unbewusste in der Kognitionspsychologie

Auch die Kognitionspsychologie verwendet den Begriff "unbewusst": „Viele kognitive Psychologen bestätigen inzwischen Freuds Ansicht, wonach ein großer Teil des menschlichen Verhaltens durch unbewusste Prozesse determiniert wird“[6]. Allerdings nehmen die meisten Kognitionspsychologen lediglich an, dass uns viele kognitive Prozesse oder Wahrnehmungen nicht bewusst sind. Die Freud'sche Konzeption eines Es als Instanz für verdrängte Triebe und Bedürfnisse lehnen sie in der Regel ab.

Das Unbewusste in der Neurowissenschaft

Die wissenschaftliche Diskussion über das Unbewusste wurde in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem von den empirischen neurowissenschaftlichen Studien von Antonio Damasio[7] sowie durch neurobiologische Forschungsergebnisse, die durch die neuen bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung möglich wurden, wiederbelebt. Dabei erfahren die tiefenpsychologischen Annahmen über die Bedeutung unbewusster Prozesse für das menschliche Erleben und Verhalten eine starke Aufwertung.[8]

Der von Freud ursprünglich angestrebte biologische Zugang zum Unbewussten wird jetzt durch die bildgebenden Verfahren möglich. So formulieren führende Neurowissenschaftler in einem gemeinsamen Manifest: „Wir haben herausgefunden, dass im menschlichen Gehirn neuronale Prozesse und bewusst erlebte geistig-psychische Zustände aufs Engste miteinander zusammenhängen und unbewusste Prozesse bewussten in bestimmter Weise vorausgehen.“[9]

Zitate

Der Begriff „unbewusst“ wurde schriftlich nachweisbar zuerst von Goethe 1777 in der älteren Version des Gedichts An den Mond gebraucht. Wahrscheinlich war er aber schon vorher im mündlichen Sprachgebrauch vorhanden.

  • Carl Gustav Jung: Archetypen dtv 1993.: „Ob ich nun an einen Dämon des Luftreichs glaube oder an einen Faktor im Unbewussten, welcher mir einen teuflischen Streich spielt, ist völlig irrelevant. Die Tatsache, dass der Mensch von fremden Mächten in seiner eingebildeten Einheitlichkeit bedroht ist, bleibt nach wie vor dieselbe.“
  • Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Erste Abteilung, III. Programm, §11-13: „Wenn man die Kühnheit hat, über das Unbewusste und Unergründliche zu sprechen: so kann man nur dessen Dasein, nicht dessen Tiefe bestimmen wollen.“
  • Jean Paul, ebd.: „Das Mächtigste im Dichter, welches seinen Werken die gute und die böse Seele einbläset, ist gerade das Unbewusste.“

Literatur

  • Antonio R. Damasio: Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins, München: List 2000, ISBN 3-548-60164-2.
  • Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. In: Gehirn & Geist, 6/2004.
  • Henri F. Ellenberger: Die Entdeckung des Unbewussten, Bern: Huber 1973, ISBN 3-456-30577-X, Neuauflage: Zürich: Diogenes 2005, ISBN 3-257-06503-5.
  • Sigmund Freud: Studienausgabe, 10 Bände, Frankfurt am Main: Fischer 1975 ff., darin u. a.: Bd. III: Psychologie des Unbewußten, ISBN 3-10-822723-8.
  • Carl Gustav Jung: Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewußten (1928) sowie: Über die Psychologie des Unbewußten (1943), beide in: Gesammelte Werke, Bd. 7: Zwei Schriften über Analytische Psychologie, Olten/Freiburg: Walter 1995, ISBN 3-530-40082-3.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Elisabeth Roudinesco und Michel Plon: Jung, Carl Gustav in: Dictionnaire de la Psychanalyse, 1997. Aus dem Französischen von Christoph Eissing-Christophersen u. a. Wörterbuch der Psychoanalyse. Springer Wien, 2004, S. 510–515, ISBN 3-211-83748-5
  2. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, Kapitel 1
  3. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 978
  4. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 978
  5. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 583
  6. Gerald C. Davison/John M. Neale/Martin Hautzinger: Klinische Psychologie, Weinheim: Belz 2002 (6., vollst. überarb. Auflage), ISBN 3-621-27458-8, S. 205 f.
  7. Antonio R. Damasio: Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins, München: List 2000, ISBN 3-548-60164-2
  8. Vgl. Christian Gottwald, in: Gustl Marlock/Halko Weiss: Handbuch der Körperpsychotherapie, Schattauer Verlag 2006, S. 119 ff.
  9. Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung“, in: Gehirn & Geist, 6/2004.
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