Jean Meslier

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Jean Meslier

Jean Meslier (geb. 15. Juni 1664 in Mazerny; gest. 17. Juni 1729 in Étrépigny) war ein französischer katholischer Priester (curé; abbé) im Zeitalter der Aufklärung, der eine radikale Kirchen- und Religionskritik verfasste.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Jean Meslier, der "Atheist im Priesterrock", ist für die Religionsgeschichte im Allgemeinen von grosser Bedeutung im Sinne eines nicht sklavischen Umgangs mit der "Heiligen Schrift" und als Beweis der Möglichkeit grosser gedanklicher Klarheit und Freiheit gegenüber Autoritäten und Gedankenpolizei, ein Held der Geistesgeschichte und zu Unrecht vergessen, auch wenn man seinen Schlussfolgerungen nicht immer zustimmen muss: Jean Meslier, geb. in Mazerny, gest. in Étrépigny (beides unbedeutende Nester in Nordfrankreich) war ein französischer katholischer Priester, der noch vor Julien Offray de La Mettrie (L'homme machine, 1748) von einem konsequent materialistischen, atheistischen Standpunkt aus eine radikale Kirchen- und Religionskritik schrieb.

Sein zu Lebzeiten nicht veröffentlichtes Manuskript zirkulierte im Verborgenen und übte so einen starken Einfluss auf die französischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts aus; eine ungekürzte Buchausgabe seines „Testaments“ konnte erst 1864 in Amsterdam erscheinen.

Jean Meslier wurde als Sohn eines Tuchhändlers in Mazerny in den Ardennen geboren. Im Alter von 25 Jahren wurde er Pfarrer des nahegelegenen Dorfes Étrépigny. Das Priesteramt übte er bis zu seinem Tod im Jahr 1729 aus. Meslier empörte sich über die schlechte Behandlung der Bauern seiner Gemeinde durch den adeligen Grundherrn de Toully und prangerte diese auch in seinen Predigten an.

Der Edelmann beschwerte sich beim zuständigen Bischof und postwendend erhielt der Pfarrer einen Verweis in Verbindung mit bestimmten Auflagen. Das änderte aber Mesliers Haltung und öffentliche Kritik nicht. Auf die erneuten Klagen des Grundherrn Toully hin wurde der Landpfarrer zum Erzbischof nach Reims zitiert und gründlich ins Gebet genommen, so gründlich, dass Meslier es nie wieder wagte, öffentlich Kritik zu üben (weiterhin offen antireligiös oder antifeudal aufzutreten, wäre lebensgefährlich gewesen, zu dieser Zeit endeten in Frankreich "Ketzer" noch auf dem Scheiterhaufen).

Der unter Druck gesetzte Dorfpfarrer dachte aber nicht daran, den Widerstand aufzugeben. Vielmehr fing er an, ein Doppelleben zu führen. Nach aussen tat er brav seinen Dienst, insgeheim aber sammelte er fleissig geistige Munition gegen das Ancien Régime: Tatsachen und Argumente, eigene und anderer Beobachtungen und Erfahrungen, Schlussfolgerungen. Im Laufe der Jahre wuchs das Manuskript auf weit über tausend Seiten an. Der Form nach eine Predigtreihe barocker Art, der Absicht nach ein Appell an alle "Leute von Geist und Autorität, die Partei der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu ergreifen und die schlimmen Irrtümer und Zustände, den abscheulichen Aberglauben und die ganze abscheuliche Tyrannei anzuprangern und zu bekämpfen, bis sie vernichtet wären". Seine Abrechnung hatte postum die Wirkung, die Meslier ihr zugedacht hatte. Er hatte dazu das Nötige getan: sein "Zeugnis der Wahrheit" eigenhändig vervielfältigt und erst kurz vor seinem Tod je eine Kopie in mehreren Pfarrämtern hinterlegt. Eine Zeitbombe, die pünktlich zündete. Schon bald kursierten Abschriften in Paris, natürlich klandestin. An die Drucklegung wagte sich niemand, denn das Buch wäre sofort beschlagnahmt und verbrannt worden. Für Leute mit Spürsinn und Geld war es dennoch nicht allzu schwierig, eine Abschrift zu ergattern.

Voltaire, der gemeinhin als die Verkörperung der Aufklärung gilt, war reich und findig genug, ein komplettes Manuskript aufzutreiben, und es spricht für Voltaire, dass er den Wert des Fundes erkannte: Er liess das "Zeugnis der Wahrheit" unter den Enzyklopädisten zirkulieren. Im Jahr 1762 liess Voltaire, ohne sich als Herausgeber zu erkennen zu geben, Auszüge aus Mesliers Werk publizieren. Diese Passagen sind im Original so voll ätzender Kritik, dass der auch nicht gerade für seine Zimperlichkeit bekannte Voltaire sie umschrieb und abmilderte, was ihren ursprünglichen Inhalt zum Teil entstellte.

Mesliers ursprünglicher radikaler Atheismus findet sich in der Ausgabe Voltaires zum vorsichtigen Deismus verwandelt. Auch Baron d'Holbach veröffentlichte ein Werk über Meslier und sein Testament.

Das Testament des Abbé Meslier

Das „Testament des Abbé Meslier“ macht Meslier zu einem der herausragenden Vorläufer des Zeitalters der Aufklärung. In der Neuzeit war Meslier der erste, der einen kompromisslosen Atheismus vertrat; gleichzeitig entwickelte Meslier frühzeitig einen rigorosen Materialismus und eine von anarchistischen und sozialistischen Gedanken geprägte Konzeption der Gesellschaft.

Im Folgenden einige wenige Werkauszüge (zitiert nach der von Gustav Mensching veranstalteten Ausgabe, suhrkamp Frankfurt, 1976, in der Übersetzung von Angelika Oppenheimer):

Originaltitel: "Mémoire des pensées et des sentiments de Jean Meslier, prêtre, curé d'Etrépigny et de Balaives sur une partie des erreurs et des abus de la conduite et du gouvernement des hommes où l'on voit des démonstrations claires et évidentes de la vanité et de la fausseté de toutes les divinités et de toutes les religions du monde pour être adressé à ses paroissiens après sa mort et pour leur servir de témoignage de vérité à eux et à tous leurs semblables" = "Vermächtnis der Gedanken und Ansichten von Jean Meslier, Priester, Pfarrer von Etrépigny und Balaives, über einen Teil der Irrtümer und Missstände in der Lenkung und Leitung der Menschen, worinnen sich klare und deutliche Beweise für die Eitelkeit und Falschheit aller Gottheiten und aller Religionen der Welt finden, das nach seinem Tode seinen Pfarrkindern zukommen soll, damit es ihnen und ihresgleichen als Zeugnis der Wahrheit diene".

Inhalt [Ausgabe unvollständig]

1) Vorrede: Die Absicht des Werkes

2) Gedanken und Ansichten des Autors über die Weltreligionen

3) Alle Religionen sind nichts als Irrtümer, Einbildung und Betrug

4) Erster Beweis für die Eitelkeit und Falschheit der Religionen, die allesamt nur menschliche Erfindungen sind

5) Weshalb die Politiker sich der Irrtümer und der Täuschungen der Religionen bedienen

8) Der Ursprung des Götzendienstes

9) Zweiter Beweis für die Eitelkeit und Falschheit der in Rede stehenden Religionen. Der Glaube, der allen Religionen als Grundlage dient, ist nichts als blinde Gläubigkeit und das Prinzip allen Irrtums, aller Illusionen und allen Betrugs

10) Der Glaube ist darüber hinaus auch noch eine Quelle und unselige Ursache von Unfrieden und ewiger Zwietracht unter den Menschen

14) Über die Unzuverlässigkeit der sogenannten Heiligen Schrift, die gefälscht und immer wieder verändert wurde

16) Die sogenannte Heilige Schrift weist nicht die geringste Spur von Wissenschaft oder gar von mehr als menschlicher Weisheit auf

17) Über die Widersprüche in den Evangelien

29) Fünfter Beweis für die Eitelkeit und Falschheit der christlichen Religion anhand der Irrtümer ihrer Lehre und ihrer Moral

30) Erster Irrtum ihrer Lehre, der die Dreifaltigkeit eines einzigen Gottes zum Inhalt hat

31) Zweiter Irrtum, die Fleischwerdung Gottes zum Menschen betreffend

32) Über Geist und Persönlichkeit Jesu Christi

33) Über seine Predigten

34) Das Christentum war in seinen Anfängen nichts anderes als ein niederträchtiger und verachtenswerter Fanatismus

35) Dritter Irrtum der christlichen Lehre: Götzendienst und Anbetung von Göttern aus Teig und Mehl in dem sogenannten Heiligen Sakrament

36) Vergleich der Weihe der Götter aus Teig und Mehl mit der Weihe von Göttern aus Holz und Stein oder Gold und Silber, die von Heiden verehrt werden

38) Vierter Irrtum, der die Erschaffung des ersten Menschen und die Erbsünde zum Inhalt hat

39) Fünfter Irrtum über die angebliche Lästerung und Beleidigung, welche die Menschen mit ihren Sünden Gott antun; über seinen angeblichen Unwillen und seinen Zorn, die sie dadurch erregen, und über die zeitlichen und ewigen Strafen, die er deshalb über sie verhängt

40) Die drei grundlegenden Irrtümer der christlichen Moral

41) Sechster Beweis für die Eitelkeit und Falschheit der christlichen Religion, hergeleitet aus den Missbräuchen, den rechtswidrigen Drangsalierungen und der Tyrannei der grossen Herren, die sie duldet oder gar rechtfertigt

42) Erster Missstand: das grosse und ungeheure Missverhältnis der Rangordnungen und Stände der Menschen, die von Natur aus alle gleich sind

43) Vom Ursprung des Adels

44) Zweiter Missstand, den die christliche Religion zulässt und rechtfertigt und der darin besteht, dass es so viele Arten von Rängen und Ständen fauler Leute gibt, oder solcher, deren Beschäftigungen von keiner Nützlichkeit auf dieser Welt sind, von denen einige nur dazu dienen, das Volk auszupressen, auszuplündern, zu unterjochen und zugrundezurichten

45) Ein weiterer Missstand, der darin besteht, dass die christliche Religion so viele Geistliche und namentlich so viele unnütze Mönche duldet und zulässt

46) Ebenso ist es ein Missstand zu dulden, dass diese Leute so viele gewaltige Reichtümer besitzen, obwohl sie Armut geloben

47) Ein weiterer Missstand: dass sie so viele Bettelmönche duldet, die doch arbeiten und sich selbst ernähren könnten

48) Der dritte Missstand besteht darin, dass die Menschen sich die Güter der Erde als Einzelne aneignen, anstatt sie gemeinsam zu geniessen, was eine Unzahl von Übeln und ungeheures Elend auf der Welt hervorbringt

49) Weiterer Missstand: die eitle und beleidigende Unterscheidung in Geschlechter und von den Übeln, die daraus erwachsen

50) Über den Missstand, der von der Unauflöslichkeit der Ehe herrührt, und die Übel, die er mit sich bringt

51) Über den grossen Nutzen und die grossen Vorteile, die alle Menschen davon hätten, wenn sie friedlich zusammenlebten und alle gemeinsam die Annehmlichkeiten und Gaben des Lebens nutzten

52) Die Gemeinschaft der ersten Christen ist heutzutage bei ihnenabgestorben

53) Der Missstand der Willkürherrschaft der Könige und Fürsten auf der ganzen Welt

54) Über die Gewaltherrschaft der Könige Frankreichs, die ihr Volk elend undunglücklich macht

59) Siebter Beweis für die Eitelkeit und Falschheit der Religionen, gewonnen aus der ebenso falschen Überzeugung der Menschen, die an die Existenz von Göttern glauben

64) Weder die Schönheit noch die Ordnung noch die Vollkommenheit der Werke der Natur sind auch nur der geringste Beweis für die Existenz eines Gottes, der sie geschaffen haben soll

66) Es ist unnütz, auf die Existenz eines allmächtigen Gottes zurückzugreifen, um die Natur und die Entstehung der natürlichen Dinge zu erklären

67) Das Sein, Raum und Zeit, wie auch die Ausdehnung können nicht geschaffen sein, und folglich gibt es keinen Schöpfer

68) Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Dinge hängt nicht im geringsten vom Willen oder der Macht irgendeiner anderen Ursache ab

69) Auch die ersten und grundlegenden Wahrheiten sind ewig und hängen von keiner anderen Ursache ab

70) Die Schöpfung ist unmöglich und nichts kann geschaffen worden sein

71) Das Sein oder, was dasselbe ist, die Materie kann nur aus sich selbst Existenz und Bewegung erhalten haben

81) Zum Begriff der Kausalität

96) Schlussfolgerungen aus diesem ganzen Werk

97) Der Autor legt Berufung wegen Gewaltmissbrauchs ein gegen alle Beschimpfungen, schlechte Behandlungen und alle unrechtmässigen Verfahren, die man gegen ihn nach seinem Tode einleiten könnte, und er legt seine Berufung wegen Gewaltmissbrauchs allein bei dem Tribunal der unfehlbaren Vernunft, vor allen vernünftigen und aufgeklärten Menschen ein und lehnt als Richter in dieser Sache alle Unwissenden, alle Frömmler, alle Anhänger und Begünstiger von Irrtum und Aberglauben ab, ebenso wie alle Schmeichler und Günstlinge der Tyrannen und alle diejenigen, die in ihrem Solde stehen ...

Auszüge

Werkausgaben

Literatur

Weblinks


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