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Erich Fromm

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Erich Fromm 1970

Erich Fromm (geb. 23. März 1900 in Frankfurt am Main; gest. 18. März 1980 in Muralto, Tessin) war ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.

Leben

Erich Fromm stammte aus einer streng religiösen jüdischen Familie, aus der zahlreiche Rabbiner hervorgegangen waren. Auch er wollte ursprünglich diese Laufbahn einschlagen. In Frankfurt aufgewachsen, wo er 1918 am Wöhler-Realgymnasium sein Abitur machte, studierte er aber dort zunächst Jura, wechselte dann zum Soziologiestudium nach Heidelberg und promovierte dort 1922 bei Alfred Weber über Das jüdische Gesetz. In dieser Zeit engagierte er sich im K.J.V., einem Organisationsverband zionistischer Studentenverbindungen, in seinem späteren Leben wandte er sich jedoch von der Idee des Zionismus ab.[1] Bis 1925 nahm er außerdem Talmudunterricht bei Rabbi Rabinkow. 1926 heiratete er die Psychoanalytikerin Frieda Reichmann. Ende der 1920er Jahre begann Fromm am Berliner Psychoanalytischen Institut bei einem nichtärztlichen Freud-Schüler, dem Juristen Hanns Sachs, eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. In dieser Zeit gaben er und seine Frau ihre orthodox-jüdische Lebensweise auf. Ab 1929 praktizierte Fromm, da er kein Mediziner war, als sogenannter Laienanalytiker in Berlin.

Seit 1930 war er für das Frankfurter Institut für Sozialforschung als Leiter der Sozialpsychologischen Abteilung tätig. Zugleich gehörte er dem Berliner Zirkel marxistischer Psychoanalytiker um Wilhelm Reich und Otto Fenichel an und trug mit einigen Publikationen zur Theoriebildung des Freudomarxismus bei. 1931 trennte er sich von Frieda Reichmann, blieb ihr jedoch weiterhin freundschaftlich verbunden (Scheidung erst 1942).

Nach der Machtergreifung Hitlers zog er zunächst nach Genf und emigrierte im Mai 1934 in die Vereinigten Staaten, wo er an der Columbia University in New York tätig war. Ende 1939 trennte er sich nach verschiedenen Konflikten vom Institut für Sozialforschung, nachdem er über viele Jahre einer der wichtigsten Mitarbeiter gewesen war. Er wurde am 25. Mai 1940 US-amerikanischer Staatsbürger. 1944 heiratete er die deutsch-jüdische Emigrantin Henny Gurland.

1950 siedelte er nach Mexiko-Stadt über und lehrte an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM). Nachdem seine Frau Henny 1952 überraschend gestorben war, heiratete er 1953 die US-Amerikanerin Annis Freeman. Ab 1957 beteiligte er sich an der US-amerikanischen Friedensbewegung. Er geriet auch in die Akten des FBI.[2] Er selbst hat immer einen humanistischen, demokratischen Sozialismus vertreten. 1965 wurde Fromm emeritiert; 1974 verlegte er seinen Wohnsitz nach Muralto (Tessin).

Seine Beiträge zur Psychoanalyse, zur Religionspsychologie und zur Gesellschaftskritik haben ihn als einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts etabliert, auch wenn er in der akademischen Welt oft unterschätzt wurde. Viele seiner Bücher wurden zu Bestsellern; seine Gedanken wurden auch außerhalb der Fachwelt breit diskutiert.

In den Jahren 1966, 1977 und 1978 erlitt er jeweils einen Herzinfarkt. Fromm starb in Folge eines weiteren Herzinfarkts 1980, wenige Tage vor dem Erscheinen der zehnbändigen Gesamtausgabe seiner Werke. Er wurde in Bellinzona (Schweiz) eingeäschert.

1979 wurde Fromm mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet, im Jahr 1981 wurde ihm posthum die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main verliehen.

Der literarische Rechte- und Nachlassverwalter Fromms ist der Psychoanalytiker Rainer Funk, der bei Fromm über Sozialpsychologie und Ethik promoviert wurde und sein letzter Assistent war.

Funk hat im Herbst 2005 im Fromm Forum einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel Erleben von Ohnmacht im Dritten Reich – Das Schicksal der jüdischen Verwandtschaft Erich Fromms aufgezeigt an Dokumenten.[3]

Werk und Wirkung

Normativer Humanismus

Noch in den 1950er Jahren folgten die meisten Geisteswissenschaftler dem sogenannten soziologischen Relativismus: Sie waren davon überzeugt, dass der Mensch fast unbegrenzt formbar sei und unter fast allen Bedingungen leben könne. Daraus zogen sie zwei Schlüsse: Eine Gesellschaft, die in den Grundzügen funktioniere, sei gesund. Für psychische Störungen seien Fehler im Individuum verantwortlich; die Betroffenen seien einfach nicht anpassungsfähig genug.

Fromm vertrat demgegenüber einen normativen Humanismus: Der Mensch hat nach Fromm nicht nur physische, sondern auch psychische Grundbedürfnisse, die in seiner Existenz wurzeln. Hieraus ergibt sich, dass für die psychische Gesundheit des Menschen universelle Kriterien gelten, die vom gesellschaftlichen System entweder gefördert oder unterdrückt werden können. Der Gesundheitszustand einer Gesellschaft kann somit untersucht werden.

Zwar kann der Mensch tatsächlich unter vielerlei Bedingungen leben, doch wenn sie seiner menschlichen Natur zuwiderlaufen, reagiert er darauf, indem er die bestehenden Verhältnisse entweder ändert oder seinen vernunftbedingten menschlichen Fähigkeiten entsagt, also sozusagen „abstumpft“.

Prägung des Individuums durch die Gesellschaft

Fromm stellt sich die Frage, „wie es möglich ist, dass die in einer Gesellschaft herrschende Gewalt tatsächlich so wirkungsvoll ist, wie uns das die Geschichte zeigt“ (alle Zitate aus „Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie“, 1936). Einerseits sei die äußere Gewalt „ein unerlässlicher Bestandteil für das Zustandekommen der Fügsamkeit und Unterwerfung der Masse unter diese Autorität“, andererseits könne die Gesellschaft (Fromm spielt konkret auf den Nationalsozialismus an) nicht nur „aus Angst vor den physischen Gewaltmitteln“ funktionieren. Fromm entwickelt daraus in kritischer Abwandlung von Freud die Theorie des autoritären Charakters: „Die äußere in der Gesellschaft wirksame Gewalt tritt dem in der Familie aufwachsenden Kind in der Person der Eltern und […] speziell der des Vaters gegenüber.“ Und: „Der Familienvater ist zwar dem Kind gegenüber (zeitlich gesehen) der erste Vermittler der gesellschaftlichen Autorität, ist aber (inhaltlich gesehen) nicht ihr Vorbild, sondern ihr Abbild.“ So hebt Fromm die Sicht Freuds auf die Entstehung des psychischen Apparates und speziell des Über-Ichs aus der Enge der Kleinfamilie heraus und leitet die Entstehung des Über-Ichs aus der gesellschaftlichen Gewalt ab, die den Vater autorisiere, das Über-Ich des Kindes aufzurichten. Umgekehrt enthalten für Fromm die gesellschaftlichen Autoritäten immer auch persönliche Über-Ich-Qualitäten, zu sehen beispielsweise in der Rede vom Landesvater oder von Politikern, die Kinder auf den Arm nehmen und Ähnliches.

Kulturell vorgeprägte Defekte

Unter einem Defekt leidet ein Mensch dann, wenn es ihm an einer Eigenschaft mangelt, die als spezifisch menschlich gilt. Geht man beispielsweise davon aus, dass Spontanität ein Ziel ist, das jeder Mensch erreichen sollte, so leidet ein Mensch, der sein Selbst nicht gut veräußern kann und völlig unspontan ist, an einem Defekt, der als Neurose wahrgenommen werden kann.

Wie es der Gesellschaft möglich ist, bestimmte Grundbedürfnisse des Menschen zu fördern oder zu unterdrücken, können auch psychische Defekte durch die Kultur hervorgebracht werden. Da nun die Mehrheit der Mitglieder einer Gesellschaft an gewissen Defekten leidet, werden diese als Normalität wahrgenommen und der Einzelne setzt sie sich sogar zum Ziel, um einem Außenseitertum aus dem Weg zu gehen: „Was [dem Einzelnen] an innerem Reichtum und an echtem Glücksgefühl verlorengegangen sein mag, wird durch die Sicherheit kompensiert, die das Gefühl gibt, zur übrigen Menschheit zu passen – so wie er sie kennt.“

Dieses Zugehörigkeitsgefühl verhindert zu einem entscheidenden Teil die Fortentwicklung des Defekts in eine tatsächlich wahrgenommene Neurose. Ferner liefert die Gesellschaft diverse „Gegenmittel“, um den Ausbruch einer Krankheit zu vermeiden. Fromm spricht in diesem Zusammenhang von „kulturellen Opiaten“, wie Fernsehen, Radio oder Sportveranstaltungen. Würde man den Menschen diese Opiate schlagartig für einen längeren Zeitraum verweigern, wäre der Ausbruch der psychischen Krankheit rasch in Form von Nervenzusammenbrüchen und akuten Angstzuständen beobachtbar.

Innerfamiliäre Prägung

Die starke Beeinflussung des Einzelnen durch die Gesellschaft definiert automatisch die Bedingungen des familiären Rahmens und gestaltet folglich zu einem entscheidenden Teil das Klima innerhalb der Familie.

Der enge emotionale Austausch der Kinder mit den Eltern hat für die gesellschaftliche Beeinflussung zweierlei zur Folge: (1) Einerseits wird die Familie zur wichtigsten Institution für den Fortbestand der Gesellschaft. Um diesen zu gewährleisten, müssen bestimmte Erfordernisse wie Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Anpassungsfähigkeit usw. nicht nur befolgt, sondern als eigenständige Charakterstrukturen und somit als eigener Wille verinnerlicht werden. Dieser sogenannte Gesellschafts-Charakter spiegelt sich in den Eltern und wird hierdurch auf direktem Wege an das Kind vermittelt. (2) Zum anderen wird auf diese Weise auch die bestehende Problematik der Eltern zu ihrer Umwelt auf das Kind übertragen. Da sich die Individualität aus den Interaktionen mit den frühen Bezugspersonen bzw. der Umwelt im Allgemeinen herauskristallisiert, kann die Selbstwerdung des Kindes als ein Weg von außen nach innen gesehen werden. Fühlen sich diese Bezugspersonen nun auf eine Art und Weise von den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen verunsichert und leiden hierdurch sogar an einer psychischen Störung, so überträgt sich diese in das Selbst des Kindes. Gleichermaßen geben die Eltern ihre Defekte und die Methode, diese durch kulturelle Opiate zu kompensieren, an das Kind weiter. Krankhafte Lebensweisen werden somit schon im Kindesalter als Normalität aufgefasst.

Die Situation des Menschen

Tiere leben in einer vollkommenen Harmonie mit der Natur. Sie leben unter Bedingungen, die sie als gegeben hinnehmen und mit denen sie somit fertig werden können. Im Gegensatz zum Tier hat sich im Menschen durch die ihm gegebene Vernunft die Fähigkeit entwickelt, seine Umwelt zu transzendieren und somit über die Oberfläche der ihn umgebenden Gegebenheiten hinaus zu gelangen. Er hat sich über die Natur erhoben und kann sie in gewissen Maßen erschaffen und beherrschen. Diese höchste Gabe des Menschen ist zugleich sein Fluch. Ganz pragmatisch lässt er sich als Anomalie der Natur beschreiben, denn im Menschen ist sich „das Leben […] seiner selbst bewußt“ geworden. So weiß er nicht nur von der Zufälligkeit seines Daseins, sondern auch von der Begrenztheit seines Lebens. Obwohl er noch immer ein Teil der Natur ist, ist er auch aus ihr verstoßen und die Harmonie mit ihr ist für immer verloren. Durch diese Erkenntnis entsteht im Menschen ein großes Gefühl der Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. Er muss selbst leben und Entscheidungen treffen und jeder Schritt in eine andere Richtung ist angsterregend, weil man bereits bekannte und somit sichere Zustände verlässt. Das größte Problem des Menschen ist seine reine Existenz. (Vergleiche dazu auch das Für-sich-Sein von Jean Paul Sartre.)

Das menschliche Leben ist von einer unüberwindbaren Polarität zwischen Regression und Progression beherrscht: Auf der einen Seite steht die Sehnsucht nach der verlorenen Harmonie mit der Natur, die in seiner einst besessenen tierischen Existenz waltet. Auf der anderen Seite strebt er nach dem „Erreichen einer menschlichen Existenz“, die seinen vernunftbedingten Fähigkeiten entspricht und ihm die Lösung des Problems seiner Existenz verspricht. Dieser Zustand bringt ihn auf eine ständige Suche nach Harmonie und macht ein statisches Dasein unmöglich. Sind die tierischen Bedürfnisse (Hunger, Schlaf, Sexus etc.) erst befriedigt, treten die spezifisch menschlichen Bedürfnisse in den Vordergrund: „Alle Leidenschaften und Strebungen des Menschen sind Versuche, eine Antwort auf seine Existenz zu finden, oder man könnte auch sagen, sie sind Versuche, der Geisteskrankheit zu entgehen.“

Die seelischen Grundbedürfnisse des Menschen

Durch die besondere Rolle des Menschen zur Natur, die ihn zu einer gewissen Heimatlosigkeit verdammt, ist es für den Menschen besonders wichtig, einen Weg zu finden, sich in der Welt zu orientieren und so in eine neue Beziehung mit ihr zu treten. Alle Leidenschaften des Menschen dienen letztlich dem Ziel, die Heimatlosigkeit zu verringern.

Die seelischen Grundbedürfnisse sind rein psychologischer Natur und ergeben sich aus der menschlichen Gesamtpersönlichkeit und seiner empirischen Lebenspraxis. Im Gegensatz zu Freuds Libido haben sie also keinen physischen Ursprung.

Zur Befriedigung seiner Bedürfnisse stehen dem Menschen prinzipiell zwei Möglichkeiten offen, denn der Mensch ist aus humanistischer Sicht nicht von Natur aus gut oder schlecht. Die menschliche Existenz birgt beide Wege als Möglichkeit der Entwicklung in sich. Gegensätzliche Leidenschaften wie Liebe und Hass sind demnach keine unabhängig voneinander existierenden Größen, sondern müssen als Antwort auf dieselbe Frage betrachtet werden. Der Unterschied liegt bloß darin, dass nur ersteres zu Glück führen kann. Im Folgenden sollen die Grundbedürfnisse des Menschen kurz dargestellt werden.

Identitätserleben durch Individualität oder Konformität

Sich selbst als „Ich“, also als getrenntes Wesen zu seiner Umwelt zu empfinden, ist nicht nur ein philosophisches Problem, sondern auch eine wichtige Voraussetzung seelischer Gesundheit. Da der Mensch selbstständig und ohne natürliche Wurzeln leben muss, muss er sich ein Bild von sich selbst machen können. Hierin liegt die Voraussetzung für jegliche Transzendenz, denn nur so kann sich der Mensch als Subjekt seines Handelns erleben und sich seiner selbst als ein eigenständiges Wesen bewusst sein.

Das Bedürfnis nach einem Identitätserleben ist so essentiell, dass es manchmal in Form einer übertriebenen Konformität Ausdruck erhält, in der ein Mensch sogar bereit ist, sein Leben zu opfern, nur um mit der Bezugsgruppe konform zu gehen und auf diese Weise ein Identitätsgefühl zu erlangen. Das Identitätserleben kann auf diese Weise jedoch immer nur illusorisch sein.

Bezogenheit durch Liebe oder Narzissmus

Sich mit anderen Menschen zu vereinigen, dient dem Einzelnen als wichtigstes Mittel, die Zufälligkeit und Einsamkeit seiner Existenz regulieren zu können. Zu sich selbst und anderen ein Gefühl der Bezogenheit zu entwickeln ist somit nicht nur ein menschliches Grundbedürfnis, sondern überhaupt Voraussetzung für seelische Gesundheit.

Die höchste Erfüllung bietet in dieser Hinsicht die Liebe: Sie ist der einzige Weg, „mit der Welt eins zu werden und gleichzeitig ein Gefühl der Integrität und Individualität zu erlangen“. In der Liebe vereinigt sich der Mensch mit einem anderen Wesen, bewahrt jedoch gleichzeitig die Integrität des eigenen Selbst, also seine Gesondertheit. Die Liebe zwischen zwei Menschen in der Partnerschaft entsteht permanent von neuem durch die transzendente Polarität von Getrennt-Sein und Vereinigung. Zudem besteht der individuelle Egoismus in so geringem Maße, dass die Bedürfnisse des anderen als genauso wichtig wie die eigenen empfunden werden.

Die Liebe steht im Gegensatz zum sekundären Narzissmus: In diesem war es dem Einzelnen nicht möglich, den primären Narzissmus des Kindes zu überwinden, wodurch die Umwelt nach wie vor als bloßes Mittel benutzt wird, die eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Narzissten neigen dazu, einen Bezug zu ihrer Umwelt dadurch zu gewinnen, dass sie Macht über sie erlangen. Dadurch ist es ihnen jedoch nur möglich, eine gewisse Einheit herzustellen, während jegliches Gefühl echter Integration zerstört wird.

Ein weiterer Weg sich mit der Welt zu vereinigen bietet die Möglichkeit, sich einer Gruppe, einem Gott etc. zu unterwerfen. Hierdurch kann der Einzelne das Gefühl von Isolation überwinden und er erlangt das Gefühl, Teil der großen Macht zu sein, mit der er sich vereint hat.

Transzendenz durch Kreativität oder Destruktivität

Der Mensch verfügt über Vernunft und Vorstellungsvermögen und diese Eigenschaften machen es ihm unmöglich, eine rein passive Rolle in der Welt einzunehmen. Indem er selbst die Rolle des Schöpfers einnimmt, kann er seine Zufälligkeit und das kreatürliche Dasein überwinden. Wer seinem Schaffen mit Fürsorge und Liebe gegenübertritt, kann sich und seine Umwelt auf diese Weise transzendieren.

Auch in der Zerstörung lässt sich das menschliche Selbst transzendieren, doch kann das Zerstören stets nur die mindere Alternative zum Erschaffen sein für Menschen, die zur Transzendierung des Selbst nicht fähig waren. Nur das kreative Schaffen kann zum Glück führen, während Destruktivität Leid in sich birgt, vor allem für den Zerstörer selbst.

Verwurzelung durch Brüderlichkeit oder Inzest

Um den Verlust der natürlichen Wurzeln zu überwinden braucht der Mensch neue menschliche Wurzeln, um sich in der Welt wieder zu Hause fühlen zu können. In dieser Hinsicht bietet die Mutter-Kind-Beziehung den höchsten Grad möglicher Verwurzelung. Die Tiefe des Gefühls von Sicherheit, Wärme und Schutz ist hier so stark, dass auch im Erwachsenenalter eine Sehnsucht danach bestehen bleibt. Letztendlich übernehmen Institutionen wie der Staat, die Kirche, die Gruppe usw. im Erwachsenalter für den Einzelnen die Funktion, ein Gefühl der Verwurzelung zu ermöglichen, sodass der Mensch sich als Teil einer Einheit statt als isoliertes Individuum wahrnehmen kann.

Die Abnabelung von der Mutter ist ein beängstigender, doch notwendiger Prozess zur Menschwerdung des Einzelnen. Nur so ist es dem Menschen möglich, Fortschritte zu machen und sich zu entwickeln. Im Gegensatz zu Freud deutet Fromm die Mutterbindung und den Ödipuskomplex auf emotionaler statt auf sexueller Ebene. In dieser Hinsicht erhält das Inzesttabu insgesamt eine neue Bedeutung, da es nicht nur ein sexuelles Verlangen des Kindes zu einem Elternteil untersagt, sondern auch das Verharren im schützenden mütterlichen Bereich, was eine kulturelle Entwicklung unmöglich machen würde.

Die Situation des Menschen im postmodernen Kapitalismus

Der Wandel des Gesellschafts-Charakters

In der Entwicklung der Menschheit gab es wohl noch nie ein größeres Maß an Freiheit als in der heutigen westlichen Gesellschaft. Die Menschen leben in materiellem Komfort, haben viel Freizeit und verfügen über eine große Auswahl an Berufen und Lebensstilen. Doch mit wachsendem Wohlstand haben auch die psychosozialen Störungen erheblich zugenommen.

Der Gesellschafts-Charakter gibt dem Menschen gewisse Denk- und Verhaltensstrukturen vor. Diese sind von der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder als Werte und Normen eingefleischt und gewährleisten dadurch den Fortbestand der Kultur. Während noch vor einem Jahrhundert das Wirtschaftswesen auf Charaktere ausgerichtet war, die andere für den größtmöglichen Profit ausbeuten und keinen Konkurrenzkampf scheuen, scheinen im heutigen Gesellschafts-Charakter Teamfähigkeit und Konformität zunehmende Bedeutung zu erhalten.

Obwohl die Selbstverantwortung des Einzelnen stark unterstrichen wird, wird gleichzeitig durch die rasche wirtschaftliche und technische Entwicklung erwartet, dass man in hohem Maße flexibel bleibt. Gab es früher offene Autoritäten, gegen die man sich auflehnen konnte (der König, der Chef etc.), ist heute keine persönliche Machtquelle mehr ausfindig zu machen. Alle Macht scheint sich entpersonalisiert zu haben und ist höchstens noch als anonymer Markt fassbar, für dessen Wirkungsweise die Gesetze von Angebot und Nachfrage gelten und somit kein Einzelner belangt werden kann. Aus der mechanisch fortlaufenden Anonymität heraus entspringt die Erwartungshaltung, das tun zu sollen, was alle anderen auch tun.

Der Verlust von Individualität und Identität führt zu höchster Konformität, die in unserer Gesellschaft extrem auffällig ist. Egal ob der Einzelne intelligent oder dumm, gesellschaftlich hoch oder niedrig gestellt ist, alle scheinen denselben Lebensrhythmus zu haben: Alle lesen dieselben Zeitungen und Bücher, sehen sich dieselben Filme und Sendungen im Fernsehen an. Da das Verlangen nach möglichst viel Profit dem schlichten Wunsch nach einem geregelten Einkommen gewichen ist, arbeiten zudem alle im selben Rhythmus. Vor allem aber produzieren und konsumieren die Menschen, ohne Fragen zu stellen und scheinen es regelrecht zu vermeiden, Begebenheiten, Ursprünge und Gesamtzusammenhänge in Erfahrung zu bringen. An die Stelle eines individuellen Gewissens ist das Verlangen getreten, sich möglichst gut anzupassen und dafür Anerkennung durch andere zu erhalten.

Die moderne Zivilisation scheint die tiefen Bedürfnisse des Menschen also vor allem in Bezug auf ein echtes Identitätserleben nicht zu befriedigen und mit ihrem übergroßen Maß an individueller Freiheit und Wohlstand eher „das Gefühl einer intensiven Langeweile“ und Orientierungslosigkeit zu verursachen. Die Menschen der heutigen Gesellschaft müssen nicht mehr für sexuelle oder politische Freiheit kämpfen; sie sind heute „nicht mehr in Gefahr zu Sklaven zu werden, sondern zu Robotern“.

Der entfremdete Mensch – Psychosoziale Störungen im Kontext des etablierten Gesellschafts-Charakters

Im 19. Jh. definierten Hegel und Marx einen Menschen als von sich selbst entfremdet, wenn ihm „die eigene Tat [...] zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht“[4]. Die Entfremdung des Menschen zu sich selbst, seinen Handlungen und dadurch notwendigerweise auch zu seiner Umwelt, ist in der modernen Gesellschaft zu einem zentralen Problem geworden. Im Folgenden soll die Situation des Menschen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.

Der Mensch als abstrakte Größe

Der einzelne Mensch wird in der heutigen Gesellschaft und Wirtschaftswelt vorwiegend als unpersönliches Einzelteilchen wahrgenommen statt als individuelle Persönlichkeit. Egal ob im Unternehmen oder in der Konsumwelt, er ist zu einer abstrakten Größe geworden, die sich in Zahlen ausdrücken lässt und somit berechnet werden kann. Ein gutes Beispiel ist der typische Bürokrat. Für ihn existieren die Mitmenschen, über deren Schicksal er möglicherweise entscheidet, nur als Objekte und Zahlen auf dem Papier. Dies ermöglicht ihm, ohne Anteilnahme oder zwischenmenschliche Gefühle wie Sympathie oder Antipathie, Entscheidungen über sie zu fällen. Ebenso geht es dem Großunternehmer, der mit nur einer Unterschrift 100 Menschen entlassen kann, ohne diese je kennen gelernt zu haben und von ihren Lebensumständen zu wissen. Nur ob sie die Anforderungen erfüllen oder nicht, ist entscheidend.

Eine maßgebliche Ursache für die Abstraktion des Menschen ist das Streben nach größtmöglicher Effizienz, das für den Kapitalismus so charakteristisch ist. Vor allem durch die stetige Zunahme von Großkonzernen und dem damit verbundenen Verschwinden kleiner Betriebe wird der Einzelne vorwiegend nach seinem „Marktwert“ beurteilt und kann wie die kaputte Schraube einer Maschine beliebig ausgetauscht werden. Eine weitere Auswirkung dieser gesteigerten Produktivitätsverhältnisse ist eine sich immer mehr verzweigende Arbeitsteilung, die dem Einzelnen den Bezug zu seiner Arbeit nimmt. Im humanistischen Sinne dient die Arbeit der Menschwerdung des Einzelnen. Indem er die Natur beherrscht und gestaltet, kann er einen Weg finden, sich mit ihr zu vereinigen und gelangt durch diesen fortwährenden Entwicklungsprozess zu Individualität. Für die meisten Menschen der heutigen Gesellschaft dient die Arbeit nur als Gewährleistung für ein geregeltes Einkommen. Da man somit nur einen Teil irgendeines Ganzen produziert, verliert man die Verbundenheit mit seinem Tun und den Bezug zum eigenen Selbst. Arbeit kann in diesem Sinne nicht mehr als sinnvolle Tätigkeit angesehen werden, da sie keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr in sich birgt.

Die narzisstische Selbstspiegelung des Menschen

Durch den Drang nach Konformität und die entfremdete Arbeitsweise entsteht im Menschen ein „Loch im Selbst“. Dieses wird ferner verstärkt durch den etablierten Gesellschafts-Charakter, der in der heutigen Gesellschaft ein Leben nach außen hin als gesunde Lebensweise vorgibt und auf die Möglichkeit verweist, innere Gefühle der Leere oder Unsicherheit durch die Vielzahl kultureller Opiate zu überdecken. Das Ergebnis dieser Lebensweise ist eine narzisstische Selbstspiegelung des Einzelnen. Durch das ständige Ablenken vom eigenen Innern ist man sich seiner inneren Kräfte nicht mehr bewusst und erfährt sich somit nicht mehr als Initiator seines Handelns. Das eigene Handeln wird vielmehr durch von außen wirkende Kräfte gesteuert. Auf diese Weise ist es unmöglich, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen. Stattdessen kommt es zu einem pseudogesunden Selbstbewusstsein, bei dem der Einzelne sein Selbstwertgefühl auf seiner sozio-ökonomischen Rolle aufbaut. Hierdurch hat sich in unserer Gesellschaft auch in mentaler Hinsicht eine bizarre Marketing-Orientierung ergeben. Für den Einzelnen ist sein Dasein zu einer Art Ware geworden, die im Spiegel des sozialen Echos einen gewissen Wert erlangt: „Sein Körper, sein Geist und seine Seele sind sein Kapital, und seine Lebensaufgabe besteht darin, diese vorteilhaft zu investieren, einen Profit aus sich zu ziehen“. Ihren höchsten Ausdruck hat dieser Wunsch nach einer spiegelnden Aufmerksamkeit in den Massenmedien gefunden. Egal ob die Teilnahme an Talk- und Realityshows oder die Vielzahl persönlicher Homepages, alles spricht für den Drang, ein sekundäres Selbstwertgefühl zu erlangen, indem man das Interesse anderer Menschen weckt.

Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich unter anderem die Zunahme der Suizide erklären. Wenn man sein Leben vorwiegend als eine Art Unternehmen betrachtet, in das man seine physischen und psychischen Fähigkeiten möglichst sinnvoll investieren muss, dann schlägt Leben fehl, wenn die Bilanz unterhalb des erhofften Werts liegt. „Man begeht Selbstmord, genau wie ein Geschäftsmann seinen Bankrott erklärt, wenn die Verluste größer sind als der Gewinn“. Der moderne Mensch lässt sich also insgesamt als „passiver Empfänger von Eindrücken, Gedanken und Meinungen“ beschreiben. Zwar ist er im Laufe der Jahrhunderte erheblich intelligenter geworden, doch hat er, was die Vernunft betrifft, starke Einbußen zu verzeichnen. Seine Intelligenz nutzt er als Werkzeug, sich selbst und andere zu manipulieren. Das vernünftige Hinterfragen von Gegebenheiten, das Urteilen und Handeln nach gefundenen Grundsätzen ist jedoch zugunsten der Konformität eingestellt worden.

Der Massenkonsum

Der entfremdete Mensch wird vielmehr von äußeren Einflüssen statt inneren Strebungen gelenkt. Insofern dient auch der Konsum nicht mehr dazu, sich selbst einen Wohlgefallen zu tun, sondern es geht vielmehr um „die Befriedigung von künstlich stimulierten Phantasievorstellungen“, die vor allem durch die Massenmedien an den Menschen herangetragen werden. Da diese scheinbare Befriedigung die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse des Einzelnen jedoch unbefriedigt lässt, hat sich in der heutigen Gesellschaft eine regelrechte Konsumsucht etabliert.

Das Bedürfnis nach Massenkonsum erzeugt im Gesellschafts-Charakter den Drang, „daß jeder Wunsch sofort befriedigt werden muß und kein Verlangen frustriert werden darf“. Dadurch ist der moderne Mensch weitgehend unfähig geworden, seine Wünsche aufschieben zu können, auch wenn diese nur von der Wirtschaft vorgegeben sind. Anstatt sich mit Konflikten mit dem eigenen Selbst auseinanderzusetzen, beschäftigt sich der Einzelne ständig mit einem neuen Vergnügen aus der breiten Palette kultureller Opiate. In der heutigen Gesellschaft besteht also nicht einmal mehr die Notwendigkeit, sich seiner selbst bewusst zu werden.

Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen

Der entfremdete Mensch ist vor allem durch das hohe Maß an Manipulation sich selbst und anderen gegenüber gekennzeichnet. Die Beziehung zu seinen Mitmenschen kann somit zwangsläufig nur krankhafter Art sein und ist im Allgemeinen von Gleichgültigkeit durchsetzt. Hinter der aufgesetzten Freundlichkeit steht nur der Wunsch nach Selbstbestätigung und die egoistische Motivation, dass der andere einem irgendwann einmal von Nutzen sein könnte.

Zwischenmenschliche Beziehungen sind zudem zu einer weiteren Möglichkeit geworden, sich selbst und seinen Gedanken aus dem Weg zu gehen. Als Mechanismus hierfür dient ein weit ausgeprägter Verbalismus, der sich in der modernen Kultur etabliert hat. „Sich auszusprechen ist Mode geworden“: Durch das sofortige Aussprechen beunruhigender Gedanken wird ein innerer Druck unverzüglich abgebaut. Hierdurch geht jedoch ein wichtiger Schritt zur Selbstfindung verloren, da die Gedanken auf diesem Weg nicht fruchten und zu neuen Ideen führen können.

In der Intimität einer Partnerschaft sucht der Mensch das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Der Mensch ist jedoch nur zum Lieben fähig, wenn er mit sich selbst im Reinen ist. Die entfremdete Lebensweise in unserer Gesellschaft erschwert es folglich dem Einzelnen, eine gesunde Partnerschaft aufzubauen und zu erhalten. Die ausgeprägte Selbstdarstellung erfordert unterschiedliche Rollen, um die geforderte Konformität und Flexibilität zu erhalten. Unter diesem Gesichtspunkt ist es kaum verwunderlich, dass Partnerschaften in der modernen Gesellschaft nur selten von langer Dauer sind bzw. als reine Zweck- und Interessengemeinschaft funktionieren.

In Fromms „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ beschreibt er drei Gesellschaftsformen: System A: Die Lebensbejahende Gesellschaft, System B: Die Nichtdestruktiv-aggressive Gesellschaft und System C: Die Destruktive Gesellschaft. System C ist durch zwei Hauptmerkmale gekennzeichnet; die Bedeutung des Privateigentums und in primitiven Gesellschaften die bösartige Zauberei. Wichtig in diesem System ist die Geheimhaltung und die größte Tugend rücksichtslose Praktiken, durch die man auf Kosten anderer Vorteile einheimst. Die Größte Kunst besteht darin zum Nachteil anderer sich persönliche Vorteile zu sichern. Die Forscher, die zu diesen Erkenntnissen kamen, haben 30 primitive Stämme untersucht.

Destruktivität

In seinem Werk Anatomie der menschlichen Destruktivität untersuchte Fromm verschiedene Aggressionstheorien sowie die Ursachen des Krieges. Er definierte Destruktivität als „bösartige Aggression“ und analysierte sie als eine menschliche Leidenschaft bzw. Charakterstruktur, gleichzeitig auch als einen Zug der kapitalistischen Gesellschaft. Dabei unterschied er drei Grundformen der Destruktivität: spontane Destruktivität, Sadismus und Nekrophilie. Er porträtierte Josef Stalin als klinischen Fall von nichtsexuellem Sadismus, Heinrich Himmler als klinischen Fall des anal-hortenden Sadismus und Adolf Hitler als klinischen Fall der Nekrophilie.

Fromms Pionierleistungen in der empirischen Sozialpsychologie

Den ersten Band der von Max Horkheimer herausgegebenen Zeitschrift für Sozialforschung eröffnete Fromm 1932 programmatisch mit seinem Aufsatz: Über Methode und Aufgaben einer analytischen Sozialpsychologie. Im nächsten Heft folgte ein Beitrag zur psychoanalytischen Charakterkunde. Ohne diese Beiträge sind weder die spätere theoretische Orientierung des Frankfurter Institut für Sozialforschung noch der empirische Forschungsansatz von den Studien über Autorität und Familie bis zur Forschung über Autoritäre Persönlichkeit verständlich.

Fromm entwickelte den wichtigen Begriff des Sozialcharakters und entwarf damit eine wesentliche Brücke zwischen Soziologie, Sozialpsychologie und Differentieller Psychologie (Charakterkunde). In Escape from Freedom erläuterte er 1941 die für die Psychodynamik dieser Furcht und Flucht vor der Freiheit wesentlichen Züge: Autoritarismus, Destruktivität, Rückzug, Selbstinflation, und automatenhafte Konformität. Das psychoanalytisch-sozialpsychologische Konzept des autoritären Charakters.

Bereits in der Berliner Arbeiter- und Angestelltenerhebung hatte Fromm mit der damals in Deutschland noch kaum verbreiteten Fragebogenmethodik bei ca. 700 Personen zu erkunden versucht, wie häufig bestimmte Formen des sozialen Charakters waren. Die Auswertung klassifizierte die Befragten als Autoritärer Charakter, radikaler bzw. revolutionärer Charakter (der aus Vernunftgründen seine Gesellschaft kritisieren kann[5]) oder gemischter bzw. ambivalenter Charakter (widersprüchliche Ergebnisse, d.h. sowohl für ersteren wie für letzteren typische Antworten). Als Autor dieser ersten empirischen Untersuchung zum Autoritären Charakter bzw. zur Autoritären Persönlichkeit hatte Fromm einen wichtigen, aber oft unzureichend gewürdigten Einfluss auf die spätere Forschung, insbesondere auf die sehr oft zitierten Studien zum Thema Autoritäre Persönlichkeit (The Authoritarian Personality) von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford. Seit dem Zerwürfnis zwischen Adorno und Fromm besteht eine auffällige Tendenz mehrerer Autoren des Frankfurter Institut für Sozialforschung Fromms maßgebliche Bedeutung zu ignorieren. Hätte die Berliner Arbeiter- und Angestelltenerhebung der Jahre 1929/30 damals mit einer Publikation abgeschlossen werden können, wäre sie wahrscheinlich zum Fundament der psychoanalytisch inspirierten Sozialpsychologie des Autoritarismus und Faschismus geworden.

Erich-Fromm-Gesellschaft

Die Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft ist ein 1985 von Rainer Funk gegründeter gemeinnütziger Verein. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, das Werk Erich Fromms einem breiten Publikum zugänglich zu machen, zu erforschen und weiter zu entwickeln. Sie dient der Erhaltung, Erforschung, Weiterentwicklung und Vermittlung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und Ideen.

Ihr geht es dabei nicht nur um die wissenschaftliche Reflexion des Frommschen Gedankenguts; ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit Fragen, die sich aus dem Bezug des Werks von Fromm zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen ergeben. Denn Fromms wissenschaftliches Denken und seine humanistischen Ideen zeigen Wege und Möglichkeiten, wie die Gesellschaft menschlicher gestaltet und die Umwelt nachhaltiger geschützt werden kann.

Ende 2009 zählte die Internationale Erich-Fromm-Gesellschaft etwa 650 Mitglieder weltweit. Knapp zwei Drittel der Mitglieder kommt aus den deutschsprachigen Ländern. Die meisten der etwa 50 nord- und mittelamerikanischen und der 50 italienischen und spanischen Mitglieder sind Psychoanalytiker; bei den deutschsprachigen Mitgliedern ist der berufliche Hintergrund sehr viel breiter gefächert und umfasst alle Bildungsgrade.

Die Gesellschaft vergibt den Erich-Fromm-Preis.

Werke und Schriften von Erich Fromm

Literatur

  • Burkhard Bierhoff: Erich Fromm. Analytische Sozialpsychologie und visionäre Gesellschaftskritik. Westdeutscher Verlag, Opladen 1993, ISBN 3-531-12265-7 - Volltext
  • Johannes Claßen (Hrsg.): Erich Fromm und die Kritische Pädagogik, Weinheim; Basel 1991, ISBN 3-407-34060-5Volltext
  • Johannes Claßen (Hrsg.): Erich Fromm und die Pädagogik. Gesellschafts-Charakter und Erziehung, Weinheim; Basel 1987, ISBN 3-407-34013-3Volltext
  • Marko Ferst u. a. (Hrsg.): Erich Fromm als Vordenker. Edition Zeitsprung, Berlin 2002, ISBN 3-8311-3199-6 Leseproben
  • Rainer Funk (Hrsg.): Erich Fromm Lesebuch. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985, ISBN 3-421-06259-5
  • Rainer Funk: Erich Fromm – Liebe zum Leben. Eine Bildbiographie. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, ISBN 3-421-05279-4
  • Rainer Funk: Mut zum Menschen. Erich Fromms Denken und Werk, seine humanistische Religion und Ethik. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1978, ISBN 3-421-01858-8.
  • Rainer Funk, Helmut Johach u. Gerd Meyer (Hrsg.): Erich Fromm heute – Zur Aktualität seines Denkens. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2000, ISBN 3-423-36166-2
  • Rainer Funk: Erich Fromm. 8. Auflage. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2001, ISBN 3-499-50322-0
  • Rainer Funk: Erich Fromms kleine Lebensschule. Herder Verlag, Freiburg i.Br. 2007, ISBN 978-3-451-05927-8
  • Jürgen Hardeck: Erich Fromm – Leben und Werk. Primus-Verlag, Darmstadt 2005, ISBN 3-89678-533-8
  • Helmut Wehr: Fromm zur Einführung. Junius-Verlag, Hamburg 1990, ISBN 3-88506-852-4
  • Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, Theoretische Entwicklung, Politische Bedeutung. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1988, ISBN 3-423-04484-5

Weblinks

 Commons: Erich Fromm – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Fußnoten

  1. Alfred Lévy: Erich Fromm: Humanist zwischen Tradition und Utopie, Königshausen & Neumann, 2002, ISBN 978-3-8260-2242-5, S.13
  2. Seine Akte umfasste mehr als 600 Seiten; vgl. z.B. Rainer Funk: Erich Fromm - Liebe zum Leben: eine Bildbiographie, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, ISBN 3421052794, S. 145.
  3. Text
  4. Karl Marx und Friedrich Engels: Die Deutsche Ideologie: I. Feuerbach, in: Marx-Engels-Werke Band 3, Berlin 1962, S. 33
  5. Vgl. zu anderen Aspekten auch Wolfgang Rissling: Kreativität und revolutionärer Charakter bei Erich Fromm. In: J. Claßen (Hg.): Erich Fromm und die Kritische Pädagogik, Beltz, Weinheim - Basel 1991, S. 127-138.


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